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Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden: US-Aktienkurse sind in Wahljahren stets gestiegen – egal, ob ein Republikaner oder ein Demokrat ins Weiße Haus einzog. Foto: Getty Images

Ausblick US-Wahljahr 2020

Wie Anleger ihr Aktiendepot für die US-Wahlen fit machen

Alan Berro, Capital Group

„Wenn der Gang zur Wahlurne einen Unterschied machte, würden sie uns das nicht erlauben“, witzelte einst Schriftsteller Mark Twain. Doch Spaß beiseite: Weil die US-Präsidentschaftswahlen im November 2020 näher rücken, sorgen sich Anleger, der Wahlausgang könne die US-Wirtschaft in eine Rezession und die Kapitalmärkte in den Abgrund reißen.

Ein Blick in die US-Geschichte bis 1932 zeigt indes, dass der Wahlausgang mit Blick auf die langfristigen Anlagerenditen im Wesentlichen keinen Unterschied gemacht hat. In den jeweiligen Wahljahren sind US-Aktien stets gestiegen – unabhängig davon, ob ein Republikaner oder ein Demokrat in das Weiße Haus einzog. Ausdauernde Investoren wurden für ihren Einsatz belohnt, auch wenn sie während der Vorwahlen einer erhöhten Volatilität standhalten mussten.

US-Wirtschaft spürt Gegenwind von außen

Wahljahre können zwar an den Nerven zerren. Aber langfristige Aktienrenditen werden immer noch von den Wertsteigerungen einzelner Unternehmen im Zeitverlauf getrieben: Halten ist also besser als in Aktionismus zu verfallen.

Zwar wird die US-Präsidentschaftswahl die Anlegeraufmerksamkeit während des gesamten Jahres 2020 auf sich ziehen. Doch neben der Frage, wer es ins Weiße Haus schafft, verunsichern die Märkte auch der US-chinesische Handelskonflikt und politische Turbulenzen in Europa. Beides wirkt sich spürbar auf die US-Wirtschaft aus. Entsprechend verlangsamte sich das US-Wachstum im dritten Quartal 2019 auf eine Jahresrate von 1,9 Prozent. Für 2020 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Wachstum von 2,1 Prozent.

Kommt 2020 eine Rezession?

Steigende Zölle und ein langsameres Wachstum erregen die Aufmerksamkeit von politischen Entscheidungsträgern und Anlegern gleichermaßen. Mehrfache Zinssenkungen der führenden Zentralbanken im Jahr 2019 – allen voran der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) – haben die globalen Aktienmärkte seit den ersten, von den USA auferlegten Zöllen stabilisiert. In den Vereinigten Staaten hat das Zusammenspiel von weiterhin guter Wirtschaftslage und gelockerter Notenbankpolitik die US-Aktienrenditen, gemessen am Index S&P 500 (der die Aktien der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst), über die Renditen globaler Titel klettern lassen.

Ähnliches gilt für 2020: Eine lockere Geldpolitik wird das Wirtschaftswachstum und die Aktienkurse voraussichtlich weiterhin stützen. Bis die Zinssenkungen aus dem laufenden Jahr auf die Märkte zu wirken beginnen, dürfte es allerdings wohl noch ein bisschen dauern. Und ob es den Notenbanken rund um die Welt gelingt, das globale Wachstum zu stabilisieren, bleibt abzuwarten. Eine Rezession im kommenden Jahr dürfte hingegen unwahrscheinlich sein – sowohl in den USA als auch global.

US-Konsum als Zünglein an der Waage

Weil in den USA die Produktions- und Exportaktivitäten jeweils nur rund 12 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen, hinterlassen die Auswirkungen des Handelskonfliktes hier weniger starke Spuren als in anderen Volkswirtschaften. Auf den nach wie vor recht soliden US-Konsum hingegen entfallen mehr als zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung.

Auch wenn der Handelskonflikt zwischen den USA und China wahrscheinlich noch mehrere Jahre anhalten könnte, besteht Hoffnung auf Fortschritte bei den Verhandlungen. Eine erste Einigung könnte das kurzfristige Wachstum fördern und die Kapitalmärkte stimulieren.

Anleger sollten ihr Portfolio ausbalancieren

Weil sich Anleger mit Unsicherheiten im US-Wahljahr und einem verlangsamten globalen Wachstum konfrontiert sehen, sollten sie ihre Portfolios ausgewogen allokieren und sich damit auf Abschwünge einstellen. Chancenreich sind zum einen Titel von Unternehmen, die über Konjunkturzyklen hinweg Wachstum generieren könnten. Zum anderen dürften Anlagen in defensiven Marktbereichen Erfolge erzielen – wenn die dazugehörigen Unternehmen nicht nur defensiv agieren. Aussichtsreich sind Firmen, die auch in Baisse-Phasen mit einem starken freien Cashflow und einem soliden, widerstandsfähigem Gewinnwachstum aufwarten, und Dividenden erwirtschaften und erhöhen können, sobald der Markt zulegt. Darunter fallen beispielsweise Microsoft im IT-Sektor oder Procter & Gamble im Konsumgüterbereich.

Unternehmen mit Marktmacht im Fokus

Gerade gut geführte und innovative Unternehmen haben das Zeug, um unabhängig von Vorhersagen erfolgreich zu sein. Im Halbleitersektor, in dem volatile Auf- und Abschwünge eine Marktkonsolidierung eingeleitet hatten, erleben die auf die Chipherstellung spezialisierten verbleibenden Firmen mittlerweile einen relativ problemfreien Zyklus. Ihre Skaleneffekte und Gewinnmargen haben sich verbessert. Zudem verzeichnet die Branche eine robuste Nachfrage nach Spezialchips. Da dieser Bedarf weiter steigen dürfte, ist ein Preisverfall eher unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Die derzeitige Preissetzungsmacht der Halbleiterindustrie könnte vor dem Hintergrund der unaufhaltsamen Digitalisierung und Automatisierung sogar weiter zunehmen.

Online-Einzelhandelsplattformen wie Amazon, die niedrige Preise von Lieferanten verlangen, könnten von ihrer schwer angreifbaren Marktposition profitieren. Ähnliches gilt für die Luft- und Raumfahrt: Flugzeughersteller wie Boeing und Airbus haben durch die wachsenden Nachfrage nach Flugreisen, etwa in China, enorme Wachstumschancen.

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