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Aktualisiert am 08.12.2023 - 16:11 Uhrin NewsLesedauer: 9 Minuten

Bürgerbewegung Finanzwende „Ausbeuterisch und sektenhaft“: 22 (Breit)-Seiten gegen DVAG-Methoden

DVAG-Zentrale in Frankfurt
DVAG-Zentrale in Frankfurt: Die Deutsche Vermögensberatung ist der mit Abstand größte Finanzvertrieb in Deutschland. | Foto: DVAG

Der Verbraucherverein Bürgerbewegung Finanzwende, 2018 vom damaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick gegründet, hat in einem 22-seitigen Papier die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) angegriffen. Überteuerte Produkte, eine bedrohte Demokratie wegen Finanzlobbyismus durch Parteispenden sowie ausbeuterische und sektenartige interne Strukturen - die Vorwürfe zu den Geschäftspraktiken der DVAG sind drastisch.

Altbekannte Vorwürfe

Neu sind sie allerdings nicht. Schon in der Einleitung des Dossiers ist von dem 1996 erschienen Buch „Beraten und Verkauft: Die Methoden der Strukturvertriebe“ des ehemaligen DVAG-Mitarbeiters Wolfgang Dahm die Rede. Später heißt es: „Diesen Faden greift die Bürgerbewegung Finanzwende wieder auf. Basierend auf der langjährigen Arbeit von Journalisten, Verbraucherschützern, Anwälten und DVAG-Aussteigern haben wir drei Gründe zusammengestellt, dem Konzern den Rücken zu kehren.“

Es bleibt unklar, warum Finanzwende sich gerade jetzt die DVAG vorknöpft, denn ein aktueller Anlass für die Veröffentlichung wird nicht genannt. Eine Rolle könnten die auch in dem Papier genannten Aktivitäten der DVAG und ihr nahestehender Verbände zur Abwehr eines Provisionsverbots spielen. Dieses steht, wenn auch nur noch in abgeschwächter Form, bei den aktuellen Verhandlungen zur sogenannten EU-Kleinanlegerstrategie im Raum.

Starkes Netzwerk in die Politik

Der erste Vorwurf bezieht sich auf das enge Netzwerk in der Politik. Demnach würden frühere und heutige Bundestags- oder Europaabgeordnete, ehemalige Minister und Parteifunktionäre in die eigene Interessenwahrnehmung eingebunden. Zum derzeitigen DVAG-Beitrat gehören unter anderem Ex-Finanzminister Theo Waigel, Ex-Staatsminister Udo Corts (CDU), Ex-Bundesministerin Brigitte Zypries (SPD) oder der frühere Bundestagsvize Herrmann-Otto Solms (FDP).

Als Mitglied im Wirtschaftsrat der CDU sowie dem Wirtschaftsforum der SPD genieße die DVAG zudem privilegierten Lobbyzugang zu beiden Parteien. Auch öffne der frühere Bundestagsabgeordnete und CDU-Generalsekretär Peter Tauber als Lobbyist Türen für die DVAG und dem ihr nahestehenden Verband DUV (Deutscher Unternehmensverband Vermögensberatung). Schon legendär ist die freundschaftliche Beziehung des verstorbenen Altbundeskanzlers Helmut Kohl zu Unternehmensgründer Reinfried Pohl.

Parteispenden, um Provisionsverbot zu verhindern?

Die Parteien profitieren laut Finanzwende ihrerseits von Spenden des Unternehmens. Seit der Offenlegungspflicht für Partei-Großspenden im Jahr 2002 habe das „Firmen- und Lobbynetz“ der DVAG  8,4 Millionen Euro gespendet. Nur der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und der Autokonzern BMW
beziehungsweise seine Eigentümerfamilie würden dies übertreffen. Von DVAG-Millionen ging der Großteil, 64 Prozent aller Spenden, an die CDU, gefolgt von der FDP mit 27 Prozent. Doch auch Grüne und SPD würden zunehmend umgarnt – wie jüngst im Oktober, als sie, wie auch CDU, CSU und FDP, 50.000 Euro von der DVAG bekamen. 

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© Bürgerverein Finanzwende e.V.

Immer wieder habe die DVAG dabei die Transparenzpflichten für Großspenden umgangen, so die Autorin Pia Eberhardt, indem sie ihre Spenden in Beträge unter 50.000 Euro stückelte. Solche kleineren Beträge müssten erst bis zu zwei Jahre später veröffentlicht werden. So komme keine Debatte über die zeitliche Nähe von bestimmten politischen Entscheidungen und DVAG-Spenden auf.

Genau das passierte jedoch im März 2023. Damals berichtete „Der Spiegel“ über eine 100.000-Euro-Spende der DVAG an den CDU-Chef Friedrich Merz und stellte eine zeitliche Nähe zwischen Spende und der bereits erwähnten EU-Kleinanlegerstrategie her. Der pauschale Vorwurf: Hohe Spenden vor wichtigen politischen Entscheidungen würden diese im Sinne der Finanzlobby verwässern.

Politische Einflussnahme in vertraulichem Ton

Und es gibt weitere Kritik in Sachen Lobbyarbeit gegen ein Ende des Provisionsvertriebs. So habe es ein Schreiben an den „lieben“ FDP-Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Florian Toncar gegeben. Darin bat laut Finanzwende der DUV-Vorsitzende Helge Lach, zugleich DVAG-Vorstandsmitglied, „um Unterstützung der Bundesregierung“ gegen das Provisionsverbot. „Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich wie bisher auch in dieser Sache engagieren.“ Kurz darauf habe sich Finanzminister Christian Lindner persönlich eingeschaltet und sich in einem Brief an EU-Finanzkommissarin Maired McGuinnes gegen die ursprünglichen EU-Pläne für ein Provisionsverbot ausgesprochen.

Ein weiteres Beispiel, mit einer aus Finanzwende-Sicht wohl zu vertraulichen Formulierung in Verbindung mit politischer Einflussnahme, ist ein Schreiben an die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, das den Verbraucherschützern offenbar vorliegt. Hierin warnt DVAG-Vorstand Lach vor den „verheerenden Auswirkungen“ eines Provisionsverbots und schließt mit den Worten: „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns demnächst zu einer Tasse Kaffee treffen könnten.“

 

Lobbyismus, wie man ihn auch von anderen Akteuren kennt

Allerdings dürften diese Methoden der DVAG und der ihr nahestehenden Verbände, wie DUV und Bundesverband Deutscher Vermögensberater (BDV), der rund 15.000 selbständige Finanzvermittler vertritt, die fast alle zur DVAG gehören, zum Standardrepertoire politischer Einflussnahme gehören. Der Unterschied, konkret in diesem Fall, dürfte vor allem sein, dass andere Vermittlerverbände mit ähnlichen Interessen, wie der BVK, ihr Engagement in Berlin und Brüssel deutlich öffentlichkeitswirksamer verkaufen.

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