Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat bei einer Umfrage unter zehn Lebensversicherern erhebliche Defizite im Umgang mit sogenannten dynamischen Hybridprodukten festgestellt. Die Antworten der Unternehmen deuten in einigen Punkten auf Schwachstellen im Umgang mit diesen Risiken hin, wie die Finanzaufsicht in einem aktuellen Beitrag auf ihrer Website schreibt
Diese Produkte kombinieren klassische Lebensversicherungsbestandteile mit fondsgebundenen Komponenten und bieten dadurch eine flexiblere und renditeorientiertere Kapitalanlage. Sie machen bei kapitalbildenden Produkten mit über 20 Prozent inzwischen einen erheblichen Anteil am Neugeschäft aus, wie Zahlen für 2024 zeigen. Auch wenn die Aufsicht keine einzelnen Unternehmen nennt, gilt die Allianz mit ihrem großen Portfolio hier als Benchmark der Branche.
Gefahr für klassische Verträge anderer Kunden
Die Bafin warnt vor einem bislang aus ihrer Sicht unterschätzten Risiko: Umschichtungen dynamischer Hybridprodukte wirken sich demnach auch auf die allgemeine, nicht fondsgebundene Kapitalanlage eines Lebensversicherers aus. Dies könne alle anderen klassischen Lebensversicherungsverträge beeinträchtigen.
Das Problem: Die Ausgestaltung der Umschichtungsalgorithmen dynamischer Hybridprodukte kann laut Bafin daher Auswirkungen auf die Anlagerisiken und insbesondere auf die Liquidität und Allokation der nicht fondsgebundenen Kapitalanlagen haben. Die Folge seien geringere Überschussbeteiligungen für alle anderen Versicherten.
Cash-Lock-Risiko für Hybridkunden
Ein zweites gravierendes Problem betrifft die Kunden der dynamischen Hybridprodukte selbst: Ungünstige Kapitalmarktentwicklungen könnten eine massive Umschichtung in das klassische Deckungskapital auslösen. Bei einer anschließenden Markterholung bleiben die Versicherten dann in sicheren, aber renditeschwachen Anlagen „gefangen“, schreibt die Aufsichtsbehörde. Sie würden dann nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt an einer Erholung der Kapitalmärkte partizipieren. Dieses Risiko werde besonders bei Verträgen mit einer 100-prozentigen Beitragserhaltungsgarantie relevant.
Laut Bafin-Untersuchung ist genau das während der Corona-Krise passiert. Die Turbulenzen an den Kapitalmärkten im Jahr 2020 führten demnach zu erheblichen Umschichtungen bei den dynamischen Hybridprodukten. Das Ausmaß habe zwischen den Anbietern deutlich variiert. Bei manchen Lebensversicherern sei der klassische Anteil am Vertragsguthaben um mehr als 20 Prozentpunkte gestiegen, bei anderen um weniger als zehn Prozentpunkte.
Im Zuge der Kurserholung ab März 2020 hätten die Versicherer zwar die Fondsguthaben wieder aufgestockt, aber längst nicht so stark, wie zuvor die Umschichtungen ins klassische Deckungskapital ausgefallen waren. Allerdings sei die Entwicklung auch hier bei den einzelnen Versicherern sehr unterschiedlich gewesen.
Schwerwiegende Mängel bei Risikoanalysen
Die Bafin-Umfrage förderte zudem gravierende Defizite im Risikomanagement zutage. So gaben nur vier von zehn Lebensversicherern an, bei der Produktentwicklung auch die Transaktionskosten, die durch Umschichtungen entstehen, näher analysiert zu haben. Diese Kosten belasten letztendlich alle Versicherten.
Besonders problematisch: Im Neugeschäft hingegen haben dynamische Hybridprodukte, gemessen an der vertraglichen Beitragssumme inzwischen in Einzelfällen einen Anteil von über 50 Prozent. Trotzdem führen die meisten Versicherer keine langfristigen Auswirkungsanalysen durch.
Die Bafin hatte bereits 2020 gefordert, dass Lebensversicherer negative Auswirkungen auf andere Verträge quantifizieren und ausgleichen müssen. Das Ergebnis ist aus Sicht der Aufseher nun ernüchternd: Die Antworten der meisten Teilnehmer ließen nicht erkennen, dass sie bereits entsprechende Prozesse und Methoden implementiert haben.
Erhebliche Unterschiede bei Produktgestaltung
Die Umfrage offenbarte auch drastische Unterschiede in der Produktgestaltung: Ende Januar 2020 lag der Anteil des klassischen Deckungskapitals an den gesamten Vertragsguthaben je nach Unternehmen in einer großen Bandbreite zwischen rund 20 Prozent und 66 Prozent. Die Bandbreite in der konkreten Umsetzung ist dabei erheblich: Manche Anbieter setzen auf Drei-Topf-Modelle mit Wertsicherungsfonds und freien Fonds, andere nutzen Zwei-Topf-Modelle ohne zusätzliche Absicherung
Diese Bandbreite bedeutet: Das Chancen-Risiko-Profil je nach Ausgestaltung der Produkte und insbesondere der Umschichtungsalgorithmen deutlich unterscheidet. Kunden mit vermeintlich ähnlichen Produkten haben völlig unterschiedliche Risikoprofile.
Produktfreigabe mangelhaft
Ein weiteres gravierendes Problem aus Sicht der Bafin: Aus den Antworten der Lebensversicherer geht nicht hervor, dass sie ihre Analysen der spezifischen Verbraucherrisiken aus den Umschichtungsalgorithmen dynamischer Hybridprodukte bereits mit dem Produktfreigabeverfahren verknüpft haben.
Dies sei besonders kritisch, da die konkrete Ausgestaltung der Umschichtungsalgorithmen erhebliche Auswirkungen auf das Chancen-Risiko-Profil der Produkte habe und damit darauf, inwieweit die Produkte den Bedürfnissen, Eigenschaften und Zielen des Zielmarktes entsprechen.
Verschärfte Aufsicht angekündigt
Die Bafin reagiert auf die Mängel mit konkreten Maßnahmen: So will sie zukünftig bei ihren Prüfungen – insbesondere bei Lebensversicherern mit einem hohen Neugeschäftsanteil an dynamischen Hybridprodukten – auch die besonderen Verbraucherrisiken dieser Produkte in den Blick nehmen. Grundlage soll das Merkblatt zu wohlverhaltensaufsichtlichen Aspekten bei kapitalbildenden Lebensversicherungen aus dem Jahr 2023 sein.
Die Versicherer selbst berichten, bereits Maßnahmen zur Reduzierung von Umschichtungsrisiken ergriffen zu haben, wie etwa eine vorsichtige Festlegung der Garantiehöhen und eine Auswahl von geeigneten, schwankungsärmeren Fonds.


