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Franklin Templeton rechnet mit Millionen neuen Altersvorsorgedepots und einem Preiskampf zum Start. Den Markt entscheidet aus Sicht des Asset Managers aber etwas anderes: der Zugang zum Kunden. Was Franklin Templeton und Morgenfund für Berater erwarten.
„Wir rechnen im ersten Jahr mit rund 6,5 bis 8 Millionen Altersvorsorgedepots“, sagt Christian Machts, Country Head Deutschland & Österreich bei Franklin Templeton. Die Zahl ist eine Schätzung des Hauses. Machts erwartet zudem „die größte Marketingaktivität, die die deutsche Finanzindustrie bislang rund um ein einzelnes Thema erlebt hat“.
Der Bundestag beschloss das Altersvorsorgereformgesetz am 27. März 2026, der Bundesrat stimmte am 8. Mai zu. Ab dem 1. Januar 2027 dürfen Banken, Versicherer und Plattformen die neuen Produkte anbieten. „Statt zwei oder drei Jahren bleiben den Anbietern nur wenige Monate, um Regulatorik, Technologie, Kommunikation, Marketing und Schulungen umzusetzen“, sagt Machts.
Doch wer zuerst auffällt, muss nicht gewinnen. „Der Digitalkanal wird zunächst besonders sichtbar sein, kann den gesamten Markt aber nicht allein abdecken“, sagt Machts. Die Chance liegt für ihn bei Häusern mit bestehenden Kundenbeziehungen. „Viele Banken, Versicherer und Finanzvertriebe bringen das Vertrauen ihrer Kunden mit, wollen aber keine vollständige Technologieplattform selbst entwickeln“, sagte Machts zum Start der Ginmon-Kooperation.
Erst der Preis, dann die Kundenschnittstelle
Wer im Januar auffallen will, wird es vermutlich zuerst über den Kostenblock versuchen. „Der Preis wird zunächst stark im Mittelpunkt stehen, weil er der am einfachsten vergleichbare Faktor ist. Er wird aber nicht der einzige Unterschied sein“, so Machts. Hinzu kämen digitale und KI-gestützte Beratungsprozesse, ein Ausbau der persönlichen Beratung und neue Servicemodelle.
Ein eigenes Depot will Franklin Templeton nicht direkt an Endkunden vertreiben. „Wir verstehen uns als Toolbox und als Maschinenraum für unsere Vertriebspartner“, sagt Machts. Es werde „nicht das eine Franklin-Templeton-Angebot geben, sondern unterschiedliche Varianten für unterschiedliche Partner und Kundengruppen“.
Wie das aussieht, zeigen drei Kooperationen. Im Juni kündigte Franklin Templeton eine Partnerschaft mit Morgenfund an: Die Fondsplattform ist Produktanbieter und Vertragspartner der Endkunden, Franklin Templeton liefert Investmentbausteine mit Schwerpunkt ETFs. Zwei Wochen später folgte die Finanz-App Finanzguru, die nach eigenen Angaben mehr als drei Millionen Nutzer hat. Finanzguru stellt Plattform und Kundenzugang, Franklin Templeton die Produkte. Den Digitalkanal, der laut Machts den Markt nicht allein abdecken kann, besetzt das Haus damit selbst mit.
Am 17. September kam Ginmon hinzu. Dessen Plattform Apeiron Wealth soll Finanzvertrieben, Maklerpools, Haftungsdächern, mittelgroßen Versicherern sowie kleinen und mittleren Banken ein Altersvorsorgedepot unter eigener Marke ermöglichen. Zum Start formulierte Machts seine These: „Der Wettbewerb um das Altersvorsorgedepot wird nicht im Produktregal entschieden, sondern an der Kundenschnittstelle.“
Exklusiv sind solche Bindungen nicht. Morgenfund hat im September auch eine Kooperation mit J.P. Morgan Asset Management angekündigt.
Beim Preismodell mahnt Heike Fürpaß-Peter, Geschäftsführerin von Morgenfund, zur Einfachheit: „Wenige nachvollziehbare Kostenbestandteile sind wichtiger als komplexe Modelle, bei denen zusätzliche Kosten erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.“ Eine gesetzliche Obergrenze gilt für das Standarddepot: Dort dürfen die Effektivkosten 1,0 Prozent nicht übersteigen. Im Regierungsentwurf waren noch 1,5 Prozent vorgesehen.
