Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Ökonom Azad Zangana
Wie der Mangel an Arbeitskräften die Investitionen in Technologie vorantreibt
Die weltweite Pandemie hat verdeutlicht, wie anfällig die alternden Arbeitsmärkte in den größten Volkswirtschaften der Welt sind. Und das zu einem Zeitpunkt, als den Regierungen bereits die Möglichkeiten ausgingen, die negativen demografischen Entwicklungen auszugleichen. Die Unterstützung populistischer Parteien im Vereinigten Königreich nach dem Brexit, in den USA nach der Trump-Wahl und zunehmend auch in Europa wirkte häufig einer Verbesserung der Migrationstrends entgegen, die den Druck auf die Arbeitsmärkte hätten mindern können.
Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den größten Volkswirtschaften der Welt schrumpfen. Das daraus resultierende geringere Potenzial für Arbeitskräfte wird dazu führen, dass die Unternehmen auf der Suche nach benötigten Arbeitskräften in einen stärkeren Konkurrenzkampf treten müssen – und in Folge zu einem Anstieg des Arbeitsanteils am BIP und zu einem Rückgang der Arbeitsproduktivität und damit auch der Gewinngenerierung der Unternehmen.
Gewinnwachstum hängt vom Produktivitätswachstum ab
Kurzfristig treibt die geringere Verfügbarkeit von Personal die ausgehandelte Lohninflation in die Höhe. Neben dem kurzfristigen konjunkturellen Druck auf die Gewinnquote gibt es auch strukturelle Faktoren, die die Unternehmen berücksichtigen müssen. Denn die ungünstige demografische Entwicklung und die Überalterung der Bevölkerung in den meisten Ländern der Welt dürften den Arbeitskräftemangel langsam aber sicher verschärfen.
Für Unternehmen und Investoren ist eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung ein großes Problem. Die große Mehrheit der Unternehmen erzielt Umsatz- und Gewinnwachstum durch die Ausweitung ihrer Märkte. Dies erfordert auch eine größere Produktion oder mehr Dienstleistungen, die oft eine Kombination aus Kapital, Arbeit und Land erfordern. Es ist sehr schwierig zu wachsen, während die Zahl der Arbeitskräfte zurückgeht. Das bedeutet, dass das Gewinnwachstum vom Produktivitätswachstum abhängt und nicht einfach vom Wachstum der Nachfrage und des Angebots.
Die Bewältigung des strukturellen Inflationsdrucks und die zu erwartende Verschärfung des Personalmangels wird zukünftig die größte Herausforderung für die Unternehmen sein. Der Einsatz von Automatisierung, Robotik und künstlicher Intelligenz ist die einzige Möglichkeit für die meisten Unternehmen, in diesem schwierigen Umfeld weiter zu wachsen.
Robotik und KI als Lösung
Seit Anfang 2023 begeistert die explosionsartige Entwicklung der generativen KI die Anleger:innen. Sie ist ein fantastischer technologischer Sprung für Unternehmen, die damit bessere und kostengünstigere Waren und Dienstleistungen anbieten können.
Unserer Ansicht nach wird es nun weniger um die Entwicklung neuer Technologien gehen (auch wenn dies möglich sein mag), sondern vielmehr um die Übernahme und schnellere Ausweitung des Einsatzes bereits vorhandener Technologien.
Seit geraumer Zeit ist ein starkes Wachstum bei der Installation von Robotern, die miteinander kommunizieren und durch die Vorhersage von Ausfällen Fehler korrigieren und die Effizienz in Fabriken verbessern können, zu verzeichnen. 2021 wurde hier ein Plus von 31,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnet (World Robotics 2022, 608329). Da die relativen Arbeitskosten weiter steigen, ist mit einem verstärkten Einsatz von Robotern zu rechnen.
Die Veröffentlichung von Chat GPT durch Open AI im November 2022 zusammen mit anderen, wie zum Beispiel Googles Bard im März 2023, sorgte für einen enormen Wirbel um die Anwendungen dieser Technologie. Es ist daher verständlich, dass die Investor:innen bereits Kapital mobilisieren und nach Möglichkeiten in diesem Bereich suchen.
Die Investitionsmöglichkeiten reichen von Unternehmen, die direkt an der Entwicklung und Weiterentwicklung von KI-Technologien beteiligt sind, bis hin zu solchen, die die zur Unterstützung dieser Systeme erforderliche Hardware und Infrastruktur herstellen. Dies zeigt sich deutlich an der Performance der großen US-Technologieunternehmen im vergangenen Jahr im Vergleich zum übrigen US-Aktienindex.
Schätzungen über den potenziellen Nutzen der Technologie gehen auseinander
Eine detaillierte Studie von Goldman Sachs, in der der Grad der Automatisierung von Aufgaben in der Arbeitswelt untersucht wurde, ergab, dass etwa zwei Drittel der derzeitigen Arbeitnehmer:innen in gewissem Maße der Automatisierung ausgesetzt sind und etwa ein Viertel der derzeitigen Arbeitsaufgaben (nicht Arbeitsplätze) durch KI ersetzt werden könnten („The potentially Large Effects of Artificial Intelligence on Economic Growth” (Briggs/Kodnan), Goldman Sachs Global Investment Research, 26.03.2023.). Insgesamt geht die Studie davon aus, dass 7 Prozent der US-Beschäftigten ersetzt, 63 Prozent ergänzt und 30 Prozent größtenteils nicht betroffen wären.
Die Schätzungen über den potenziellen Nutzen der Technologie gehen weit auseinander. Viele Studien konzentrieren sich auf die Einsparungen für Unternehmen und Sektoren, die durch die eingesparte Zeit entstehen, und verwenden die Löhne der Arbeitnehmer als Maßeinheit, um den Nutzen in Geld zu übersetzen. In einem Bericht von McKinsey & Co (Juni 2023) wird beispielsweise geschätzt, dass generative KI der Weltwirtschaft in 63 untersuchten Anwendungsfällen jährlich 2,6 bis 4,4 Billionen US-Dollar hinzufügen könnte.
Diese Schätzungen beruhen weitgehend auf den Möglichkeiten der derzeitigen Technologie. In dem Maße, in dem sich diese Technologien weiterentwickeln, werden auch ihre Nutzbarkeit und ihre Akzeptanzraten steigen. Gleichwohl reicht die Verfügbarkeit der Technologie allein nicht aus: Auch die Akzeptanz durch die Kund:innen und die wirtschaftliche Vorteilhaftigkeit der Einführung dieser Technologie bestimmen über den Erfolg.
