Nach Auffassung des Bundesverbands Deutscher Versicherungsmakler (BDVM) zeichnet sich im Mittelstand ein Deckungsnotstand ab. Dies war eine zentrale Botschaft beim gestrigen Jahrespressegespräch des Interessenverbands in Hamburg.
In einigen Wirtschaftszweigem herrscht dramatischer Deckungsnotstand
Während sich die Situation in der Industrieversicherung 2024 teilweise entspannt habe, verengten sich die Zeichnungskapazitäten für Gewerbe und kleine und mittlere Unternehmen erheblich. „Wir bekommen verzweifelte Hilferufe von Kolleginnen und Kollegen, die keine oder nur ganz schwer Deckung für ihre Kundinnen und Kunden bekommen“, sagte BDVM-Präsident Thomas Billerbeck.
Sein Verband zählt weiterhin rund 750 Unternehmensmitglieder, vor allem mit Schwerpunkt im industriellen Sachgeschäft und versteht sich selbst als Sprachrohr der „Qualitätsmakler“.
Treiber des Problems seien der Rückversicherungsmarkt, die Zunahme von Elementar- und Naturkatastrophen-Risiken, die Schadeninflation sowie die mangelnde Rentabilität vieler Erstversicherer.
Besonders stark betroffen seien Risiken der Kreislaufwirtschaft, Galvanik sowie der Fleisch- und Holzindustrie. „Hier ist 100 Prozent Kapazität – wenn überhaupt – nur unter konsequenter Umsetzung von Präventionsmaßnahmen und proaktiver Risikooptimierung zu erhalten“, berichtete BDVM-Vizepräsident Thomas Haukje.
Umfrage zeigt betroffene Branchen
Eine bereits veröffentlichte Mitgliederumfrage vom Mai 2025 liefert dazu Zahlen: In mehreren Branchen herrscht mittlerweile ein deutlicher Deckungsnotstand. An der Spitze steht die Recyclingbranche mit 66 Prozent. Stark betroffen sind auch Rohstoffe (38 Prozent), Lager und Logistik (34 Prozent), Chemie (27 Prozent), Automobil (23 Prozent), Lebensmittel (21 Prozent) und Immobilien (20 Prozent).
„Das Marktumfeld im Midmarket wird deutlich anspruchsvoller – Kapazität, Pricing und Bedingungen geraten gleichzeitig unter Druck“, analysierte Billerbeck. Im aktuellen Renewal scheine sich die Situation nochmals zu verschärfen. Die Konsequenzen könnten weitreichend sein: „Ein starker Versicherungsmarkt ist ein wesentlicher Standortfaktor für Deutschland. Wenn Unternehmen keine ausreichende Absicherung finden, gefährdet das den Wirtschaftsstandort“, so Billerbeck.
Schadenregulierung: Leistungsfähigkeit der Branche nimmt ab
Kritisch äußerte sich der BDVM-Chef auch zur Schadenregulierung. Er widersprach den jüngst veröffentlichten Ergebnissen einer Assekurata-Untersuchung, die eine positive Entwicklung in Bezug auf die Kundenzufriedenheit mit dem Thema dargestellt hatte.
Der BDVM beobachte vielmehr seit rund zwei Jahren eine spürbare Erosion in der Schadenregulierung, die auch Bafin-Exekutivdirektorin Julia Wiens im April bestätigte. Ein wesentliches Problem seien die zu langen Bearbeitungszeiten. Als eine Ursache dafür sieht Billerbeck den Fachkräftemangel. Und der beginne erst so richtig und werde noch schlimmer.
Für Maklerbetriebe bedeute die Nacharbeit – etwa Erinnerungen an offene Schadenfälle – erhebliche personelle Belastungen. In der Folge sinke die Kundenzufriedenheit und das Vertrauen in die Branche leide. Bestätigung für dieses Bild liefert das BDVM-Stimmungsbarometer, eine Umfrage, an der dieses Jahr allerdings nur 72 Mitglieder teilnahmen. Beim Thema „Schadenbearbeitung durch Versicherer“ stimmten 22,2 Prozent mit der Note 6 ab. Im Vorjahr waren es nur 11,4 Prozent. Knapp 28 Prozent der Befragten wählten die Note 5 und 30,6 Prozent vergaben die Note 4.
Der BDVM fordert daher verbindliche Service-Level-Agreements, klare Kommunikations- und Entscheidungsfristen sowie standardisierte Prozesse entlang der gesamten Regulierungskette.
