Anissa Brinkhoff: Erklären Sie eingangs: Was ist die Rentenversicherung und warum gibt es die eigentlich?
Gundula Sennewald: Die Rentenversicherung ist die Alterssicherung für die Beschäftigten durch den Staat. Darüber werde ich, wenn ich arbeite und Beiträge einzahle, im Alter mit einer Altersvorsorge entlohnt. Die Rentenversicherung ist eine der größten Altersvorsorgesysteme in Deutschland. Natürlich gibt es auch noch andere Systeme wie die Beamtenversorgung und die berufsständische Versorgung. Aber nichtsdestotrotz ist die gesetzliche Rentenversicherung das größte Standbein für die Altersvorsorge, ergänzt durch die betriebliche und die private Altersvorsorge.
Anissa Brinkhoff: Wie viel bekomme ich eigentlich raus von der Rente? Das zu berechnen ist gar nicht so einfach. Können Sie uns einmal sagen, was diese Renteninformation ist über die wir gleich sprechen?
Gundula Sennewald: Das ist ein Schreiben an alle Versicherten. Einmal im Jahr wird diese versandt und jeder der mindestens 27 Jahre alt ist und mindestens fünf Jahre Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt hat, hat damit einen ersten Rentenanspruch im Alter erworben, nämlich mindestens fünf Jahre, und wird daher auch von uns als Rentenversicherung darüber informiert, wie der Stand der Dinge ist.
Die Renteninformation: Ein erster Rentenanspruch im Alter
Anissa Brinkhoff: Lassen Sie uns doch mal einen kurzen ersten Blick auf die Renteninformationen werfen. Wenn ich die jetzt so vor mir liegen habe, was ist das Wichtigste? Worauf sollte ich als erstes gucken?
Gundula Sennewald: Da fallen einem schnell die Zahlen an der rechten Seite auf. Der mittlere Wert ist in meinen Augen der wichtigste Wert, denn das ist die sogenannte Rentenanwartschaft, die ich zum Zeitpunkt der Renteninformation erreicht habe. Das ist mein Status quo und der Spiegel dessen, was bisher in meinem Versicherungskonto hinterlegt wurde. Wenn ich den Wert darunter anschaue, ist das wirklich eine Prognose. Für alle, die 1964 geboren sind und jünger, heißt das, das ist eine Prognose auf das 67. Lebensjahr.
Es ist also gut möglich, dass das noch 30, 35 Jahre in der Zukunft liegt. Aber es ist natürlich auch eine Möglichkeit zu sagen: Okay, wenn du so weiter arbeitest wie in den vergangenen fünf Jahren, dann würdest du im Alter das und das bekommen. Ich könnte noch überlegen, vielleicht doch irgendwelche beruflichen Veränderungen vorzunehmen. Ich habe es hier also in der Hand zu steuern, dass dieser mittlere Wert steigt, nämlich meine Prognose für das jeweilige Jahr.
Jetzt komme ich zu dem ersten Wert. Die Rentenversicherung ist nicht nur eine Versicherung fürs Alter, sondern man ist eben ab dem ersten Beitrag mehr oder weniger auch geschützt vor Erwerbsminderung. Und wenn dich gesundheitliche Gründe, sei es ein Unfall oder eine Erkrankung, aus dem Arbeitsleben katapultieren, ob nun vorübergehend oder längerfristig, habe ich Ansprüche auf eine Rente wegen Erwerbsminderung. Natürlich, wenn die anderen Voraussetzungen dafür auch gegeben sind.
Anissa Brinkhoff: Ein guter Tipp! Wesentlich komplizierter wird es dann zu berechnen, wie viel Rente man mal herausbekommt. Und jetzt einmal so grundsätzlich: Wer hat das eigentlich alles mal festgelegt? Und wer legt eigentlich fest, wie viel ich einzahle und was ich am Ende heraus bekomme? Können Sie mir einmal dieses System erklären, was dahinter steckt?
Gundula Sennewald: Ich versuch's mal so ganz grob und verständlich herunterzubrechen. Also vom Gehalt her oder von meinem Arbeitsentgelt, das ich bekomme, sind es momentan 18,6 Prozent, die ich an Beiträge in die Rentenversicherung einzahle. Die sind aber hälftig vom Arbeitgeber und hälftig von mir als Arbeitnehmer zu tragen. Das ist sozusagen mein Beitrag. Zum Beispiel bei 1.000 Euro werden also genau 186 Euro für einen Monat eingezahlt.
