Baader-Bank-Chefanalyst Robert Halver Mit Griechenland fingen Europas Stabilitätssünden an

Glaubt ohne bessere Standortbedingungen nicht an blühende griechischen Landschaften: Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank in Frankfurt | © Getty Images

Glaubt ohne bessere Standortbedingungen nicht an blühende griechischen Landschaften: Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank in Frankfurt Foto: Getty Images

Die griechische Finanzkrise seit 2010 war spannender als jeder Krimi. Unvergessen sind die Auseinandersetzungen zwischen dem knorrigen Stabilitäts-Schwaben Schäuble und dem griechischen „Anarcho“-Finanzminister Varoufakis. Letztlich jedoch hat Griechenland mit der Hilfe von EU, Eurozone und EZB das Krisenmonster besiegt. Nach acht Jahren und drei Hilfsprogrammen hat Griechenland den Rettungsschirm verlassen.

Krisenverursacher waren zunächst griechische Regierungen aller Couleur. Die durch den Euro-Beitritt dramatisch sinkenden Kreditzinsen wurden nicht zur Finanzierung von Strukturreformen genutzt, sondern für Wahlgeschenke missbraucht. Die goldene Euro-Clubkarte hat man sich ohnehin nur durch Fälschung der Wirtschaftsstatistiken erschlichen. Doch hat sich der ein oder andere gerne täuschen lassen. Frankreich wollte, dass möglichst viele Süd-Länder dem Euro-Raum beitreten. Statt eines germanischen Stabilitäts-Clubs wollte Paris einen „Club Méditerranée“ gründen, der in puncto Stabilitätskriterien auch schon mal beide Augen zudrückt. Stabilität schätzt man in Frankreich ungefähr so wie fast Food in Pariser Sternerestaurants.

Mit der Griechenland-Rettung fingen die europäischen Stabilitätssünden an

Europa hat zu Beginn der Krise 2010 die Chance verpasst, Griechenland den (zeitweisen) Austritt aus der für das Land zu leistungsstarken, unhaltbaren Euro-Champions League zu ermöglichen. Dabei wäre es nicht um Bestrafung der Griechen gegangen. Nach einem Grexit hätte eine Währungsabwertung dem griechischen Export Flügel verliehen wie Red Bull. Die Erträge aus dem Außenhandel hätten geholfen, griechische Strukturreformen mit weniger Anpassungsschmerzen durchzuführen. Vor allem aber hätte Europa unmissverständlich bewiesen, dass Stabilität nicht nur ein politisches Soll, sondern ein finanzpolitisches Muss ist.

Leider hat man damals das Gegenteil getan und damit Türen geöffnet, die sich nicht mehr schließen ließen. Wie von einigen Euro-Ländern durchaus gewünscht, ist aus der einst strikten Stabilitäts- mittlerweile eine willfährige Schuldenunion geworden. Haben wir die Deutsche Mark nicht nur deswegen aufgegeben, weil uns der Euro als genauso stabil verkauft wurde?

Mit dem unbedingten Verbleib der Griechen im Euro-Club wollte die Politik einen Präzedenzfall verhindern. Griechenland sollte nicht der erste Dominostein sein, der fällt und der am Ende über Austreteritis aus einem europäischen Gemeinschaftswerk einen geopolitisch schwachen Flickenteppich hätte machen können. Es ging also insbesondere um einen stabilen Zusammenhalt Europas, nicht um Finanzstabilität der Eurozone.