Christian Hille, Chef der Asset Allocation der Multi-Asset-Gruppe sowie des Multi Asset Privatkundengeschäfts bei Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM)

Christian Hille, Chef der Asset Allocation der Multi-Asset-Gruppe sowie des Multi Asset Privatkundengeschäfts bei Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM)

Asset-Allocation-Chef von DeAWM

„Sie müssen den Kunden die Illusion nehmen“

//
DAS INVESTMENT.com: Herr Hille, in den vergangenen Jahren haben ja vor allem Anleihen die Rendite bei Mischkonzepten gebracht. Wie wollen Sie die Rendite nun erzielen?

Christian Hille: Wir haben einen ganz starken Fokus auf Aktien und Sachwerten. Von der Anlagerstrategie sind wir auf der Anleihe-Seite zweischichtig aufgestellt. Wir sind auf der einen Seite in sicheren Anleihen mit mittlerer Duration, um damit das Portfolio zu streuen. Auf der anderen Seite wählen wir sehr sorgfältig Hochzins- und Schwellenländer-Anleihen aus – sowohl in harter als auch in lokaler Währung. Wir haben in den Portfolien immer einen sicheren Block und einen mit höherer Rendite. Die Mitte sparen wir aus, denn hier gibt es zwar mittleres Risiko, aber relativ gesehen zu wenig Rendite nach Jahren der Spread-Einengung im Investmentgrade- und Hochzins-Anleihebereich.

Und auf welche Aktien setzen Sie genau?


Wir haben den Fokus auf entwickelte Länder: die USA und Europa. Trotz des schwierigen ersten Halbjahres sind wir immer noch sehr positiv gestimmt. Man darf in Europa auch die Auswirkungen der Währungen auf einige Unternehmen nicht unterschätzen – zum Beispiel für Exportunternehmen wie Adidas, Nestlé oder Novatis, die insbesondere im ersten Quartal gelitten haben. Der europäische Markt ist dabei im Vergleich zum amerikanischen bewertungstechnisch immer noch günstiger, er hat zudem Nachholbedarf – das ist schon mal ein Vorteil.

Schwellenländer sehen wir aber eher in der zweiten Hälfte des Jahres wieder im Kommen, einige ausgewählte sind auch jetzt schon interessant. Im Moment ist das noch nicht wirklich das große Thema für uns.

Wie sieht es denn mit Rohstoffen aus?


Der Superzyklus der Rohstoffe ist vorbei. Gold könnte allerdings immer wieder ein Thema sein. Gold hat unter einem großen Abverkauf gelitten, sich jetzt aber stabilisiert. Der Markt ist quasi bereinigt. Das ist gut. Wir sind aber nicht unbedingt in einem Umfeld, wo wir davon ausgehen, dass Gold der super Renditebringer ist. In Zeiten der Finanzrepression ist Gold schon interessant – wir sind zwar in einer Finanzrepression, aber die Inflation kommt nicht wirklich hoch. Solange das nicht passiert, ist Gold kein Thema. Die Leute fokussieren sich eher auf Aktien, Immobilien und Infrastrukturanlagen.

Sind die Anleger beim momentanen Marktumfeld denn bereit mehr Risiko einzugehen?

Hier muss die Industrie noch Aufklärung leisten. Wir kamen aus einer Welt mit risikofreier Rendite, jetzt haben wir ein renditefreies Risiko. Die Leute müssen wieder Risiko nehmen und zum Beispiel Aktien kaufen. Ich bin in diesen Zeiten einer der größten Fans von Aktien. Reale Werte – also Unternehmensbeteiligungen – sind das Thema schlechthin. Aber wenn ich eine Unternehmensbeteiligung habe – also eine Aktie – habe ich auch eine gewisse Volatilität, die potenziell da ist. Und das ist der Kunde eigentlich nicht mehr gewohnt. Wenn Kunden vorher in erster Linie Anleihe-Investoren waren, dann müssen Sie Ihnen die Illusion nehmen, dass Kapitalmarktprodukte komplett sicher und ohne Volatilität sind - gerade in der heutigen Zeit.

Das Ziel bei Multi Asset ist es deshalb auch, die Volatilität in die sogenannte Risiko-Komfort-Zone des Kunden runterzubringen, sodass dieser in die realen Anlagen geht und nicht traumatisiert wird. Sonst ist die Gefahr groß, dass er bei Minus aussteigt, aber das Plus danach nicht mitnimmt. Im Übrigen: Je länger der Investmenthorizont ist desto geringer wird die Schwankung. Die Chance, dass ich über 10, 15 oder 20 Jahre wirklich Kapital verliere, ist nicht wirklich groß. Hier versuchen wir bei Privatkunden-Produkten die institutionelle Denke reinzubringen.

Aber die Anleger sind noch nicht offen dafür?


Viele Kunden sind noch zu konservativ. Sie sitzen teilweise in sehr sicheren Anlagen. Die Cash-Quoten sind extrem hoch, sodass sie einen realen Wertverlust haben – also nach Abzug der Inflation. Mal langfristig gedacht: Wenn ich 1 Prozent Zinsen und 3 Prozent Inflation hätte, dann würde ich über 35 Jahre mein Kapital halbieren. Der Kunde ist aber dennoch nicht bereit, ins Risiko zu gehen. Obwohl sie bei Multi Asset nicht das komplette Aktienrisiko haben, sind sie auch hier noch oft sehr vorsichtig und zurückhaltend.

Mehr zum Thema
DeAWM-Anlagechef„Wir stehen vor einem Jahrzehnt der Aktie“ Chef für aktives ManagementDeAWM holt sich Europachef von AGI