Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner Lehren aus 70 Jahren deutscher Aktien

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Aktien sind aus statistischer Betrachtung für die Geldanlage ein verlässlicher Kumpan.

Drei Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen. Erstens und das Wichtigste: Aktien sind trotz allem Pessimismus die beste Anlage auf den Finanzmärkten. Mit wenigen kurzfristigen Ausnahmen gingen die Kurse über den gesamten Zeitraum nach oben. Wer unmittelbar nach der deutschen Währungsreform 100 D-Mark beiseite legen konnte (das war damals zugegebenermaßen viel Geld) und in den Aktienindex anlegte, besitzt heute ohne zusätzliche Ersparnis ein Vermögen von 70.000 Euro. Jahr für Jahr hat sich das Kapital um knapp 11 Prozent pro Jahr vermehrt. Dabei sind die "Dürreperioden" und die Rückschläge zum Beispiel in der New Economy-Krise oder der großen Finanzkrise eingerechnet. Mit Gold konnte man seit dem Zweiten Weltkrieg trotz des Riesensprunges mit der Freigabe des Goldpreises Anfang der 70er Jahre nicht annähernd so viel erzielen.

Aktien sind also aus dieser rein statistischen Betrachtung für die Geldanlage ein verlässlicher Kumpan. Wenn die Welt nicht zusammenstürzt (dann haben wir aber andere Probleme) kann man ihnen sein Geld anvertrauen.

Zweitens aber und das ist der Wermutstropfen: Aktien sind – das wurde in der Vergangenheit vielleicht nicht immer ausreichend beachtet – wirklich nur für die Langfristanlage geeignet. Bei aller Euphorie darf man nicht die temporären Einbrüche übersehen. In den großen Krisen 1987, 2000 bis 2004 und 2007/2008 gingen die Kurse jeweils um über 50 Prozent zurück. Anleger verloren über die Hälfte des Vermögens. Wer Anfang 2000 den DAX kaufte, hatte erst sieben Jahre später die Verluste aufgeholt. Ein Jahr später verlor er dann erneut wieder 50 Prozent. Sicher waren das außergewöhnliche Zeiten, die sich nicht so schnell wiederholen. Trotzdem kann man es niemandem verübeln, wenn er bei solchen Schwankungen an der Rationalität der Aktienanlage zweifelt.

Ich bin sicher, dass es nach dem jüngsten Einbruch der Kurse wieder nach oben gehen wird. Aber das Ausgangsniveau von vor einem Jahr wird in diesem Jahr kaum wieder erreicht werden. Also Finger weg von Aktien, wenn man nur an die nächsten fünf oder zehn Jahre denkt.

Drittens, auch unabhängig von Krisen gab es Zeiten, in denen sich Aktien nicht so gut wie andere Anlagen entwickelten. Das war in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Fall. In dieser Zeit konnte man über 20 Jahre mit den Kupons von Festverzinslichen Wertpapieren eine Rendite von 4 Prozent pro Jahr erzielen, verglichen mit durchschnittlichen Kurssteigerungen von gerade einmal 1 Prozent pro Jahr bei Aktien. Aktien sind also nicht immer Top. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir das in Zukunft wieder einmal erleben.

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