Manche Gespräche brauchen den richtigen Rahmen. Und manche Weine brauchen die richtige Gesellschaft.
„Auf ein Glas mit" ist unser neues Format – und es ist genau das, wonach es klingt: ein offenes Gespräch über das Business, den Antrieb dahinter und die Frage, was einen nachts wachhält. Ohne Foliensatz, dafür mit einem guten Schluck im Glas. Den Anfang macht Martin Steinmeyer, Gründer und CEO der Netfonds AG – einem der wenigen Unternehmen in der Finanzbranche, das schon 2000 auf digital setzte, als auf dem Land noch kein Internet ankam. Heute steuert er einen der größten Maklerpools Deutschlands durch KI-Hype, Regulierungsdschungel und frisches Private-Equity-Kapital von Warburg Pincus.
Im Glas an diesem Abend: ein Château d'Yquem 2015. Ein Wein, der – wie Steinmeyer selbst – nicht durch schnelle Gewinne überzeugt, sondern durch Beharrlichkeit, Struktur und die Überzeugung, dass sich Geduld am Ende auszahlt. Was das flüssige Gold aus Sauternes als Geldanlage taugt und warum der Jahrgang 1945 heute für mehr als 25.000 Euro die Magnum gehandelt wird, erklärt Henrik Maaß von Liquid Grape im Anschluss.
Erst das Gespräch. Dann der Wein. Los geht's.
DAS INVESTMENT: Herr Steinmeyer, „Auf ein Glas mit" heißt die Rubrik – mit wem würden Sie denn ein Glas teilen, wenn es um die großen Linien in Ihrem Business geht?
Martin Steinmeyer: Erstmal bin ich sehr froh, dass ich einen heterogenen Kollegenkreis habe. Meine Vorstandskollegen sind wichtige Sparringspartner, weil jeder seine eigenen Eindrücke hat. Zusätzlich habe ich einen sehr guten Kompass mit meiner Frau zu hause. Und da bin ich auch froh drum. Da stelle ich auch häufiger Fragen, die mich in die grobe Richtung leiten.
Etwas abgedroschen, oder?
Steinmeyer (lacht): Ja, das klingt abgedroschen! Aber ich ertappe mich auch immer dabei, dass ich Dinge manchmal anders sehe und danach nochmal...
... genordet werde?
Steinmeyer: Genau.
Sie sind mit Anfang 20 ins Unternehmertum gestartet – eine Zeit, in der viele studieren oder verschiedene Jobs ausprobieren. Was war Ihr innerer Antrieb?
Steinmeyer: Ich hatte vorher mein Abi gemacht, war bei der Bundeswehr, dann dieses „Leben in der Lage" – also mal was anderes probieren. Ich hatte ein Studium begonnen, sogar mit Stipendium. Und musste meinen Eltern erklären, warum ich das nicht fortführe.
Was haben Sie da gesagt?
Steinmeyer: Es gab so ein Lehrfach, Entrepreneurship. Da habe ich mir gedacht: Wenn sich die Chance ergibt, warum mache ich das nicht einfach? Vielleicht habe ich auch nicht so viel darüber nachgedacht – und das ist manchmal auch gar nicht mal schlecht.
Haben Sie soweit geplant, wie es heute läuft?
Steinmeyer: Nein, nein. Ich war ja nur mir selbst verpflichtet und dachte: Egal wie es läuft, das werde ich schon irgendwie hinbekommen. Aber eine Sache bleibt ein ganz wesentlicher Treiber: Fleiß, nicht aufzugeben und Herzblut zu haben.
Was ist heute Ihre wichtigste Aufgabe als CEO – die nicht in der klassischen Jobbeschreibung auf Linkedin stehen würde?
Steinmeyer: Erstmal: Auf Linkedin ist ja jeder zweite CEO, der einen kontaktiert (lacht). Aber im Ernst: Organisationsstrukturen schaffen, die allen verständlich sind. Das klingt deutlich unglamouröser – und manchmal ist es auch nicht nur glamourös, das muss man sagen. Dabei nie vergessen, mit den Leuten zu sprechen, durch die Flure zu gehen, ein offenes Ohr zu haben.
Strukturiert es sich heute leichter als früher?
Steinmeyer: Das musste ich lernen. Seit anderthalb, zwei Jahren haben wir uns ernsthaft damit beschäftigt und seit Anfang dieses Jahres einen Lean-Management-Coach. Der macht Geschäftsorganisationsentwicklung – wir sehen auch schon, wo das greift und wo das Ruhe reinbringt.
Was bereitet Ihnen aktuell Kopfzerbrechen?