Versicherungsmakler könnten bald größter Vertriebsweg werden
Trotz aller Herausforderungen präsentierte Billerbeck auch positive Zahlen zur Entwicklung des Maklervertriebs. In der gewerblichen Sachversicherung schickt sich der Vertriebsweg über Makler an, die Ausschließlichkeit zu überholen. Derzeit liegen beide mit knapp über 40 Prozent Marktanteil bereits dicht beieinander. Unlängst hatten Zahlen des DIHK gezeigt, dass der Maklervertrieb sich personell deutlich stabiler präsentiert als der Ausschließlichkeitsvertrieb.
Konsolidierung geht weiter, aber anderes
Zur zunehmenden Konsolidierung im Markt äußerte sich Billerbeck differenziert.„Konsolidierung prägt das Tagesgeschehen und wird sich die kommenden Jahre fortsetzen.“ Sie müsse aber Mehrwerte für Mandaten und Mitarbeiter schaffen. Die Attraktivität eines Maklerhauses beim Kauf werde auch dadurch gefördert, dass qualifiziertes Personal vorhanden ist.
Grundsätzlich sei weiterhin viel Geld im Markt. Der BVDM erwartet, dass vor allem kleinere Unternehmen in den Fokus der Aufkäufer geraten werden,
Industrieversicherung: Balanceakt zwischen Prävention und Kapazität
Vizepräsident Haukje vertiefte die Analyse zur Lage im Industrieversicherungsmarkt. „Eine pauschale Aussage, ob der Markt weich oder hart ist, ist schlicht und ergreifend nicht möglich“, stellte er fest. Er sei aktuell in vielen Bereichen sehr volatil. Nach Jahren steigender Prämien, Risikoausschlüssen und sinkenden Kapazitäten wären gleichbleibende Konditionen in einigen Industriesparten bereits „Balsam für die Seelen der Unternehmen.“
In den vergangenen Jahren hätten insbesondere die mittelständischen Versicherer massiv geholfen, die Kapazitäten bei Großrisiken in der industriellen Sachversicherung aufzufüllen. Doch diese Versicherer „fangen nun auch an, sich zurückzuzeichnen“, so Haukje – auch weil einige bei ihrer Hilfe womöglich überzeichnet haben. „Das macht es noch mal knapper.“
Gleichzeitig steigen laut Haukje die in der Kürze der Zeit kaum erfüllbaren Anforderungen an Schadenverhütungsmaßnahmen wie den technischen, baulichen und organisatorischen Brandschutz weiter. „Großunternehmen, schwer versicherbare Risiken und Unternehmen mit negativer Schadenhistorie werden weiterhin mit stark ansteigenden Prämienforderungen und einer restriktiven Zeichnungspolitik konfrontiert“, so der Verbandsfunktionär.
Außerhalb dieser schweren Risiken gehe der Trend zu moderateren Prämienanpassungen und verhaltenem Wettbewerb. Der Markt zeige hier eine Stabilisierung, auch Mehrjahresverträge seien wieder möglich.
Weitere Spartenbewertungen
In der D&O-Versicherung konstatierte Haukje eine weitere Entspannung des Marktes. Für gute Risiken aus Sicht der Versicherer seien gute Quotierungen beziehungsweise deutlich verbesserte Konditionen und Mehrjahresverträge erhältlich. Die Anbieter hätten jedoch einen unverändert hohen Informationsbedarf, was unter anderem an den steigenden Haftungsrisiken der Unternehmensleiter und Aufsichtsorgane liege. Eine Verschärfung des Marktes nach dem BGH-Urteil zum VW-Vergleich erwartet Haukje auf Nachfrage von DAS INVESTMENT nicht.
In der gewerblichen Haftpflichtversicherung bleibe es durchwachsen. In einigen Bereichen entspanne sich der Markt deutlich und der Wettbewerb sei spürbar. Bei komplexen Risiken müsse jedoch weiterhin um Kapazitäten gekämpft werden. US-Risiken stünden aufgrund steigender Schadenersatzurteile weiterhin unter Druck.
Demgegenüber sei der Kfz-Flottenmarkt etwas „weicher“ geworden, aber eine generelle Entspannung ist laut Haukje nicht in Sicht.
