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Investmentchef J.P. Morgan AM „Die schlimmsten Tage meiner 39 Jahre Markterfahrung“

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So war der Montag darauf ein Tag der Hoffnung. Die zehnjährigen Treasury-Renditen wurden bei etwa 0,75 Prozent gehandelt, und die Märkte arbeiteten wieder ansatzweise normal. Doch nach einem kurzen Aufatmen brach die Hölle erst richtig los. Eine Kombination aus weiteren massiven Anleihenverkäufen zur Risikoreduktion, der Realisierung dessen, was der globalen Wirtschaft angesichts des Stillstands bevorsteht, verbunden mit Schätzungen zur Höhe der Fremdfinanzierung, die für die massiven globalen fiskalischen Anreize erforderlich ist, brachte den Anleihenmarkt effektiv zum Erliegen. Sie führte auch zu einem weiteren Renditeanstieg der 10-jährigen US-Staatsanleihen. Diese stiegen und stiegen – bis sie am Donnerstag, 19. März, bei 1,27 Prozent landeten. Das Erschreckende daran war, dass die Zentralbanken ihre geldpolitischen Maßnahmen weiter ausweiteten. Es wurde ein breiter Katalog mit Liquiditätsprogrammen bereitgestellt, mit denen das System aufgefangen werden soll. Die Ankäufe von Assets wurden massiv erhöht. Aber nichts schien zu funktionieren.

Einen Gang zugelegt

Plötzlich jedoch, am Donnerstagnachmittag, begann der Markt zu reagieren. Seit zwei Wochen waren erste Anzeichen einer Stabilisierung zu spüren. Was war passiert? Die geldpolitischen Entscheidungsträger auf der ganzen Welt kamen in der Woche vom 16. März zusammen und arbeiteten rund um die Uhr daran, das System zu sichern. Das soll nicht heißen, dass sie nicht schon zuvor hart daran gearbeitet hätten! Sie haben einfach noch einmal einen Gang zugelegt. Sie haben sich miteinander und mit den Marktteilnehmern kurzgeschlossen, um zu verstehen, was gerade passiert und warum. Und es wurde gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie die Probleme behoben werden könnten.

Auch aus unseren Teams haben sich Kollegen rund um den Globus mit den Aufsichtsbehörden, Währungshütern und staatlichen Finanzverwaltungen ausgetauscht, um eine Lösung zur Stabilisierung des Finanzsystems zu finden. Und als alle zusammengearbeitet haben, gelang es tatsächlich, das Vertrauen zurückzugewinnen, den Markt zu stabilisieren und in den gewohnten Rhythmus zu bringen.

Zeit gewonnen

Das heißt nicht, dass uns nun nur gute Zeiten bevorstehen. Die Pandemie wird die globale Wirtschaft und die Unternehmenswelt für lange Zeit verändern. Die Zentralbanken werden ihre Politik weiter anpassen müssen, um mit der für die Erholung erforderlichen Liquidität zu unterstützen, und die Anleiherenditen werden sich anpassen, je nachdem, wo Restrukturierungs- und Ausfallrisiken auftreten.

Staatsanleihen sind aber nun vorerst wieder ein „sicherer Hafen“. Auch sollte wieder Geld in Investment-Grade-Anleihen fließen. Was beweist, dass das System wieder funktioniert. Dies alles verschafft den Regierungen Zeit, um eine umfassende fiskalpolitische Reaktion zu verabschieden und umzusetzen.


Über den Autor:
Robert Michele ist Investmentchef und Leiter der Gruppe globale Anleihen, Währungen und Rohstoffe bei J.P. Morgan Asset Management.

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