Der Arbeitgeber übermittelt dann am Ende des Jahres das Gesamtentgelt und das fließt auch wiederum in das Versicherungskonto, dass ich bei meinem Rentenversicherungsträger habe, rein. Da ist dann eine Summe X, die sich über die Jahre hoffentlich addiert, sodass ich über viele Jahre etwas eingezahlt habe. Und es ist so, dass sich die persönlichen Rentenanwartschaften aus dem errechnen, was ich in dieser Versicherungsbiografie eingezahlt habe. Das heißt meine Erwerbsbiografie ist die Grundlage dessen, was ich später mal als Altersrente von der gesetzlichen Rentenversicherung zu erwarten habe.
"Die Jugend von heute sind die Beitragszahler von morgen für die Rentner von morgen."
Anissa Brinkhoff: Und da sagen Sie auch schon was ganz Spannendes. Es ist nämlich gar nicht so, dass das, was ich für mich da einzahle, mir am Ende auch ausgezahlt wird. Sondern wir haben ein Umlagesystem. Können Sie das noch mal erklären? Warum spar ich mir eigentlich nicht eine Summe an? Warum sind andere Menschen dafür verantwortlich, meine Rente – wenn ich sie denn mal bekomme – zu finanzieren?
Gundula Sennewald: Tatsächlich ist es so, dass Ende der 1950er-Jahre hier in der Rentenversicherung ein neues System der Rentenfinanzierung geschaffen wurde, nämlich das sogenannte Umlageverfahren. Das heißt, dass eben die Beitragszahler, die momentan aufgrund ihrer Beschäftigung Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, die Renten von heute auch finanzieren. Die Jugend von heute sind also die Beitragszahler von morgen für die Rentner von morgen.
Anissa Brinkhoff: Ein Satz, den man vielleicht häufiger mal in den Medien gehört hat, besagt ja immer: Das Rentenniveau bei uns in Deutschland liegt aktuell bei 48 Prozent. Da kommt in mir die Frage auf: Warum liegt es denn nicht bei 100 Prozent? Warum kriege ich nicht das ausgezahlt, was ich vorher verdient habe?
Gundula Sennewald: Der Begriff Rentenniveau kann schnell irreführen, dass man es eben auf sich bezieht, was das Ergebnis für einen selber bedeutet. Aber schlussendlich ist es das Verhältnis von Beschäftigten und Rentnern. Also der Gesamtüberblick sozusagen. Und hier hat eben auch die Bundesregierung über die Rentenformel beschlossen, dass Rentenniveau momentan nicht tiefer als 48 Prozent sinken zu lassen, sodass die Parameter in dieser sehr komplexen Rentenformel so gesteuert werden, dass wir eben diese 48 Prozent einhalten. Und es ist eben nicht so zu verstehen, dass das 48 Prozent meines persönlichen letzten Nettoentgelts sind. Das ist ein Irrglaube. Also das ist vollkommen losgelöst von der kleinen eigenen Person, sondern es ist eben die gesamt volkswirtschaftliche Betrachtungsweise.
Renteninformation = Prognose!
Anissa Brinkhoff: Wir haben ja auch eine Beispiel Renteninformation mitgebracht. Wenn ich mir die angucke, sehe ich da erst mal relativ viele Zahlen, die mir auf den ersten Blick nicht viel sagen. Was ist eigentlich das Wichtigste an dieser Renteninformation? Und auf welche Zahlen muss ich eigentlich gucken?
Gundula Sennewald: Also die Renteninformation hat zwei Seiten. Oben rechts über dem Briefkopf sehen Sie auch, welcher Träger für Sie zuständig ist, weil der wird Ihnen immer auch die entsprechenden Informationen zukommen lassen.
Und am linken Rand sehen Sie, für welches Jahr die Renteninformation gilt. Und dann nimmt man in der Mitte am rechten Rand drei Zahlen wahr. Interessant ist in der Regel zunächst der mittlere Wert, denn das ist mein Status Quo, den ich zum Zeitpunkt der Renteninformation habe. Wenn wir jetzt in 2023 sind und wir jetzt eine Renteninformation bekommen, sind hier die Entgelte bis zum 31.12.22 hinterlegt, die diesen mittleren Wert ergeben.
Auf dieser Grundlage wird dann der darunter liegende Wert errechnet, indem man es pauschal hochrechnet. Aus der Grundlage der letzten fünf Beitragsjahre, die ich habe, wird dann bis zu meinem sogenannten regulären Renteneintritt meine Rentenanwartschaft hochgerechnet. Das ist eine reine Prognose aus den jetzt momentan geltenden Parametern. Und alle ab Jahrgang 1964 und jünger, da ist dann die Prognose auf das 67. Lebensjahr abgestellt. Das heißt, je jünger ich bin, desto größer ist die Glaskugel, weil ich noch ganz viel Zeit vor mir habe und nicht weiß, was mein Leben mir tatsächlich bringt.
