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Baader-Bank-Chefanalyst Robert Halver „Zunächst kommen alle in den gleichen Sack“

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Kapitalverkehrskontrollen könnten zwar den Verlust an Auslandsdevisen wirksam behindern. Die Angst jedoch, sein Geld dann nicht mehr abziehen zu können, würde die Türkei zu einer No Go-Zone für Auslandsinvestoren machen.

Alternativ könnte sich die Türkei neue Wirtschaftsverbündete suchen. Der politische Schulterschluss mit Russland wird ja bereits geübt. Liebend gerne würde Moskau die Türkei komplett aus dem westlichen Bündnis befreien. Aber wirtschaftlich kann ein Kranker einem Kranken nicht helfen.

Auch eine Zweckehe mit China hat ihre Tücken. Für jede wirtschaftliche Unterstützung will China üppige Gegenleistungen, z.B. den Zugang, wenn nicht sogar den Besitz von türkischen See- oder Flughäfen. Wie will Erdogan seiner Bevölkerung die Abgabe der logistischen Kronjuwelen ohne Gesichtsverlust verkaufen?

Das europäische Dilemma

Als politisches Scharnier zwischen Europa und dem Mittleren und Fernen Osten und als Nato-Mitglied hat die EU sicher kein Interesse an einer zusammenbrechenden Türkei. Doch muss sich die EU auch fragen lassen, welchen Wert ein Partner noch hat, der droht, mit Russland fremdzugehen und bereits Raketenabwehrsysteme dieses „Nato-Feinds“ kauft. Wie intakt kann denn eine Ehe sein, bei der ein Partner permanent mit Scheidung droht und sogar schon Tanzkurse mit einer fremden Person besucht?

Stützte die EU Ankara finanziell aus Angst vor einer türkischen Kündigung des Flüchtlings-Deals, bekäme Erdogan noch mehr Machtfülle, die er nicht unbedingt zum Nutzen Europas einsetzen würde. Immerhin hat das politische Gewicht Europas wegen der Wirtschaftsschwäche am Bosporus zugenommen. Daher muss Berlin beim Staatsbesuch des türkischen Präsidenten das Prinzip „Leben und leben lassen“ anwenden. Es darf durchaus Druck ausgeübt werden, um eine falsche Innen- und Wirtschaftspolitik zu revidieren. Es sei an die so oft gepriesene Wertegemeinschaft der EU erinnert, die nicht nur auf Brüsseler Hochglanzpapier stehen sollte.

Wie will die Türkei dem Staatsbankrott entgehen?

Aus ihrem Schlammassel kommt die Türkei erst nach Verständigung mit den USA heraus. Ein Boykott amerikanischer Produkte mag das Mütchen kühlen, ist aber nur ein Sturm im Wasserglas. Ob es Erdogan nun passt oder nicht, Amerika ist mehrere Nummern zu groß. Die USA sind mit ihrer Weltleitwährung Dollar und mächtigen Bankenindustrie immer noch der Kraftmeier in der Finanzwelt und können die Türkei nachhaltig schädigen.

Die Türkei muss ihre ideologische Schmollecke verlassen. Ansonsten schlagen die Finanzmärkte unerbittlich zu wie die Spanische Inquisition. Ein irreparabler Vertrauensverlust könnte die türkische Währung dann endgültig zum „Ver-Lira“ machen. Über Hyperinflation und schließlich eine Währungsreform verlöre die türkische Bevölkerung ihr gesamtes angespartes Vermögen. Schon jetzt sind die Wohlstandsverluste der Türken groß: Gemäß dem sogenannten Elends-Index als Kombination aus Inflations- und Arbeitslosenrate liegt die Türkei sogar oberhalb von Griechenland. Niemand sollte sein Volk in Geiselhaft nehmen. 

Grafik: Elends-Index aus Inflation und Arbeitslosenquote

Nach den letzten Ausführungen aus der Türkei ist mit dieser Einsicht zumindest vorerst nicht zu rechnen. Damit droht die Türkei schleichend zu einem zweiten Venezuela zu werden, noch schlimmer, denn die Türkei hat kein Öl. Das ist dem Land und seinen Menschen auf keinen Fall zu wünschen.  

Wie stark streut der türkische Krisenvirus?

Grundsätzlich sind die Finanzmärkte einfach gestrickt. Hat ein Schwellenland Probleme, kommen zunächst alle in den gleichen kollektiven Sack und werden vertrimmt. Doch wird sich in den nächsten Wochen die Spreu vom Weizen trennen. Die üblichen Verdächtigen unter den Schwellenländern, die innen- und finanzpolitische Probleme oder Handelsbilanzdefizite haben, werden zwar weiter die harte Knute der Finanzmärkte spüren.

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