„Ausmaß der Finanzkrise wird erst 2008 sichtbar“

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Die Hiobsbotschaften vom US-Finanzmarkt reißen nicht ab: Erst gestern wurde bekannt, dass die Investmentbank Morgan Stanley durch die weltweite Hypothekenkrise 3,7 Milliarden US-Dollar verloren hat. Vorher hatten Merrill Lynch und Citigroup für das dritte Quartal 2007 höhere Verluste gemeldet als von Analysten erwartet. Werden mit dem Ende der Quartalsberichtssaison auch die negativen Überraschungen aus der Finanzbranche überstanden sein? Das fragte DAS INVESTMENT.com den Manager des US-Aktienfonds Pioneer Funds – U.S. Pioneer Fund (WKN: 805 665), John Carey.

DAS INVESTMENT.com: Die Vorstandsvorsitzenden von Merrill Lynch und der Citigroup mussten ihre Chefsessel wegen der Finanzkrise bereits räumen. Bei wie vielen Banken wird es bis zum Sommer 2008 noch Führungswechsel geben?

John Carey: Sicher noch einige, denn die Finanzbranche ist längst nicht über den Berg. In den kommenden Monaten werden weitere Verluste aus Hypothekengeschäften ans Tageslicht kommen.

DAS INVESTMENT.com: Der Chef der US-Rentenfondsgesellschaft Pimco, Bill Gross, geht davon aus, dass die Folgen der Krise noch Jahre andauern werden. Sind Sie seiner Meinung?

Carey: Ich habe leider keine Kristallkugel, um das vorherzusagen. Aber ich bin sicher, dass wir das volle Ausmaß der Krise erst Ende 2008 sehen werden.

DAS INVESTMENT.com: Das klingt ja nicht gerade optimistisch. Dennoch bilden Finanzwerte in Ihrem Portfolio mit 14 Prozent noch immer die drittgrößte Branche. 

Carey: Gegenüber dem Aktienindex S&P 500 bin ich dort seit Jahren untergewichtet. Aber die Finanzbranche ist nun mal die größte in den USA, da kann ich nicht ganz raus. Aus heutiger Sicht muss ich allerdings sagen: Ich hätte Finanzwerte noch stärker runterfahren sollen.

DAS INVESTMENT.com: Merrill Lynchs Ex-Chef Stan O’Neal soll kurz vor seiner Entlassung eine Fusion mit dem Konkurrenten Wachovia geplant haben. Wird die Finanzkrise der Fusions- und Übernahmewelle im Bankensektor Rückenwind geben?

Carey: Das ist gut möglich. Einige Banken sind finanziell so geschwächt, dass sie sich allein nicht über Wasser halten können. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter, deren Bilanzen sehr gut aussehen. Für diese bieten die niedrigen Aktienkurse gute Übernahmegelegenheiten.

DAS INVESTMENT.com: Wie werden die Finanzinstitute darüber hinaus auf die Krise reagieren?

Carey: Banken neigen dazu, von einem Extrem ins andere zu verfallen. In der Vergangenheit haben sie viel riskiert und sich dabei mit Hypothekengeschäften verspekuliert. Nun werden sie erstmal sehr vorsichtig werden, also Kredite nur noch sparsam vergeben.

DAS INVESTMENT.com: Und damit die gesamte amerikanische Konsumbranche lahmlegen?

Carey: Das sehe ich nicht so eng. Bei Herstellern zyklischer Konsumgüter wie Unterhaltungselektronik könnten die Gewinne möglicherweise etwas sinken. Aber Hersteller von Alltagswaren wie Nahrungsmitteln, Getränken und Haushaltswaren finden in den Schwellenländern so reißenden Absatz, dass eine heimische Flaute nicht ins Gewicht fällt.

DAS INVESTMENT.com: Wie sollte denn die US-Notenbank reagieren?

Carey: Am besten sollte sie alles so lassen, wie es ist. Von den vielbeschworenen Zinssenkungen halte ich nichts, sonst würde der Dollar zu schwach. Nur falls die Europäische Zentralbank den Leitzins senken sollte, könnte die US-Notenbank nachziehen.

INFO: John Carey managt den 1,5 Milliarden Euro schweren Pioneer Funds – U.S. Pioneer Fund seit dessen Auflage im Oktober 2001. Der Luxemburger Fonds ist ein Abbild des U.S. Pioneer Fund, den die Gesellschaft bereits 1928 in den USA aufgelegt hat. Damit ist der Fonds das älteste Produkt in der Pioneer-Palette. Carey betreut das Portfolio seit 1986 und ist erst der dritte Manager des Fonds.

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