Belastungstest beginnt nach dem Start
Am 1. Januar dürften bei manchem Anbieter die Korken knallen. Fürpaß-Peter denkt eher an die Tage danach. „Der 1. Januar ist nicht das Ende des Projekts, sondern erst der Anfang. Danach müssen jeder Antrag, jede Legitimation und jeder operative Prozess zuverlässig funktionieren.“ Zudem könne der Anleger künftig täglich verfolgen, wie sich seine Altersvorsorge entwickelt. „Damit steigen auch die Anforderungen an Transparenz und langfristige Begleitung.“
Morgenfund bringt Erfahrung aus der Riester-Welt mit. „Wir betreuen bereits mehr als 1,2 Millionen Altersvorsorgedepots und verfügen über langjährige Erfahrung mit Depotführung, Zulagenmanagement und den entsprechenden regulatorischen Prozessen“, sagt Fürpaß-Peter. Die Arbeitsteilung mit Franklin Templeton beschreibt sie so: Die Plattform stellt Depot, Prozesse, Zertifizierung und die digitale Verbindung zu Anleger und Vertriebspartner, der Asset Manager Investmentexpertise und Lifecycle-Kompetenz.
Heikel wird aus Sicht von Machts der Umgang mit bestehenden Riester-Verträgen. „Die Migration bestehender Riester-Verträge wird operativ anspruchsvoll“, sagt Machts. „Ein Wechsel muss zur individuellen Situation des Kunden passen, denn die Entscheidung lässt sich nicht ohne Weiteres rückgängig machen.“ Zugleich gehe es um Produkte, „die 30, 40 oder sogar 60 Jahre zuverlässig funktionieren müssen“.
Sie führen den Riester-Vertrag mit Bestandsschutz und alter Förderung weiter.
Sie behalten den Vertrag, wechseln per Erklärung gegenüber dem Anbieter aber in die neue Förderung. Die Zustimmung des Anbieters ist dafür nicht nötig.
Sie übertragen das Guthaben in einen neuen Vertrag, ohne bisherige Zulagen zurückzahlen zu müssen. Wechsel-, Abschluss- und Vertriebskosten können anfallen.
Man kann den Riester-Vertrag ruhen lassen und neu abschließen, ohne das Guthaben zu übertragen.
Wer wechselt, kann nicht zurück in die alte Förderung. Wichtig für die Beratung: Wer zusätzlich zum Riester-Vertrag einen neuen Vertrag abschließt, wechselt damit ebenfalls in die neue Fördersystematik. Der Bestandsschutz für den Altvertrag endet dann.
Ein Depot ist schnell eröffnet. Ob es zum Rest der Vorsorge passt, ist die schwierigere Frage. MartinStenger, Direktor für Versicherungs- und Altersvorsorgelösungen bei Franklin Templeton, blickt deshalb auf das große Ganze. „Das Altersvorsorgedepot ist nicht isoliert zu betrachten. Die politische Zielsetzung richtet sich auf die gemeinsame Betrachtung von gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge.“ Interessant finde er, „dass ein Projekt der Vorgängerregierung weitergeführt und abgeschlossen wurde, statt erneut bei null zu beginnen“. Das Konzept stammt aus der Zeit der Ampel-Koalition.
Das Standardprodukt zielt auf Sparer, die nichts entscheiden wollen. „Wer nicht von den Standardeinstellungen abweichen möchte, soll das Produkt ohne eine Vielzahl individueller Anlageentscheidungen abschließen können“, sagt Stenger. Das Bundesfinanzministerium sieht das Standarddepot ausdrücklich auch für den Online-Abschluss ohne vorherige Beratung vor.
Beratungsbedarf sieht Stenger dort, wo schon Verträge existieren. „Beratung wird insbesondere dann wichtig, wenn bereits Riester-Verträge, Fondspolicen, Basisrenten oder andere Vorsorgebausteine vorhanden sind. Dann muss zunächst die gesamte Situation betrachtet werden.“ Ein Detail dazu: Basisrenten lassen sich nach Angaben des Ministeriums nicht in einen neuen Altersvorsorgevertrag übertragen.
Fürpaß-Peter sieht es ähnlich. „Neben den Selbstentscheidern wird es weiterhin viele Menschen geben, die Beratung benötigen und ausdrücklich wünschen.“ Dabei gehe es auch darum, wie das Altersvorsorgedepot mit gesetzlicher Rente, betrieblicher Altersvorsorge, Wertpapiervermögen und Immobilien zusammenspielt.