Steinmeyer: Die technologische Weiterentwicklung, KI als Buzzword – ich kann es ja fast nicht mehr hören. Aber: Wie näherst du dich dem wirklich? Weggehen wird das nicht, und das hat echt Potenzial, Dinge zu verändern. Von den Gedanken her: Wie kriegst du es in die Köpfe rein, dass sich Menschen damit auseinandersetzen, statt immer nur darüber zu reden? Das zum Ausprobieren zu bringen – das ist, glaube ich, in jedem Unternehmen in Deutschland noch etwas anders.
Was ist konkret möglich, das vor drei, vier Jahren noch undenkbar war?
Steinmeyer: Wir haben seit 2018 eine komplett neue Technologie aufgebaut – das ist die Basis, um KI bei uns schnell reinzubringen. Wir haben Datenprozesse verändert und mehr Datenanlässe generiert. Wir müssen herausfinden, wo die Grenze ist. Ich glaube auf jeden Fall, dass wir noch lange nicht alles ausgetestet haben. Und: Der Mensch wird dabei nicht unwichtiger – vielleicht sogar wichtiger.
Was nervt einen Berater heute mehr: zu wenig Technik oder zu viel davon?
Steinmeyer: Die sind fast alle eigenständige Unternehmer und unterschiedliche Typen. Die eine Hälfte musst du abholen beim Stand „nutze doch wenigstens mal ChatGPT". Andere sagen: Mehr, mehr! Das Thema Agenten und Vibe Coding steht bei uns ganz weit oben – das ist die größte Diskussion, die wir aktuell im Haus führen.
Vibe Coding?
Steinmeyer: Das heißt, du siehst den Code gar nicht mehr selbst, sondern hast einen guten Fach-Menschen, der der KI sagt, was sie entwickeln soll. Das ist wild, was da geht. Aber dann unterliegst du auf der anderen Seite der Regulatorik, Stichwort Dora. Wie kriegst du diesen Spagat hin?
Die Regulierung rennt der Technik hinterher.
Steinmeyer: Das Tempo ist unterschiedlich, sagen wir es mal so. Und ich will ja auch gar keine Risiken ausblenden. Wir versuchen beide Wege zu gehen. Aber so haben wir immer getickt: Als wir 2000 an den Start gingen, war die Frage, ob man ein Online-Tool oder Offline-Tool ist – auf dem Land hattest du ja gar kein Internet. Da haben wir gesagt: Die Zukunft ist online. Und haben damals übrigens Kunden verloren. Gleiches war mit der Cloud. Wir waren einer der Ersten – und die Hälfte sagte: Auf gar keinen Fall, ich will die Daten im Keller haben.
Gibt es eine Entscheidung aus jüngster Zeit, bei der Sie länger gezögert haben?
Steinmeyer: Aktuell ist es bei vielen Themen so, dass man sich fragt: Nutze ich externe Tools oder will ich eine eigene Welt bauen? Wenn es ein Kernprozess ist, gibst du den nicht aus der Hand. Man darf aber nicht zu selbstverliebt sein – sonst verlierst du an Geschwindigkeit. Was für uns eine Entscheidung war, die wir lange vorbereitet haben: Wir fangen in diesem Jahr an, Maklerbestände zu übernehmen – im Investmentbereich und in der Versicherung.
Was kostet Sie heute am meisten Energie?
Steinmeyer: Meetings. Wenn ich das Gefühl habe, wir sind nicht mehr effizient und beschäftigen uns zu sehr mit uns selbst. Deswegen auch diese Organisationsstrukturen – dass jeder weiß, wo wir hinwollen. Das sind Wachstumsschmerzen, die tun weh. Die fühlen sich nicht so produktiv an.
Und wobei merken Sie am stärksten, warum Sie den Job noch gerne machen?
Steinmeyer: Weil meine Kollegen da sind. Weil wir es in einer gewissen Harmonie machen – nie zu 100 Prozent. Und ich glaube an unsere Branche, ich glaube an unser Geschäftsmodell. Da stehen wir eigentlich erst am Anfang. Und das sagen wir schon seit 20 Jahren.
Wir treffen uns heute auf ein paar schöne Flaschen. Wofür würden Sie das Glas stehen lassen?
Steinmeyer: Es gibt wenig Gründe, warum ich Gläser in Gemeinschaft mit netten Leuten stehen lasse. Wenn es gesellig ist und wenn es einen Schluck Wein dazu gibt und das Ganze nochmal locker wird – dann gibt es wenig Dinge, wo ich sage: Jetzt gehe ich.
Dann genießen Sie mal.
Steinmeyer: Das werde ich machen.
