Banken: Alles muss raus

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Die Finanzbranche hat sich an Krediten verhoben und bezahlt nun dafür. Vor allem der IWF malt ein besonders dunkles Szenario.

Im Lauf der Kreditkrise haben Banken einiges verloren: Geld, Vertrauen und Manager. Nur das, was sie loswerden müssen, befindet sich nicht darunter. Das sind jede Menge Kredite und faule Geldanlagen, die noch in ihren Bilanzen stehen. Beispiel Lehman Brothers: Die US-Investmentbank saß seit vergangenen Herbst auf einem Kreditpaket, mit dem sie mehrere Unternehmenskäufe anderer Investoren finanziert hatte. Unter anderem stemmte sie den Kauf der Energiefirma TXU durch den Private-Equity-Fonds Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) für 44 Milliarden Dollar. Anschließend wollte Lehman dieses Kreditrisiko an andere Investoren weiterverkaufen. Die waren jedoch durch die mittlerweile ausgebrochene Finanzkrise so verschreckt, dass sie nur noch abwinkten.
Planänderung. Um das Risiko aus den Büchern und Geld in die Bücher zu bekommen, verschob Lehman die Kredite in eine Tochterkonstruktion und gab eine 2,8 Milliarden Dollar schwere Anleihe heraus mit dem Namen Freedom (Freiheit). Drei Viertel davon kauften tatsächlich einige unverdrossene Anleger und übernahmen somit das Kreditrisiko. Mit diesem Erfolg sind die Banker nicht allein. Die Deutsche Bank verkaufte Mitte April eine Kreditkollektion von umgerechnet über 3 Milliarden Euro direkt an Investoren. Die Citigroup schnürte für drei Hedge-Fonds ein Paket von fast 8 Milliarden Euro.

Banken: Zu teuren Rabatten gezwungen

Vielen Banken steht das Wasser bis zum Hals. Sie haben einerseits die Bücher voll mit waghalsigen Krediten, bekommen andererseits aber kein oder nur teures Geld am Markt. Wer jedoch seine Ware nicht los wird, muss den Preis senken. Die Citigroup nimmt für ihre Kredite einen Preisabschlag von 10 Prozent hin, schätzen Fachleute. Lehman muss für einen Teil seiner Freiheits- Anleihe sogar 20 Prozent Rabatt geben. „Das Positive daran ist die Erkenntnis, dass diese Risikopakete offenbar eine Preisuntergrenze haben, ab der sich Käufer finden“, wertet Jochen Felsenheimer, der das Kreditstrategie-Research der Unicredit MIB leitet. Die Abschläge selbst seien für die Banken natürlich schmerzhaft.
Sie bescheren ihnen eine weitere Verlustrunde, nachdem sie bereits in den vergangenen Quartalen Milliardenbeträge abschreiben mussten. Hintergrund: Bis Mitte vergangenen Jahres sogen sich die Geldhäuser und andere Anleger mit Geldanlagen voll, die einfach nur neu verpackte Kredite waren. Neben Finanzierungen von Firmenkäufen waren das vor allem Baukredite an zahlungsschwache Amerikaner (Subprime-Kredite) aber auch Kreditkarten- und Autodarlehen. Die Kunst dabei war, dass findige Investmentbanker aus einem Haufen minderwertiger Subprime-Kredite Anlagen von scheinbar hoher Qualität bauten.

Preise sinken auf Ramschniveau

Doch nun regiert das Misstrauen. Niemand mehr will diese Wunderpapiere kaufen. Der ABX-Index, der das Preisniveau misst, brach entsprechend ein. „Das betrifft alle Finanzanlagen, auch die, die eigentlich eine sehr gute Qualität aufweisen“, sagt Alexander Pockrandt, Vorstand der Value Price AG, die unter anderem solche kompliziert strukturierten Anlagen bewertet.
Der internationale Bilanzstandard schreibt jedoch vor, dass Geldanlagen mit ihrem Marktpreis in den Bankbilanzen stehen müssen. Die Folge: Banken mussten den immer weiter gesunkenen Preis ansetzen. Dieser Wertverlust, der jedes Mal sofort direkt auf den Unternehmensgewinn drückt, ist dann die berüchtigte Abschreibung.
Um den Druck zu dämpfen, will der Internationale Bankenverband (IIF) unter seinem Vorsitzenden Josef Ackermann den Bilanzierungsstandard ändern, sodass nicht mehr der Marktpreis angesetzt werden muss. „Das ist der falsche Ansatz, denn gerade die Bilanzierung zu Marktpreisen verschafft Aktionären und Investoren die vom Gesetzgeber geforderte Transparenz“, sagt Pockrandt. Wenn Finanzanlagen lange Zeit nur zum Kaufpreis in der Bilanz stehen, könne es später beim Verkauf ein böses Erwachen geben, gibt er zu bedenken. Merkwürdig ist auch: Solange die Preise der Problempapiere und der Gewinn der Bank gestiegen waren, hat der Verband nichts gesagt.
Eine echte Bombe ließ der Internationale Währungsfonds (IWF) am 8. April platzen. Er setzte in seinem Bericht über die Finanzstabilität seine Schätzung für alle notwendigen Abschreibungen weltweit um 200 Milliarden auf fast eine Billion Dollar hinauf. Er befürchtet genau das, was Felsenheimer auch als „Entschuldung auf Amerikanisch“ bezeichnet: Haus verkaufen, Auto verkaufen, Fernseher verkaufen. Dann würden der Reihe nach neben den Subprime-Krediten auch höherwertige Bau-, Auto- und Kreditkartendarlehen platzen. Und das, befürchtet der IWF, könnte zu einer bedrohlichen Kombination aus Entlassungen, sinkender Industrieproduktion und schwachen Bilanzen führen. Bei den Hauskrediten häufen sich die Zahlungsverzüge bereits bedenklich.

Hedge-Fonds als Helfer

Doch trotz der düsteren Aussichten gibt es Optimisten, die davon ausgehen, dass die Kreditanlagen unterbewertet sind. „Ich habe noch keine Bank erlebt, die zu viel abschreibt“, hält Pockrandt dagegen. Das gelte allenfalls für einige Rosinen unter den Anlagen, die sich Investoren herauspicken würden. Jedoch könnten sicher einige Institute wieder Beträge für ihre Anlagen zuschreiben, sobald sich die Märkte beruhigt hätten.
Das Magazin „Der Spiegel“ zählte im März bereits über 70 Hedge-Fonds, die sich auf Rosinensuche begeben haben. Nur ein paar Irre, die in ihr Verderben rennen? „Nein, es sind Spezialisten, die solche komplizierten Anlagen bewerten können und die Schnäppchenpreise antizyklisch nutzen“, sagt Michael Busack, Geschäftsführer des Alternative-Investment-Spezialisten Absolut Research. „Hedge-Fonds-Investoren, die diese Chan cen nutzen wollen, sollten allerdings nur in die Besten ihres Fachs investieren, denn das Thema ist sehr komplex“, fügt er hinzu. Er habe die Hoffnung, dass die Hedge-Fonds-Branche mit ihrem Einsatz etwas bewegt und den Handel mit Kreditanlagen deutlich belebt. Und damit wäre wiederum auch den Banken geholfen.

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