Lesedauer: 5 Minuten

Baader-Bank-Chefanalyst Robert Halver „Die EZB kann nicht vom Lockstoff lassen“

Seite 2 / 3

Diese werden sie aus Dreifaltigkeitsgründen gerne in europäische Staatstitel investieren. Erstens bieten sie gerade im europäischen Süden vergleichsweise hohe Renditen. Zweitens müssen sie im Vergleich zu Krediten nicht mit kostbarem Eigenkapital unterlegt werden. Und drittens hat Brüssel kurz vor Weihnachten über einen windigen Schulden-Kompromiss mit Italien bewiesen, dass sie den Stiefel - ein wichtiges systemrelevantes Euro-Land - nicht in finanzpolitische Ungnade stürzen will, koste es, was es wolle. Das nenne ich eine Win Win-Situation: Die Finanzierung von Staatsanleihen der Euro-Länder ist langfristig gesichert und gibt es für Banken bei irgendeiner Anlageform weniger Risiko?   

Neue Notenbank-Besen kehren stabilitätspolitisch gut, oder?

EZB-Präsident Mario Draghi gilt als Sinnbild einer ultralockeren, stabilitätsfernen Geldpolitik: So niedrige Zinsen und so viel Liquidität gab es in Europa noch nie.

Aber warum sollte die gute alte geldpolitische Stabilität nicht zurückkommen? Immerhin hat Draghi am 31. Oktober 2019 seinen letzten Arbeitstag. Einen Tag später schwingt ein anderer das Zepter. Da kommt doch Hoffnung auf, dass der Nachfolger ein Deutscher, Bundesbankpräsident Jens Weidmann, sein wird, der die verlorene Stabilitätsmoral rekultiviert, so wie sie zu Gründungszeiten der EZB noch hochheilig versprochen wurde.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie wird sterben

Doch wird auch der neue EZB-Chef leider nicht zur geldpolitischen Stabilität zurückkehren. Denn diese würde über Zinssteigerungen und Entblähung der Notenbankbilanz zu Renditesteigerungen bei Staatspapieren führen. Dann würde die Stimmung auf der europäischen Schulden-Party ähnlich eingetrübt wie auf einem Junggesellenabschied, auf dem Bier, Wein und Schnaps plötzlich durch Selters, Saft und Limo ersetzt wird. Warum sollten also Länder wie Italien einem germanischen Stabilitätsapostel zustimmen?

Ohnehin würde es der Euro-politischen Hygiene widersprechen, wenn Deutschland sowohl den neuen EU-Kommissionspräsidenten als auch den neuen EZB-Präsidenten stellen würde. Frankreich ist nicht dafür bekannt, übertrieben freigiebig zu sein. Es will definitiv einen Ausgleich haben. Für Manfred Weber an der EU-Spitze wird Paris wohl den Franzosen François Villeroy de Galhau zum Nachfolger von Signore Draghi machen dürfen. Er betrachtet deutsche Stabilität eher unorthodox und dürfte dabei in Rom auf sehr offene Ohren stoßen.

Mehr zum Thema
Europa, Asien, USADie Fondsmanager mit den feinsten Näschen
Fonds-Absatzstatistik Dezember 2018Diese Fonds sind aktuell die Lieblinge im Finanzvertrieb
ANZEIGE
Ausblick für EdelmetalleRisiko hat goldenen Boden