Wenn ich jetzt schon 50 Jahre und älter bin, ist es ja nicht mehr ganz so weit bis zum Renteneintritt, sodass hier eigentlich die Differenz zwischen diesem Ist-Wert, den ich habe, und der Prognose immer kleiner wird. Ich habe ja immer mehr das, was ich schon erreicht habe, und die Prognose ist dann deutlich realer, als wenn ich noch 35 Jahre vor mir liegen habe.
Anissa Brinkhoff: Sie haben gerade gesagt, der wichtigste sei der zweite Wert, der auf dieser Renteninformation steht. Was beschreibt dieser zweite Wert? Wenn da jetzt beispielsweise 2.000 Euro steht, was bedeutet das für mich?
Gundula Sennewald: Das bedeutet, würde ich jetzt aufhören zu arbeiten, hätte ich sozusagen diese Rentenanwartschaften von 2.000 Euro aus dem, was ich bisher eingezahlt habe.
Anissa Brinkhoff: Das ist ja relativ unwahrscheinlich, dass ich mit Mitte 30 schon so viel erarbeitet habe, dass mir 2.000 Euro monatlich ausgezahlt werden. Und deshalb gibt es auch noch diesen Wert darunter, der prognostizieren soll, was ich tatsächlich als Rente bekomme. In meinem Fall arbeite ich locker noch 30 Jahre. Also was ich mir in 30 Jahren vielleicht erarbeitet habe. Wenn wir in dem Beispiel bleiben, steht dann vielleicht 3.500 Euro. Habe ich das richtig verstanden?
"Die gesetzliche Rentenversicherung ist nicht das Allheilmittel!"
Gundula Sennewale: Jetzt einfach mal so auf die Zahlen abgestellt? Ja, ob die reell sind, ist eine ganz andere Frage. Wichtig diese dritte Zahl ist wirklich nur eine Prognose für die Regelaltersgrenze, weil sobald sich die Parameter verändern, weil ich…
- vielleicht den Job wechsle und plötzlich deutlich mehr verdiene.
- eventuell arbeitslos werde, wodurch geringere Beiträge für mich eingezahlt werden.
- meine Lebensplanung ändere, weil ich jetzt doch noch mal Kinder haben möchte und dann vielleicht nur noch in Teilzeit arbeiten werde.
Das heißt, man sollte am Ball bleiben, alle fünf Jahre einen Masterplan für sich aufstellen und die folgenden Fragen stellen:
- Ist es noch das, was ich will?
- Habe ich in meiner Altersvorsorge bisher alles ausgereizt oder kann ich vielleicht noch mehr machen?
- Was ist mir die letzten Jahre hinten runtergerutscht?
- Wo muss ich noch mal und kann ich vielleicht auch nachjustieren?
- Habe ich einen Arbeitgeber, mit dem ich meine betriebliche Altersvorsorge ausbauen kann?
- Was kann ich über die private Altersvorsorge vielleicht noch machen?
Vor allem die letzte Frage ist eine Wichtige! Die gesetzliche Rentenversicherung ist nämlich nicht das Allheilmittel! Mit einem guten Verdienst steht man standhaft, aber vielleicht reicht einem das nicht, weil man bestimmte Vorstellungen hat im Alter.
Anissa Brinkhoff: Genau. Das zeigt bei den meisten von uns wahrscheinlich eine Summe, wo wir sagen: Oh, da bin ich mir jetzt nicht sicher, ob das mal wirklich ausreichen wird. Kann ich mehr in die Rentenversicherung einzahlen, als das, was ich jetzt automatisch mache? Könnte ich sagen, ich möchte mehr in die Deutsche Rentenversicherung einzahlen?
Gundula Sennewald: Nein, dafür gibt es keine Option. Also zumindest nicht für die, die sowieso schon in die Rentenversicherung einzahlen. Wenn ich natürlich selbstständig bin und mich erst mal nur privat abgesichert habe und überhaupt nicht an die gesetzliche Rentenversicherung aufgrund der Selbstständigkeit gebunden bin, habe ich aber die Möglichkeit, mich freiwillig für die gesetzliche Rentenversicherung zu entscheiden. Und hier ist es eben wichtig, das einfach mal im Blick zu haben und sich auch beraten zu lassen. Zum Beispiel für die, die Teilzeit arbeiten, könnte man in einer Beratung aufzeigen, wie sich das verändert, wenn man doch auf 3/4 oder eben Vollzeit zurückgeht.
Dies war ein Auszug aus dem Interview mit Gundula Sennewald. Das Interview in voller Länge gibt es [hier] zu hören.
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