Christian von Hirschhausen<br>Quelle: DIW

Christian von Hirschhausen
Quelle: DIW

Atomausstieg: „Falsche Fixierung auf die Kosten“

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Landauf, landab wird derzeit über die Kosten der Energiewende diskutiert, als handele es sich dabei um ein Gut, welches man zu einem gewissen Preis kaufen könnte, oder eben auch nicht. Je nach Annahmen ergeben sich höhere oder niedrigere Kosten, in der Regel im zweistelligen Milliardenbereich.

Abgesehen davon, dass es sich dabei angesichts der zwei bis drei Jahrzehnte, die die Energiewende hin zu erneuerbaren Energieträger benötigen wird, um relativ geringe Beträge handelt, geht die Diskussion am eigentlichen Punkt vorbei: Das Kriterium für die Bewertung wirtschafts- und energiepolitischer Maßnahmen sind nämlich nicht die Kosten, sondern die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt. Diese setzt sich unter anderem aus Konsumentenrenten für Verbraucher, Deckungsbeiträgen für Unternehmen, sauberen und sicheren Umweltbedingungen zusammen.

Ein gesamtwirtschaftlicher Ansatz ergibt also andere Bewertungen als eine rein betriebswirtschaftliche Kostenbetrachtung. Natürlich entstehen bei der Energiewende Kosten, für den Ausbau erneuerbarer Energien, für Energieeffizienzmaßnahmen oder den Netzausbau. Diesen Kosten stehen jedoch Wohlfahrtsgewinne gegenüber, so dass nur ein Vergleich der beiden Größen eine Aussage erlaubt.

Konkrete Beispiele machen dies deutlich: So wird mit der Kernkraft der mit Abstand teuerste Energieträger aus dem Energiemix entfernt. Mittelfristig führt dies zu erheblichen Kostenentlastungen. Kernkraft ist unter Marktbedingungen nicht wettbewerbsfähig, weil diese Technologie sowohl die höchsten fixen als auch die höchsten variablen Kosten aufweist, berücksichtigt man die bis heute ungelösten Fragen der Aufarbeitung und der Endlagerung.

Bisher konnte Atomstrom nur deshalb so billig angeboten werden, weil die Gesellschaft den größten Teil der Kosten übernahm. Dies gilt übrigens bis heute für den Fall von größeren Unfällen, welche nicht versichert sind und damit pauschal der Gesellschaft aufgebürdet werden.

Umgekehrt wird die Durchsetzung einiger erneuerbarer Energien dazu führen, dass Strom in vielen Stunden des Jahres wesentlich günstiger wird als heute, und teilweise sogar zu variablen Kosten von Null angeboten werden wird. Bereits heute ist der sogenannte „Merit-Order-Effekt“ erheblich, mit dem Wind- und Sonnenenergie zu einer Senkung des Strompreises beitragen. Diese Effekte werden sich mit zunehmendem Anteil dieser Energieträger sogar noch verstärken.

Auch der zur besseren Nutzung der geografisch verteilten Potenziale erneuerbarer Energien notwendige Netzausbau ist gesamtwirtschaftlich und energiewirtschaftlich sinnvoll. Die Kosten der Verhandlungen mit den vom Leitungsausbau betroffenen Bürgern tragen mittelfristig zu positiven Wohlfahrtseffekten bei, ist doch eine im Kompromiss erzielte Trassenfestlegung eine gute Basis für eine zügige Umsetzung.

Und auch die deutsche Industrie wird von der Energiewende erheblich profitieren, und zwar durch den Innovationsschub bei nachhaltiger Energietechnologie. Bereits heute gehören deutsche Unternehmen zu den Weltmarktführeren bei green innovation, und die Energiewende hierzulande wird die Wettbewerbssituation
weiter stärken.

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