Eine aktuelle Untersuchung des Bundesverbands Deutscher Versicherungsmakler (BDVM) zeigt erhebliche Kapazitätsengpässe im deutschen Gewerbe- und Industrieversicherungsmarkt auf. Die von den Versicherungsforen Leipzig durchgeführte Studie unter 128 Mitgliedsunternehmen des BDVM verdeutlicht, dass sich die Versicherbarkeit bestimmter Risiken drastisch verschlechtert hat.
Die Ergebnisse zeigen klare Schwerpunkte bei den Kapazitätsengpässen: 80 Prozent der befragten Makler berichten von Problemen bei der Deckung von Feuer-, Explosions-, Blitzschlag- und Leitungswasserrisiken. Bei Betriebsunterbrechungsversicherungen sehen 63 Prozent Engpässe, während 44 Prozent Schwierigkeiten bei der Absicherung von Naturkatastrophenrisiken feststellen.
Besonders stark betroffen sind nach BDVM-Angaben bestimmte Branchen: Die Abfallwirtschaft und das Recycling führen mit 66 Prozent die Liste der problematischen Sektoren an. Es folgen Rohstoffunternehmen – insbesondere aus der Holzbranche – mit 38 Prozent sowie Lager- und Logistikunternehmen mit 34 Prozent.
ESG-Maßnahmen als Versicherungshürde
Ein paradoxes Problem identifiziert die Studie beim Thema Nachhaltigkeit: 56 Prozent der Befragten sehen einen Konflikt zwischen ESG-Anforderungen und der Versicherbarkeit von Risiken. Photovoltaikanlagen oder Wallboxen für E-Mobilität werden dem BDVM zufolge von Versicherern als risikosteigernd wahrgenommen und führen zu Versicherungsproblemen.
Als zentrale Ursachen für die Kapazitätsengpässe nennt die Studie eine strengere Risikoselektion der Versicherer sowie einen reduzierten Risikoappetit. Die Folgen seien steigende Prämien, höhere Selbstbeteiligungen und strengere Bedingungen für den Versicherungsschutz.
Makler setzen auf Prävention und Beteiligungsgeschäft
Eine mögliche Lösung dieses Problems sehen die meisten befragten Makler (94 Prozent) in den Präventionsmaßnahmen. Allerdings bemängeln sie, dass Versicherer entsprechende Maßnahmen zu wenig honorieren und berücksichtigen. 47 Prozent der Befragten nennen Beteiligungen als bevorzugte Lösungsvariante.
Dem Beteiligungsgeschäft messen 78 Prozent der Studienteilnehmer ohnehin eine steigende Bedeutung bei. Dabei zeigt sich: Insbesondere bei Kapazitätsengpässen steigt die Anzahl der beteiligten Versicherer. Gleichzeitig nehmen aber auch die Komplexität, beispielsweise durch unterschiedliche Prämiensätze, sowie der Aufwand für die Makler zu.
Knapp die Hälfte der Befragten denkt über eine Kooperation mit größeren Pools und Dienstleistern nach, um ihren Kunden weiterhin ausreichenden Versicherungsschutz bieten zu können.
„Gefährdung des Wirtschaftsstandorts“ oder „subjektive Einschätzung“?
„Unsere Studie zeigt deutlich, dass die Kapazitätsengpässe in der Gewerbe- und Industrieversicherung kein vorübergehendes Phänomen sind“, erklärt Thomas Billerbeck, Präsident des BDVM. Die Probleme seien inzwischen auch bei mittelständischen und kleineren Maklern spürbar.
Die BDVM-Studie stößt jedoch auch auf Kritik. Die Studie weise methodische Schwächen auf, schreibt der Sachversicherungsexperte Stephan von Heymann in seinem Blog. Ihre Aussagekraft sei daher „in mehrfacher Hinsicht kritisch zu hinterfragen“.
Ein wesentlicher Schwachpunkt liegt laut Heymann in der fehlenden methodischen Transparenz. Es fehle eine differenzierte Darstellung der Stichprobe hinsichtlich Unternehmensgröße, regionaler Herkunft oder Branchenspezialisierung. Auch über die Methodik der Datenerhebung – etwa Befragungsform, Zeitraum oder Rücklaufquoten – gebe es keine Angaben.
„Indikator für ein gestiegenes Problembewusstsein“
Heymann kritisiert zudem, dass die Studie „überwiegend subjektive Einschätzungen“ liefere, die nicht mit objektiven Marktdaten wie Schadenquoten oder Rückversicherungsprämien hinterlegt seien. „Ohne solche fundierten Vergleichswerte besteht die Gefahr einer verzerrten Darstellung“, warnt der Experte.
Die Studie bleibe „letztlich eher ein Indikator für ein gestiegenes Problembewusstsein innerhalb eines bestimmten Maklersegments – jedoch kein belastbares Fundament für politische oder wirtschaftliche Schlussfolgerungen“, resümiert Heymann.