Themen-Experte
Globale Anleihen- und Aktienmärkte

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Globale Anleihen- und Aktienmärkte

US-Notenbank Fed Foto: imago images / Xinhua

Rendite und Stabilität

„Anleihen werden im Portfolio immer ihren Platz haben“

Douglas Hulsey, Western Asset Management

Herr Hulsey, viel wurde über die Auswirkungen des US-Wahlausgangs auf die Aktienmärkte diskutiert. Wie beurteilen Sie das Ergebnis mit Blick auf Anleihen?

Hulsey: Was sich abzeichnet, ist wahrscheinlich das beste Szenario für die Anleihemärkte: Das Repräsentantenhaus bleibt in der Hand der Demokraten um den künftigen Präsidenten Joe Biden. Gleichzeitig sieht es so aus, als würden die Republikaner die Kontrolle über den Senat behalten. Im Hinblick auf die Vorhersehbarkeit des Marktes ist das ein ziemlich gutes Ergebnis.

Im Fokus der Marktteilnehmer steht die Frage nach weiteren konjunkturstützenden Maßnahmen. Wie beeinflussen diese Ihre Einschätzung festverzinslicher Anlagen?

Hulsey: Das ist ein wichtiger Punkt. Die am Anfang der Corona-Pandemie beschlossenen Konjunkturprogramme kamen den Anleihemärkten sehr zugute. Die Corporate Credit Facility der US-Notenbank Fed war eine große Stütze. Ansonsten hätte es viel Instabilität und eine beträchtliche Ausweitung der Zinsaufschläge gegeben.

Sie sprechen die Fed bereits an. Welche Rolle wird sie aus Ihrer Sicht künftig spielen und welchen geldpolitischen Kurs erwarten Sie von ihr?

Hulsey: Als Anleihemanager machen wir uns Sorgen, dass die Zinsen steigen könnten, denn dies würde den Wert des investierten Anleihekapitals senken. Der Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome Powell, hat aber erklärt, man sei für längere Zeit zu einer sehr lockeren Geldpolitik bereit. Er hat sogar angedeutet, dass daran auch ein Anstieg der Inflation nichts ändern würde. Das verleiht dem Anleihemarkt ein hohes Maß an Stabilität. In den vergangenen Monaten haben die Aktienmärkte aufgrund der wirtschaftlichen Erholung eine Rally hingelegt. Und tatsächlich sind auch die Anleiherenditen wieder gestiegen, nachdem sie zum Beispiel für 30-jährige US-Staatsanleihen Anfang März auf einen Tiefstand von 99 Basispunkten – ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozent – gesunken waren. Heute rentieren diese Papiere mit etwa 1,6 Prozent. Die Renditen haben sich also trotz des immer noch historisch niedrigen Niveaus etwas erholt. In jedem Fall ist die Fed eine große Stütze und steigert die Vorhersehbarkeit beim Management von Anleiheportfolios.

Wie schätzen Sie den Inflationsdruck in den kommenden ein bis zwei Jahren ein?

Hulsey: In den USA gibt es bislang keine Hinweise auf eine Inflation – und unserer Meinung nach wird das auch so bleiben. Das ist sehr positiv für die Anleihemärkte.

Ein Corona-Impfstoff kommt, vielleicht sogar schon Ende dieses Jahres. Inwiefern beeinflusst das Ihren Ausblick für Konjunktur und Anleihen?

Hulsey: Die guten Nachrichten aus der Impfstoffforschung wurden am Anleihemarkt sehr positiv aufgenommen – das zeigen der geringfügige Anstieg der Renditen und die Verengung der Spreads. Und der Anleihemarkt ist ziemlich gut darin, vorauszusagen, wie es in einigen Monaten um die Wirtschaft bestellt sein wird. Wir sehen langsam einen Silberstreif am Horizont.

