Herr Stenger, die Bundesregierung will den Kapitalmarkt stärker in die Rentendebatte einbeziehen. Welche Chancen sehen Sie darin – und ist am Ende für jeden mehr drin?

Martin Stenger: Die entscheidende Aussage hat Bundeskanzler Merz bereits beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse gemacht und jüngst beim CDU-Parteitag bekräftigt: Ihm geht es um ein ganzheitlich betrachtetes Versorgungsniveau, bei dem die drei Säulen der Altersvorsorge neu gewichtet werden sollen – private, betriebliche und gesetzliche Vorsorge, in genau dieser Reihenfolge. Nötig sei ein Paradigmenwechsel, der kapitalgedeckte Bausteine stärkt.

Die von Merz gewählte Reihenfolge deutet darauf hin, dass der privaten Altersvorsorge zukünftig eine besondere Bedeutung zukommen soll. Der Hintergrund: Die betriebliche Altersvorsorge erreicht zwar viele Beschäftigte, aber je kleiner der Betrieb, desto geringer die Absicherung. Die Bäckereifachverkäuferin ist in den seltensten Fällen gut aufgestellt. Wenn für jeden einzelnen „mehr drin“ sein soll, müssen die ersten beiden Bausteine gezielt gestärkt werden.

Klassische Rentenversicherungen setzen stark auf Sicherheit – oft zu Lasten der Rendite. Wie muss Risikokommunikation gestaltet sein, damit breite Bevölkerungsschichten mutiger an den Kapitalmarkt herangeführt werden?

Stenger: Der Schlüssel liegt in einer beitragsproportionalen Förderung. Das bisherige Prinzip – „mach nur ein bisschen mit und du bekommst die volle Förderung“ – sollte abgelöst werden durch: „Je mehr du einbringst, desto mehr wird gefördert.“ Das schafft Anreize, wirklich Volumen aufzubauen – mehr als es frühere Modelle je ermöglicht haben.

Welche Investmentlösungen halten Sie für besonders geeignet, um mehr marktorientierte Altersvorsorge Wirklichkeit werden zu lassen?

Stenger: Unabdingbar ist ein portfoliogetriebener, breit diversifizierter Ansatz – bei gleichzeitigem Blick auf die Kosten. ETFs sind daher klar das Mittel der Wahl. Allerdings sollte man nicht in Einzellösungen wie den MSCI World denken, der einzelne Titel stark übergewichtet. Wenn im Rosengarten des Weißen Hauses übergroße Tafeln in die Kameras gehalten werden, kann ein zu eng gefasstes Portfolio schnell austrocknen. Es braucht robuste, wirklich globale Portfolios.

Aus Sicht von Franklin Templeton gehören Schwellenländer unbedingt dazu – gerade weil sie einen Wachstumspfad aufzeigen, der von der wirtschaftspolitischen Neuorientierung der USA weitgehend unabhängig ist. Dax und EuroStoxx allein reichen nicht.

Hinzu kommt der Faktor Zeit: Ein heute 40-Jähriger arbeitet bis 67, bald wohl bis 70. Das ergibt schon heute eine Ansparphase von 27 Jahren – eine Laufzeit, in der mehrere vollständige Konjunkturzyklen durchlaufen werden. Langfristigkeit ist einer der stärksten Renditehebel überhaupt.

Was ließe sich regulatorisch oder steuerlich verbessern? Und was können wir von anderen Ländern lernen?

Stenger: Bei der privaten Altersvorsorge steht Deutschland vor einem enormen Schritt nach vorn – warum nicht auch in der betrieblichen? Beide teilen dieselben langen Laufzeiten, und das Prinzip sollte gelten: Je länger durchgehalten wird, desto höher die Förderung. Und je globaler investiert wird, desto risikooptimierter und renditeträchtiger die Ergebnisse.

Darüber hinaus sollten Alternative Investments wie Infrastruktur stärker beigemischt werden – die Eltif-Regelungen bieten dafür bereits einen Rahmen, auch wenn andere Kostenstrukturen mitgedacht werden müssen. Australien macht vor, wie es geht: 20 Prozent Alternatives im Altersvorsorge-Portfolio sind dort Standard. Großbritannien und die USA liegen bei 15 bis 20 Prozent – mit dem Ergebnis tendenziell höherer Renditen bei gleichzeitig geglätteter Volatilität.

Sie vermissen diesen Aspekt in der deutschen Debatte?

Stenger: Absolut. Warum nutzen wir diesen Weg nicht auch, um dringend benötigte Infrastrukturprojekte im Inland zu finanzieren? International werden damit seit Jahren gute Erfahrungen gemacht.

Ein weiterer Effekt, der oft übersehen wird: Je mehr Kapital über Sparvorgänge kontinuierlich in den Markt fließt, desto stabiler wird er. Keine hektischen Gelder, keine zittrigen Hände – sondern ein stetiger, bedeutender Mittelzufluss. Der US-Kapitalmarkt hat genau durch diesen Mechanismus über Jahrzehnte eine beeindruckende Robustheit entwickelt.

Grafik: Über lange Zeiträume gleicht sich das Risiko an: 10, 20, 30 und 40 Jahre Laufzeit, preisbereinigte jährliche Rendite in Prozent

Quelle: Neue Riester-Rente: Wie aus der Altersvorsorge mehr Geld zu holen ist | FAZ

Welche Handreichung bietet Franklin Templeton für Sparer und Anleger konkret an?

Stenger: Der Markt wird sich verändern: Neue Anbieter, die bisher nicht auf kapitalmarktbasierte Vorsorge gesetzt haben, drängen hinein – das erhöht den Preisdruck. Wir stellen dem Markt deshalb ETF-basierte Retirement-Lösungen zur Verfügung, die die nötige Diversifizierung bieten und gleichzeitig kostenseitig attraktiv sind. Franklin Templeton ist seit Jahrzehnten im Vorsorgebereich aktiv – global sind wir eine bekannte Größe, und das ist in diesem Segment kein unwichtiger Faktor.

Den politischen Rahmen für die Vorsorge wird die Rentenkommission der Bundesregierung setzen – ihre Vorschläge werden bis Mitte des Jahres erwartet. Wir sind gespannt.