Cyberversicherung: Normalisierung bei wachsenden KI-Bedrohungen
Die Situation in der Cyberversicherung adressierte Sven Erichsen vom Spezialversicherungsbroker Finlex in einem eigenen Vortrag. Er konstatierte für 2025 eine weitere Normalisierung der Sparte. Nach Jahren steigender Prämien und Kapazitätsengpässen hätten sich die Kapazitäten wieder erhöht. Zudem seien neue Marktteilnehmer wie Coalition, Stoik und CFC in den deutschen Markt eingetreten.
„Die Geschäftsführung eines Unternehmens – egal ob klein oder groß – kann sich kaum noch erlauben, keine Cyberversicherung zu besitzen, ohne kritische Nachfragen zu erhalten oder sich Haftungsrisiken auszusetzen“, so Erichsen.
Gleichzeitig warnte er vor dramatisch wachsenden Bedrohungen durch Künstliche Intelligenz: „Waren beispielsweise Phishing-Mails in ihren Anfangstagen noch geprägt von schlechter Sprache und wenig Kontext, so haben sich diese mithilfe von KI zu gut getarnten Mails mit persönlicher Ansprache und Kontext entwickelt.“ KI ermögliche mittlerweile täuschend echte Video-Calls und suche automatisiert nach Schwachstellen.
Positiv vermerkte Erichsen die verbesserte Risikobewertung durch Outside-In-Scans und die Tatsache, dass viele Unternehmen bessere Präventionsmaßnahmen implementiert haben – oft getrieben durch die Forderungen der Versicherer selbst.
Unabhängigkeit: Rechtsgutachten bestätigt bekannte Position
Ein Kernthema des Pressegesprächs bildete wie im Vorjahr die Frage der Unabhängigkeit von Versicherungsmaklern. Einmal mehr schoss sich der Verband dabei auf Verbraucherschützer ein. Die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) geht weiterhin gegen Versicherungsmakler vor, die den Begriff Unabhängigkeit auf ihren Websites verwenden. Nicht gelten lassen will der BVDM, dass man in diesem Zusammenhang die alternative Formulierung „ungebunden“ statt „unabhängig“ verwendet.
Bernhard Gause, geschäftsführender Vorstand des BDVM, stellte ein vom Versicherungsrechtler Robert Koch von der Universität Hamburg verfasstes Rechtsgutachten vor, das die Position des Verbandes bestätigt. Die Unabhängigkeit des Versicherungsmaklers gehöre zur DNA der Mitglieder des BDVM, die Vergütungsfrage sei dabei unerheblich.
Das Ansinnen der Verbraucherschützer sei ein „ideologisch“ getriebener Vorsatz. Im Kern ginge es ihnen darum, eine reine Honorarberatung durchzusetzen. Gause: „Es gibt keinen konkreten Anlass oder einen Vertriebsskandal bei Versicherungsmaklern.“
Outsourcing der Abwicklung schafft Abhängigkeiten
Versicherungsmakler dürfen sich nach Meinung des BDVM auch nicht von Dienstleistern abhängig machen. Pools und Plattformanbieter würden vor allem kleinere Versicherungsmakler aus Kostengründen dazu ermuntern, die gesamte Abwicklung des Geschäftes outzusourcen.
„Wer auch das Maklerverwaltungsprogramm des Servicedienstleisters nutzt, begibt sich als Versicherungsmakler in eine immer größere Abhängigkeit“, warnte BDVM-Vorstand Hartmut Goebel in seinem Vortrag. So hätte vor kurzem ein Fullserviceanbieter versucht, die Courtagen zu kürzen. Das Vorhaben sei aber nicht von Erfolg gekrönt worden.
Für Goebel zeigt es aber, wie gefährlich es ist, sich ganz in die Hand von Dienstleistern zu begeben. „Idealerweise bleibt der Makler frei in der Wahl seines bevorzugten Maklerverwaltungsprogramms.“ So bleibe der Makler dauerhaft im Besitz aller relevanten Daten und könne auch einmal die Poolplattform wechseln.
Betriebliche Altersversorgung: Begrüßung mit Nachbesserungsbedarf
Frank Buschmann, Geschäftsführer von Ecclesia Pension & Benefits, äußerte sich zum Regierungsentwurf des Betriebsrentenstärkungsgesetz II. Der BDVM begrüße grundsätzlich die Initiative zur Stärkung der betrieblichen Altersversorgung, sehe jedoch in mehreren Punkten Nachbesserungsbedarf – etwa bei der Abfindung von Kleinstanwartschaften, bei Optionssystemen für Entgeltumwandlung ohne Tarifbindung und bei der Öffnung von Sozialpartnermodellen.


