Die Venture Capital-Welt ist im Wandel. Während traditionelle Investoren auf Demo Days und fertige Pitches setzen, geht Antler einen radikal anderen Weg. Das Unternehmen investiert bereits am „Day Zero" – noch bevor Gründer ihre Firma richtig gegründet haben. Christoph Klink, General Partner bei Antler und ehemaliger McKinsey-Berater, erklärt im Gespräch, wie dieser Ansatz funktioniert und warum Europa mehr institutionelles Kapital für Innovation braucht.

Nach über zehn Jahren bei McKinsey wechselte Klink zu Antler, einem 2017 gegründeten Venture-Capital-Investor mit 30 Büros weltweit. „Grundsätzlich ist die Rolle des Beraters gar nicht so viel anders als die Rolle des Investors", erklärt er. „Du bist in beiden Rollen jemand, der an der Seitenlinie steht und hoffentlich hilfreich ist für diejenigen, die eigentlich das Spiel gestalten."

Diese Erfahrung prägt seinen Investmentansatz: Statt nur auf Geschäftsmodelle zu schauen, fokussiert sich Antler stark auf die Menschen dahinter.

160.000 Bewerbungen für 1 Prozent Erfolgsquote

Antler nennt sich selbst „Day Zero Investor" und investiert typischerweise 300.000 Euro für zehn Prozent der Anteile – noch bevor ein Unternehmen richtig existiert. Jüngst erhöhte man das Pre-Seed-Investment sogar auf bis zu 500.000 Euro. „Mittlerweile sehen wir um die 160.000 Opportunitäten pro Jahr", berichtet Klink im Podcast „The Portfolio People“. In Kontinentaleuropa sind es zwischen 20.000 und 25.000 Bewerbungen jährlich, daraus werden nur etwa 35 Investments.

Das Herzstück ist das Residency-Programm: Zwei Monate arbeiten verschiedene Gründer zusammen in einem Antler-Büro. „Wir bringen die Founder schon vor dem Tag Null mit gut 180 weiteren Foundern in so eine Schnellkochtopfumgebung", beschreibt Klink das Programm. Ziel ist es herauszufinden, wer gut zusammenarbeitet und komplementäre Fähigkeiten mitbringt.

Hardware-Renaissance und vertikale KI

Antlers Portfolio ist breit diversifiziert. „Die größten Sektoren für uns in Europa sind Healthtech, Fintech und Climatech", berichtet Klink. Besonders spannend ist die Entwicklung bei Hardware: „Sehr, sehr viele Investoren haben vor zehn Jahren gesagt, wir machen keine Hardware." Heute sei das anders, vor allem im Climate-Tech-Bereich komme man um Hardware nicht herum.

Bei Künstlicher Intelligenz sieht Klink vor allem vertikale Anwendungen: „Es gibt mittlerweile sehr viele vertikale KI-Businesses, also solche, die Tooling für einen gewissen Sektor bauen."

Peec AI ist die am schnellsten wachsende Firma im globalen Antler-Portfolio. Airalo wiederum hat Antler vergangene Woche eine aktuelle Finanzierungsrunde über 220 Millionen US-Dollar bekannt gegeben, wodurch die Firma mit mehr als 1 Milliarde US-Dollar bewertet wird. Antler hat 2019 in das Start-up investiert und es seitdem über alle Phasen hinweg auf den Weg zum Unicorn begleitet. 

Europas VC-Markt: Wachstum mit strukturellen Problemen

Die europäische Venture Capital-Landschaft zeigt sich trotz geopolitischer Spannungen robust. „Das investierte Kapital in Europa hat sich über die letzten zehn Jahre in etwa verzehnfacht„, berichtet Klink. Trotzdem bleibt ein strukturelles Problem: „Wenn du den europäischen VC-Markt mit dem US-Markt vergleichst, dann siehst du im US-Markt viel stärkere, höhere Quoten für Venture Capital bei institutionellen Investoren.“

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Investmentmöglichkeiten: Zwei Fonds für verschiedene Phasen

Antler bietet institutionellen und privaten Investoren zwei verschiedene Fondsstrategien an. Der erste Fonds investiert von Pre-Seed bis Series A, der zweite von Series A bis Series C. Antler investiert aus einer deutschen Struktur heraus und hat „eine breite Mischung von sowohl institutionellen als auch privaten Investoren".

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Für Family Offices bietet Antler breite Diversifikation: „Wir investieren aus jedem unserer Fonds heraus in über 100 unterliegende Unternehmen." Zusätzlich teilt Antler laut eigener Aussage den Dealflow proaktiv mit Limited Partners, die dann auch direkt investieren können.

Die größte Herausforderung: Nicht zu gründen

Auf die Frage nach dem größten Wettbewerb hat Klink eine überraschende Antwort: „Unser größter Wettbewerb ist die Entscheidung, keine Firma zu bauen." Statt andere VCs als Konkurrenz zu sehen, identifiziert er das eigentliche Problem: Zu viele potenzielle Gründer entscheiden sich gegen die Selbstständigkeit.

Auf die Frage nach der wichtigsten Änderung in der Finanzbranche nennt Klink eine klare Priorität: „Das wäre aus meiner Sicht die Verfügbarkeit von institutionellem Kapital für Venture Capital Funds." Der Grund: „Wir sehen in den USA, wo manche Endowments mit 15 Prozent Venture-Quoten seit Dekaden agieren und sehr positive, sehr gesunde Returns erwirtschaften."