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Kommunikation per Smartphone und Laptop: Die Zukunft der Vermögensverwaltung wird digitaler. Doch inwieweit können Algorithmen und Künstliche Intelligenz (KI) Finanzberater ersetzen – und inwieweit nicht? Antworten gibt Jochen Werne, Direktor Marketing, Business Development, Treasury & Payment Services beim Münchner Bankhaus August Lenz. | © bruce mars

Bank-Manager Jochen Werne

„Finanzberater müssen künftig noch schneller beim Kunden sein“

DAS INVESTMENT: Müssen Arbeitnehmer aus allen Berufsgruppen durch den Bedeutungsgewinn der Künstlichen Intelligenz um ihren Arbeitsplatz bangen?

Jochen Werne: Nein. Wer heute den Versuch wagen will, ein wenig mit Fachverstand in die Zukunft zu blicken, muss ein Grundverständnis der kurz- mittel- und langfristigen Möglichkeiten aktueller Technologien und ihrer Einsatzmöglichkeiten besitzen. Dies gilt besonders für alle Aussichten und Rückschlüsse, die im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz gemacht werden. Viele denken beim Stichwort KI zuerst an die sogenannte „starke KI“, das heißt eine Intelligenz, die ähnlich wie ein Mensch agieren kann. Und bei vielen wandern die Gedanken dann zu selbst denkenden Robotern, die vielleicht wie in den Terminator-Filmen, dem Menschen überlegen sind und eine Bedrohung darstellen. Reale Anwendungsbeispiele für starke KI zu erschaffen, bleibt jedoch zum heutigen Stand weiter visionär.

Trotzdem spukt die Digitalisierung als Schreckgespenst für ganze Berufsgruppen durch die Medien.

Jochen Werne, Bankhaus August Lenz

Werne: In der aktuellen Praxis geht es um die immer zahlreicher werdenden und äußerst vielversprechenden Anwendungsfälle sogenannter „schwacher KI“. Damit bezeichnet man insbesondere selbst lernende Systeme, die in vielen Bereichen der Industrie 4.0. und anderen digitalisierten Bereichen unseres täglichen Lebens Anwendung finden. Siri und Alexa sind hier nur zwei populäre Beispiele. Verschwinden könnten in den nächsten zehn Jahren folglich durchaus Jobs. Doch sind die Vorhersagen zahlreicher Studien mit Bedacht zu lesen. Denn sie reichen von einem Wegfall aktueller Berufsbilder im zweistelligen Prozentbereich bis hin zu einer höheren Nettoneubeschäftigung wie es der aktuelle Job Report des World Economic Forum voraussagt.

Welche aktuellen Berufsbilder sind von dem genannten Wegfall besonders bedroht?

Werne: Wie bei jeder technologischen Evolution sind Berufe direkt betroffen, die einfache und beziehungsweise oder digitalisierbare Komponenten enthalten. Der Beruf des Bus- und Taxifahrer mag in einer eventuell zukünftigen Welt selbstfahrender Automobile obsolet erscheinen, doch zeichnet sich hier noch eine lange Übergangszeit ab. Vergessen wir nicht, dass Angst in der Menschheitsgeschichte immer ein Begleiter der Veränderung war, doch dass auch in der Übergangszeit vom Pferd zum Automobil mit Verbrennungsmotor vor mehr als 100 Jahren nicht alle Pferdekutscher von heute auf morgen dauerhaft arbeitslos wurden.

Aber trotzdem machen sich beispielsweise viele deutsche Vermittler Sorgen um den Trend hin zu Fintechs. Verdrängen nicht die Online-Angebote künftig den klassischen Finanzberater?

Werne: Für Finanzberater bedeutet die Digitalisierung, dass sie sich auf die Wurzeln ihres Berufs zurückbesinnen müssen. Dies beinhaltet eine große Chance für eine Renaissance des Berufsstandes. Der Kern ihrer Arbeit liegt nicht darin komplexe Portfolien zu managen und mit Hilfe selbst entwickelter Machine-Learning-Algorithmen zu optimieren. In der Analyse komplexer großer Datenmengen wird der Mensch und somit auch der Berater einen Computer nicht schlagen können. Stattdessen sind Finanzberater die Schnittstelle zum Kunden, die dem Privatinvestor eine komplexe Materie wie die Finanzmarkttheorie oder politische Zusammenhänge und ihre Auswirkungen auf das eigene Portfolio erklären und übersetzen können.

Was wäre ein konkretes Beispiel dafür?

Werne: Bei Gesprächen zu Bedürfnissen wie beispielsweise Wohnträumen reicht es nicht, nur ein Vergleichsportal mit alle verfügbaren Immobilienfinanzierungen aufzulisten. Stattdessen muss sich ein Berater mit dem jeweils konkreten Finanzbedarf auseinanderzusetzen und diesen optimal in die gesamte Finanzsituation des Kunden einbinden. Ähnlich wie bei einem Arzt oder Rechtsanwalt geht es also vor allem darum, den Kunden kompetent im jeweiligen Einzelfall, das heißt in genau dieser spezifischen Lebenssituation zu beraten, ohne die Gesamtsituation aus den Augen zu verlieren.

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