Vom US- zum globalen Anleihemarkt: Nahezu 25 Prozent aller Anleihen weltweit rentieren negativ. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Hulsey: In der Tat fällt auf, dass die Renditen in großen Teilen Europas negativ sind. Dabei geht man normalerweise davon aus, dass Unternehmen Zinsen zahlen müssen, wenn sie sich über die Ausgabe von Schuldtiteln Geld leihen. Aus unserer Sicht sind die Renditen in den Vereinigten Staaten attraktiver als in vielen anderen Regionen, auch wenn sie für Staatsanleihen zugegebenermaßen immer noch sehr niedrig liegen. Doch im Vergleich mit anderen Märkten gefallen uns große Teile des Marktes für US-Anleihen nach wie vor gut. Eine gewisse Verbesserung sehen wir in Asien, daher schätzen wir auch diese Region positiv ein. Europas Wirtschaft muss sich noch von den Auswirkungen des Corona-Virus erholen. Das trübt unsere Einschätzung für entsprechende Anleihen. Trotzdem bleiben wir sehr positiv eingestellt.

Eine Frage, die uns immer wieder gestellt wird: Wie passen Anleihen im Nullzinsumfeld ins Portfolio von Privatanlegern?

Hulsey: Gute Frage! Nehmen wir als Beispiel wieder die 30-jährigen US-Staatsanleihen: Anfang des Jahres erreichte ihre Rendite mit etwa 2,4 Prozent ein Hoch. Viele unserer Privatkunden hielten das aber nicht für attraktiv. Nur wenig später rentierten die Papiere aufgrund der Corona-Krise mit nur noch 0,99 Prozent. Das bedeutete für Anleger in diesem kurzen Zeitraum einen Gewinn von 32 Prozent. Der Grund dafür liegt in der Duration. Diese wird in Jahren angegeben und beschreibt, wie sensibel der Kurs einer Anleihe auf Zinsänderungen reagiert. Aktuell liegt die Duration einer US-Staatsanleihe mit einer Laufzeit von 30 Jahren bei rund 25 Jahren. Das ist sehr lange und bedeutet, dass sich Zinsänderungen in hohem Maße auf das Wertpapier auswirken. Damit möchte ich verdeutlichen, dass die Rendite nicht immer der beste Indikator für das Ertragspotenzial eines Wertpapiers ist.

Spricht neben den Renditemöglichkeiten auch die Stabilisierungsfunktion der Anlageklasse weiterhin für ein Investment?

Hulsey: Ja. Anleihen weisen noch immer eine sehr geringe Korrelation mit traditionellen Risikoanlagen wie Aktien, Private Equity oder Hedgefonds auf. Und die Corona-Krise hat uns eindrücklich daran erinnert, wie wichtig Diversifizierung ist. Ein weiterer Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt: In den vergangenen zehn Jahren hat der Anleiheindex Barclays Aggregate eine Gesamtrendite von 87 Prozent verzeichnet. Davon wurden 80 Prozent durch die Ertragskomponente der im Index enthaltenen Wertpapiere generiert. Der Preisanstieg, den Anleger in diesem Zeitraum hinnehmen mussten, ist also weitgehend zu vernachlässigen. Anleihen bleiben eine gute Möglichkeit, um zuverlässige Erträge zu erzielen, und ihre Volatilität entspricht nur ungefähr einem Viertel von der am Aktienmarkt. Während also Aktien ganz bestimmt ein wesentlicher Bestandteil in jedem vernünftigen Anlagemix sind, werden auch Anleihen in diversifizierten Portfolios immer ihren Platz haben.

Die andere Frage, die uns viele Anleger immer wieder stellen, lautet: „Was sollen wir mit unseren Barmitteln machen?“ Was würden Sie aktuell aus Sicht eines Anleiheexperten raten?

Hulsey: Auch wenn die Geldmarktzinsen niedrig sind, sollten Anleger einen Teil ihres Kapitals in Form von Barmitteln vorhalten, falls aus irgendeinem Grund Zahlungen anstehen. Im Anleihebereich sollten Anleger das lange Ende der Zinskurve in Betracht ziehen und Papiere mit Zinsaufschlägen in ihr Portfolio aufnehmen, um ihre Rendite zu steigern. Außerdem sollten sie über ihre längerfristigen Renditeziele nachdenken.

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