Für die betriebliche Altersvorsorge nennt Stenger drei Kriterien: „einfacher Zugang, Portabilität und eine geringe administrative Belastung“. Gerade kleinere Unternehmen bräuchten Lösungen, „die nicht zu einem zusätzlichen administrativen Großprojekt für ihre Personalabteilungen werden“. Einen neuen Durchführungsweg in der bAV schafft das Altersvorsorgereformgesetz nicht.
Versicherer bleiben aus Stengers Sicht im Spiel. Entscheidend sei, „ob sie ihre Beratung ganzheitlich ausrichten und dem Kunden zunächst einen Überblick über seine Vorsorgesituation geben“. Besonders in der Auszahlungsphase und bei Lösungen mit Garantien könnten sie relevant bleiben. Das passt zur Rechtslage: Wer ein Altersvorsorgedepot ohne Verrentungsoption hat, kann zu Rentenbeginn zu einem Anbieter wechseln, der eine Leibrente zahlt.
Der Gleitpfad entscheidet
An ein Einheitsdepot für alle glaubt LutzMorjan von Franklin Templeton nicht. „Es wird nicht die eine richtige Lösung für alle Kunden geben.“ Neben Basis- und Standardvarianten sieht er flexiblere Lösungen „mit einer breiteren Asset Allocation, aktiver Portfoliosteuerung und perspektivisch möglicherweise auch Private Markets“.
Sein Kernargument dreht sich um den ungünstigsten Moment für einen Kurseinbruch: kurz vor der Rente. „Aktien sind langfristig ein wichtiger Renditetreiber. Gleichzeitig können starke Marktrückgänge unmittelbar vor dem Renteneintritt erhebliche Auswirkungen auf das verfügbare Einkommen im Alter haben.“ Eine Vorsorgelösung brauche deshalb „eine institutionelle Portfolio- und Risikoarchitektur, die solche Risiken gezielt berücksichtigt“.
Konkret nennt Morjan die Auswahl geeigneter ETFs, die Konstruktion des Gleitpfads und die verständliche Kommunikation der Risiken. „Gut gestaltete Lifecycle-Modelle können aufgrund der Marktschwankungen zuverlässiger sein als ein einfacher ETF-Sparplan.“ Stenger argumentiert in dieselbe Richtung: Lebenszyklusmodelle seien „ein zentraler Bestandteil, weil sie das Portfolio in Richtung Renteneintritt begleiten und das Risiko schrittweise anpassen können“.
Der Gesetzgeber hat dieses Prinzip im Standarddepot bereits verankert. Dort wird das Kapital in den Jahren vor Rentenbeginn automatisch schrittweise in den vorsichtigeren der beiden Fonds umgeschichtet, sofern der Sparer nichts anderes wählt.
Die Gegenposition kommt von Verbraucherschützern, die insbesondere vor hohen Kosten und ungünstigen Produktstrukturen warnen. In der Anhörung des Finanzausschusses am 16. März 2026 rechnete der Verbraucherzentrale Bundesverband verschiedene Modellprodukte durch: Bei 130 Euro Monatsbeitrag über 40 Jahre kam ein öffentlich-rechtliches Standardprodukt mit 90 Prozent Aktienquote und 0,2 Prozent Effektivkosten auf einen Vermögenszuwachs von 179.823 Euro. Für ein aktiv vertriebenes Standarddepot mit 70 Prozent Aktienquote und 1,5 Prozent Kosten errechnete der Verband 79.807 Euro. Die Unterschiede gehen damit sowohl auf die unterstellten Kosten als auch auf unterschiedliche Aktienquoten zurück. Die Rechnung entstand noch auf Basis des damals vorgesehenen Kostendeckels von 1,5 Prozent; beschlossen wurden später 1,0 Prozent. Wie viel Mehrwert Gleitpfad und aktive Steuerung nach Kosten liefern, müssen die Produkte erst zeigen.
Christoph Fröhlich deckt bei DAS INVESTMENT die gesamte Bandbreite der Geldanlage ab – von aktiven Fonds bis zu Bitcoin, von Anleihenmärkten bis KI-Investments. Was ihn antreibt: die Menschen hinter den Zahlen. Diese Neugier hat er sich von der BILD-Lokalredaktion über seine Zeit als stern-Ressortleiter bis heute bewahrt. Nun jongliert er zwischen Fondsmanager-Gesprächen in Hamburg und Fintech-Interviews in Berlin, macht daraus mal LinkedIn-Posts, mal Podcasts. Sein Credo: Gute Geschichten lauern überall – man muss nur die richtigen Fragen stellen.
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