Harald Preißler

Harald Preißler

Bantleon-Kommentar

Böses Erwachen auf der morgigen EZB-Sitzung?

Der Tag der Entscheidung rückt näher. Es kam in der Vergangenheit nicht oft vor, dass eine Sitzung des EZB-Rates im Vorfeld für so viel Gesprächsstoff gesorgt hat, wie das am kommenden Donnerstag anstehende Treffen

Einzige Ausnahme dürfte der September 2012 gewesen sein, als die Währungshüter wochenlangen Spekulationen über Ausmaß und Gestalt des OMT-Programms mit ihren Konkretisierungen ein Ende setzten – und damit zugleich die Wende in der Eurokrise einleiteten.

Nicht weniger hoch sind die Erwartungen diesmal, dafür hat die EZB in der Form ihres Präsidenten Mario Draghi selbst gesorgt. Dieser hatte bei verschiedenen Anlässen die unzureichende Wirkung der expansiven Geldpolitik beklagt.

So befinden sich die Ausleihsätze am Interbankenmarkt seit Jahresbeginn in einem flachen Aufwärtstrend, der effektiv eine Verschärfung der monetären Rahmenbedingungen reflektiert. Daneben kommt die Kreditvergabe an die Privatwirtschaft vor allem in den Peripheriestaaten nicht in die Gänge.

Nach den jüngsten Zahlen der EZB schrumpfte das ausstehende Kreditvolumen an Unternehmen auch im April und liegt nun bereits 11 Prozent unter dem Niveau von Ende 2008/Anfang 2009 – auch hier ist von expansiver Geldpolitik nichts zu spüren.

Verbraucherpreis bereitet Kopfzerbrechen

Ganz besonderes Kopfzerbrechen bereitet den Währungshütern aber die Entwicklung der Verbraucherpreise. Das Aufbäumen der Teuerungsrate im April (0,7 Prozent nach 0,5 Prozent im März, jeweils versus Vorjahr) könnte im Mai schon wieder vorüber sein.

Die ersten Schätzungen aus einzelnen Mitgliedsstaaten legen einen erneuten Rücksetzer auf 0,6 Prozent oder sogar 0,5 Prozent nahe. Damit bleibt die Inflationsdynamik einmal mehr hinter den Projektionen der EZB-Experten zurück.

Darüber hinaus häufen sich inzwischen auch auf konjunktureller Seite die schlechten Nachrichten – dabei galt doch ein moderater Aufschwung der Eurozone im EZB-Szenario als gesetzt.

Mit den enttäuschenden Einkaufsmanager- und Geschäftsklimaindikatoren gerät dieses Bild jedoch ins Wanken. Zumal sich auch das internationale Umfeld alles andere als rosig präsentiert.

Die US-Wirtschaft ist im 1. Quartal stärker unter die Räder gekommen als bislang angenommen und scheint sich von diesem Schock auch nur langsam zu erholen. China ist weit weg vom Glanz der alten Tage und seinerseits damit beschäftigt, das Wirtschaftswachstum vor dem Ersticken zu bewahren.

Die EZB wird vor diesem Hintergrund nicht anders können, als wieder einmal den »Game Changer« zu spielen – wie im Sommer 2012. Ob sie sich dazu bereits am kommenden Donnerstag durchringen kann, ist zwar zu bezweifeln, dafür dürfte dem Gremium das Gefahrenpotential doch noch nicht konkret genug erscheinen.

Deswegen steht dem Vernehmen nach nur ein Maßnahmenbündel aus Zinssenkungen und gezielten monetären Stimuli auf der Agenda. Sollte sich diese Extradosis als zu schwach erweisen, wovon wir ausgehen, müssen die Währungshüter spätestens im Herbst über ihren Schatten springen und ein QE-Programm lancieren.

Fazit: Die EZB hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt, um sich ein »Scheitern« erlauben zu können. Die Geldpolitik muss von jetzt ab so lange gelockert werden, bis die Inflationserwartungen im Verbund mit der Konjunkturdynamik klar nach oben drehen.

Es mag grotesk anmuten, aber die Vorfreude der Finanzmärkte könnte daher in einem bösen Erwachen enden – denn die EZB ist erst am Ziel, wenn die Kapitalmarktzinsen steigen!

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