Die Süße der Zeit: Château d'Yquem zwischen Kriegsende und Gegenwart
Flüssiges Gold im Glas; diese Metapher für Château d'Yquem ist nicht nur optisch zutreffend. Die goldgelbe Farbe des 2015er verspricht bereits, was sich in der Nase entfaltet: geröstetes Brot trifft auf Safran, unterlegt von dezenter Vanille. Der erste Schluck offenbart die ganze Meisterschaft von Sauternes' einzigem Premier Cru Supérieur. Kraftvoll und ausdrucksstark präsentiert sich der Wein, mit einer Balance zwischen Süße und Säure, die ihresgleichen sucht. 144 Gramm Restzucker pro Liter – eine Zahl, die auf dem Papier erdrückend wirkt, sich am Gaumen jedoch in kristalliner Reinheit auflöst. Die Länge ist beeindruckend, der Nachhall scheint endlos.
Die Cuvée aus 75 Prozent Sémillon und 25 Prozent Sauvignon Blanc zeigt exemplarisch, warum Kritiker hier regelmäßig Höchstnoten vergeben. Neal Martin attestiert dem 2015er 97 von 100 Punkten und bescheinigt ihm „wonderful delineation“, also wunderbare Präzision. Yohan Castaing von Robert Parker geht noch weiter und vergibt 99 Punkte: „An opulent but charming vintage“ mit einem Trinkfenster bis 2070. Er hebt besonders die „crystalline and pure“ Qualität hervor, die durch die Tonböden eine außergewöhnliche Konzentration am Mittelgaumen entwickelt.
Selbst die kritische Jancis Robinson schwärmt von „utter joy“ und vergibt 19,5 von 20 Punkten. Jane Anson bezeichnet den Wein als „utterly spellbinding“ und lobt die luxuriöse Textur, die der höhere Sémillon-Anteil ermöglicht.
Rendite in Dekaden, nicht Jahren
Der Vergleich mit Gold greift zu kurz, wenn man nur die jüngste Vergangenheit betrachtet. Über die vergangenen zwei Jahre entwickelte sich der 2015er seitwärts, nichts was Goldanleger aktuell beeindrucken würde.
Die wahre Perspektive eröffnet sich erst über Jahrzehnte. Der historische Jahrgang 1945, damals für etwa 35 französische Francs verkauft, wechselte im November 2025 selbst in schlechtem Zustand für 3.600 Euro den Besitzer. Eine perfekte Magnum ex Château kostet heute deutlich über 25.000 Euro. Das entspricht einer annualisierten Rendite von über 8,5 Prozent; über acht Jahrzehnte hinweg, wohlgemerkt für die Flasche im schlechten Zustand. Selbst konservative Anlageformen können mit solcher Konstanz selten mithalten.
Ein entscheidender Faktor: Yquem gehört seit 15 Jahren konstant zu den 15 meistgesuchten Weinen bei Wine-Searcher. Diese Liquidität unterscheidet das Château von vielen anderen Süßweinen. Während Rieussec oder Climens Nischenmärkte bedienen, genießt Yquem globale Anerkennung und entsprechende Handelsvolumina. Die Marke funktioniert sowohl in Asien als auch in den klassischen europäischen und amerikanischen Märkten – ein Alleinstellungsmerkmal in der Kategorie edelsüßer Weine.
Die Kombination aus kritischem Konsens (durchschnittlich 98 Punkte über alle relevanten Kritiker), historisch bewiesener Wertstabilität und hoher Marktliquidität macht Yquem zu einer der sichersten Wetten im Fine-Wine-Segment. Das Risiko liegt nicht im Wein selbst, sondern in der Disziplin des Investors.
Die Generationen-Anlage
Zeit ist der entscheidende Faktor bei Yquem – mehr als bei fast jedem anderen Wein. Dies ist der klassische „Buy and Forget“-Kauf. Wer heute eine Kiste 2015er erwirbt, sollte bereits die nächste Generation mitdenken. Mit einem Trinkfenster bis 2070 sprechen wir von einer Anlage über drei bis vier Dekaden.
Die Investment-Logik ist klar, aber anspruchsvoll: Perfekte Lagerbedingungen über Jahrzehnte, Geduld über Generationen hinweg und die Fähigkeit, kurzfristige Marktschwankungen zu ignorieren. Der 2015er ist kein Trade, sondern ein Testament.
Wer den Genuss nicht aufschieben möchte, findet bereits heute gereifte Yquem-Jahrgänge im dreistelligen Bereich. Der 1990er etwa; ein Wein, der mich in Bordeaux erstmals in den Bann zog und seitdem nicht mehr losgelassen hat. Manchmal ist die beste Rendite die, die man trinkt.
Henrik Maaß, Liquid Grape