DAS INVESTMENT Versicherungen: Frau vom Bruck, in Ihrer Freizeit sind Sie passionierte Bergsteigerin, beruflich müssen Sie Kapitalanlageentscheidung in volatilen Märkten treffen. Welche Parallelen zwischen Ihrem Beruf und dem Bergsport fallen Ihnen ein?
Alina vom Bruck: Spontan fallen mir drei Parallelen ein: erstens die sorgfältige Vorbereitung – am Berg heißt das Ausrüstung, Routenwahl, Wetter- und Lawinenlage, im Beruf Planung, Szenarioanalysen und Stresstests. Zweitens der bewusste Umgang mit Risiko: Ich kann weder Kapitalmärkte noch Wetterveränderungen kontrollieren, aber ich kann sehr genau definieren, welches Risiko ich eingehen möchte und wo meine „rote Linie“ verläuft. Drittens die Bedeutung des Teams: In einer Seilschaft wie in einem Vorstand und auch in der Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen zählt, dass man sich fachlich und menschlich vertraut, offen Risiken anspricht und auch einmal den eigenen Ehrgeiz hinter die Sicherheit der Gruppe stellt.
Sowohl am Berg als auch im Konzernvorstand müssen Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden. Sie haben in einem früheren Gespräch erwähnt, dass Sie die Entscheidung, weiterzugehen oder umzukehren, als eine der schwierigsten Momente in Ihrem Sport empfinden. Sie haben einmal die Besteigung des Fast-7.000ers Aconcagua abgebrochen, weil es unter den gegebenen Umständen die vernünftigste Entscheidung war. Gab es in Ihrer Karriere bei der Gothaer eine vergleichbare Situation, wo Sie einen eingeschlagenen Weg bewusst abgebrochen haben?
vom Bruck: Die Entscheidung am Aconcagua, kurz vor dem Gipfel umzudrehen, war ein prägender Moment. Obwohl ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war, denke ich trotzdem oft nach, ob es nicht vielleicht doch geklappt hätte. Eine vergleichbare berufliche Situation hatte ich gerade aktuell in einem Projekt, das wir zwei Mal neu aufgesetzt haben und den Scope neu definiert haben, da wir nicht zu den erwarteten Ergebnissen gekommen sind. Mit diesen Änderungen haben sich auch personelle Änderungen ergeben, was für mich schwierig war, da die Personen nichts für den bisherigen Projektverlauf konnten.
„Würde ich das machen, wenn es mein Geld wäre?“
Sie tragen Verantwortung für Milliarden-Kapitalanlagen – und am Seil buchstäblich für Menschenleben. Wie unterscheidet sich die psychische Belastung, und was lernen Sie aus der einen Situation für die andere?
vom Bruck: Am Berg bin ich sehr vorsichtig und wenn ich den Berg nicht einschätzen kann, mit einem Bergführer unterwegs. Auch im Job lasse ich eine gewisse Vorsicht walten. Die wichtigste Frage ist: „Würde ich das machen, wenn es mein Geld wäre?“ Als Lebensversicherer tragen wir die Verantwortung für die Kundengelder – es geht um die Altersvorsorge und finanzielle Sicherheit von Menschen, für die diese Gelder oft ihr Lebenswerk darstellen.
Aus dem Bergsport nehme ich drei Dinge mit in den Beruf: erstens das konsequente Risikomanagement – lieber früh zurückschauen und gegebenenfalls korrigieren, als sich „hochzuarbeiten“, nur weil man schon so viel investiert hat. Zweitens die Bedeutung von Ruhe unter Druck: Am Berg wie im Markt hilft es, den Fokus auf den nächsten guten Schritt zu legen. Wenn man die Ruhe verliert, trifft man keine guten Entscheidungen. Und drittens die Kultur in der Seilschaft: Man arbeitet zusammen, man hört einander zu und man trifft Entscheidungen gemeinsam.
Im Risikomanagement arbeitet man mit Szenarien und Stresstests. Welches Szenario haben Sie am Berg erlebt, das Sie niemals hätten modellieren können – und was hat das für Ihre Arbeit als Vorständin bedeutet?
vom Bruck: Als ich meinen ersten hohen Berg bestiegen habe, habe ich mit viel gerechnet, allerdings nicht damit, dass ich schon bei etwa 3.000 Metern leichte Anzeichen der Höhenkrankheit bekomme. Das hat mich zunächst sehr demotiviert. Am Ende war es einen Tag später wieder in Ordnung, aber mir fehlte die Erfahrung, das einzuordnen. Was ich daraus gelernt habe, ist zweierlei: Erstens die Notwendigkeit, anderen zu vertrauen – in diesem Fall dem Bergführer –, wenn man in einer Situation ist, die andere besser einschätzen können. Zweitens, dass unvorhergesehene Ereignisse alles auf den Kopf stellen können und man die Situation dann neu einschätzen muss.
Sie haben Solvency II von Anfang an begleitet – ein Regelwerk, das Risiko quantifizierbar machen soll. Wie viel davon ist tatsächlich anwendbar, und wo versagt die Mathematik?
vom Bruck: Ein Modell kann nicht alles abbilden, sondern gibt uns nur eine Indikation. Modelle eignen sich gut, um bestimmte Risiken einzuschätzen, aber uns muss immer bewusst sein, dass wir blinde Flecken haben, wenn wir ausschließlich auf ein Modell schauen. Sensitivitätsanalysen und Szenarien helfen unterstützend, Dinge abzubilden, die das Modell so nicht erfasst. All das gilt so auch für Solvency II. Das Standardmodell halte ich für geeignet – und es war damals eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu bestehenden Modellen. Für unsere Risikobeurteilung schauen wir uns daher weitere Kennzahlen an.
