Wallstreet in Weihnachtsstimmung: Doch wie lange kann sich ein Bullenmarkt dem Abwärtstrend bei Unternehmensgewinnen entziehen, fragt Robeco-Experte van der Welle. Foto: Getty Images

Anzeichen für Reflation abwarten

Niedrigere Gewinne müssen nicht Vorbote eines Bärenmarkts sein

Die Unternehmensgewinne befinden sich im Abwärtstrend, seitdem das Wachstum der Weltwirtschaft in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 an Dynamik verloren hat. Mittlerweile ist das Wachstum des durchschnittlichen Gewinns pro Aktie im S&P 500 Index auf magere 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft. Im MSCI AC World Index ist er sogar um 0,6 Prozent zurückgegangen. Unterdessen sind die Kurse am globalen Aktienmarkt in den zwölf Monaten per Ende November 2019 um eindrucksvolle 17,6 Prozent gestiegen.

In letzter Zeit war eindeutig ein Bullenmarkt ohne Gewinnwachstum zu beobachten. Das wirft die Frage auf, ob das offensichtliche Ignorieren des hinter uns liegenden Höchststands der Unternehmensgewinne für einen Bullenmarkt in der Spätphase künftig überhaupt relevant ist.

Wir befinden uns derzeit in der Abschwächungsphase des Gewinnzyklus bei US-Unternehmen. So sind die positiven Effekte der Steuersenkungen für Unternehmen in den Vereinigten Staaten ausgelaufen, gleichzeitig sind die Lohnstückkosten gestiegen. Die Gewinnmargen liegen nach wie vor auf solidem Niveau, doch ähnelt der stetige Abwärtstrend stark den spätzyklischen Mustern im Vorfeld früherer Rezessionen in den USA.

Gewinnabschwächung ohne Rezession

Es ist wichtig, die Höchst- und Tiefstände in der historischen Entwicklung des Gewinnwachstums mit den Projektionen für das künftige Gewinnwachstum zu vergleichen, um eine bessere Vorstellung davon zu erhalten, wie es nun weitergehen könnte. Das Wachstum des Gewinns pro Aktie in den USA erreichte im vierten Quartal 2018 seinen Höchststand und ging anschließend zurück, als sich die handelspolitischen Spannungen zwischen den USA und China zuspitzten. Die Abwärtsbewegung hat möglicherweise noch nicht ihren Tiefpunkt erreicht.

Der Blick der Teilnehmer an den Finanzmärkten ist nach vorn gerichtet und nimmt typischerweise die nächste Phase des Konjunkturzyklus vorweg. Ausgeprägte Kursbewegungen an den Märkten gehen häufig wichtigen Wendepunkten in Zyklus voraus. So lässt sich im Nachhinein beobachten, dass die ausgeprägte Marktkorrektur Anfang des vierten Quartals 2018 bereits das Erreichen des Höchststands der Gewinnentwicklung im S&P 500 Index und eine allgemeine Abschwächung des Gewinnwachstums im Jahr 2019 vorwegnahm.

Allerdings hat sich der Markt in Erwartung künftiger reflationärer Kräfte in Form fiskal- und geldpolitischer Anreize gegenüber der Abwärtsbewegung der Unternehmensgewinne im Jahr 2019 immun gezeigt. Dies wird in der untenstehenden Grafik deutlich. Dort geht der gewichtete Gewinn pro Aktie im S&P 500 eindeutig zurück, während der Index selbst weiter steigt.

Gegenläufige Entwicklung: Die Gewinne der im S&P 500 vertretenen Unternehmen sind gefallen, während die Aktienkurse gestiegen sind.

Quelle: Refinitiv Datastream, Robeco

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