Franz Wenzel

Franz Wenzel

Axa-Stratege: „Einen Anlagenotstand gibt es nicht“

DAS INVESTMENT.com: Herr Wenzel, eine persönliche Frage zu Beginn. Besitzen Sie privat Gold im Wert von über 10.000 Euro?

Franz Wenzel: Nein. 5.000 Euro dürften es eher sein.

DAS INVESTMENT.com: Auf einem Fachkongress für Privatbanker und Kollegen aus Family Offices wurde jüngst hier in Hamburg diese Frage gestellt und nur eine Handvoll Teilnehmer gaben sich als Goldinvestoren zu erkennen. Es waren über 100 Besucher dort.

Wenzel: Das ist nicht gut, zumal ich davon ausgehe, dass es sich ausnahmslos über Teilnehmer gehandelt haben dürfte, die deutlich überdurchschnittlich verdienen.

DAS INVESTMENT.com: Anzunehmen.

Wenzel: Ich habe statt Gold jedoch einige Schweizer Franken.

DAS INVESTMENT.com: Anleger verhalten sich auch in unsicheren Zeiten prozyklisch. Ob harte Währung oder Metall?

Wenzel: Ich würde es nicht prozyklisch nennen. Richtig ist, dass es derzeit noch einen Angstfaktor gibt. Der ist aktuell nicht unerheblich.

DAS INVESTMENT.com: Nun steht der Dax zeitweise wieder über 7.000 Punkten und es wird von einem Anlagenotstand gesprochen und geschrieben. Aktien steigen, weil es keine Alternativen gibt. Gibt es derzeit nur noch Angst oder Aktien?

Wenzel: Einen Notstand gibt es nicht. Wie gesagt, es gibt einen Angstfaktor. Aber gegenüber den Dax-Titeln findet aktuell eher eine Rückbesinnung statt. Die Unternehmen erwirtschaften Rekordgewinne und das wird vom Markt verstärkt wahrgenommen. Die 7.000 Punkte mögen eine gewisse Magie ausstrahlen, mehr aber auch nicht.

DAS INVESTMENT.com: Sie arbeiten auch mit magischen Zahlen und erwarten 7.500 oder 7.800 Punkte im kommenden Jahr.

Wenzel: Es können auch 8.000 sein. Investoren haben den Kaffee gerochen und nun zieht es sie zum Frühstück. Davon werden deutsche Titel profitieren, Konsumwerte und Unternehmen, die all das herstellen, was in den Schwellenländern gebraucht wird.

DAS INVESTMENT.com: Lieber direkt in die Schwellenländer rein investieren oder über Bande via Nestlé, BASF oder Richemont?

Wenzel: Wir bevorzugen die Schwellenländer. Die Unternehmen sind preiswerter. Was derzeit stattfindet, ist eine massive tektonische Wachstumsverschiebung. Weg von den Industrieländern, hin zu den Emerging Markets. Das ist nicht neu, wird sich die kommenden Jahre aber deutlich verstärken. Davon werden natürlich Unternehmen wie Nestlé und BASF profitieren. Schwieriger haben es Unternehmen, die größtenteils den Heimatmarkt in Europa oder den USA bedienen.

DAS INVESTMENT.com:
Sie sind ein Optimist, alles gut?

Wenzel: Ich bin verhalten optimistisch und stets ein großer Aktienfreund. Mit Nominalwerten, wie Renten, wird es in den kommenden Jahren schwierig, kein Geld zu verlieren.

DAS INVESTMENT.com: Die Notenbanken werden zu den größten Gläubigern der Staaten. Linke Tasche, rechte Tasche. Das ist nicht konstruktiv.

Wenzel: Die Notenbanken machen das einzig richtige und zeigen Verantwortung. Was sollen sie denn sonst machen?

DAS INVESTMENT.com:
Und in wenigen Jahren kommt ein herber Währungsschnitt.

Wenzel:
Nein. Der kommt nicht. Ich rechne mit einer Zinserhöhung in den USA um 50 Basispunkte im ersten Quartal 2012. Fundamentaldaten deuten darauf hin. Der Konsum und der Rückgang der Arbeitslosigkeit. Nur über dem Immobilienmarkt schwebt weiterhin ein Damoklesschwert. Wir glauben nicht an einen Haircut. Wachstum und ein Schnaps höhere Steuern werden zum Abbau der Schulden führen und die Fed wird eine Inflation von 3 Prozent zulassen.

DAS INVESTMENT.com: Kein QE3?

Wenzel:
Nein. Das erwartet der Markt nicht. Sonst wäre der Dollar schon längst bei 1,60 oder 1,70.

DAS INVESTMENT.com: Wie beurteilen Sie die Lage der Eurozone?

Wenzel: Hier ist die Lage deutlich angespannter. Ich rechne vorerst mit keinem Zinsschritt und gehe eher von einer Deflation oder disinflationären Tendenzen aus. Die Eurozone muss sich von einer Währungsunion zu einer Fiskalunion weiter entwickeln. Darüber war die vergangenen Tage auch viel zu lesen und der Kritik etwa von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, kann ich mich nur anschließen. Es fehlen Visionäre. Das letzte europäische Tandem waren Helmut Kohl und Francois Mitterand. Seitdem hat sich jedes Land mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Echt europäisch sind wir nicht. Airbus und Arte. Das wars auch schon.

DAS INVESTMENT.com:
Bei allem verhaltenen Optimismus, gibt es Entwicklungen, die Ihnen die Stimmung verderben könnten?

Wenzel: Es gibt zwei Szenarien, die wir allerdings für recht unwahrscheinlich halten. Zum eine den klassischen „Boom and Bust“. China wächst unaufhaltsam weiter, bekommt die Inflation nicht in den Griff und auch der Westen brummt. Dieser Party folgt die Katerstimmung und eine Rezession. Weitaus schlimmer wäre, wenn die Geldpolitik keine Bodenhaftung bekommt. Die Reifen drehen durch und da niemand mehr Pfeile im Köcher hat, folgt eine Depression und ein gewaltiger Absturz der Märkte. Beide Fälle sind absolute Risikoszenarien. Aber auch mit denen müssen wir uns auseinander setzten.

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