Sabine Groth (Freie Autorin)Lesedauer: 5 Minuten

ESG bei Dividendenstrategien „Bei der Dividendenrendite müssen wir Abstriche machen“

DWS-Fondsmanager Martin Berberich
DWS-Fondsmanager Martin Berberich: Durch den ESG-Ansatz ist sein Dividendenfonds wachstumsorientierter als klassische Dividendenfonds. | Foto: DWS

DAS INVESTMENT: Verlässliche Dividendenzahler zeichnen sich nicht unbedingt durch gute ESG-Werte aus, denkt man etwa an Versorger, Öl- oder Tabakkonzerne. Wie stark schränkt die ESG-Ausrichtung des DWS Invest ESG Equity Income Ihr Anlageuniversum ein?

Martin Berberich: Bei der DWS umfasst der ESG-Ansatz vier Bereiche. Erstens schließen wir einige Sektoren aus. Dazu zählen Tabak, Rüstung, Kohle beziehungsweise Versorger mit hohem Kohle-Anteil oder mit Nuklear-Anteil. Zweitens achten wir auf die Einhaltung internationaler Normen wie Umweltvorschriften oder das Verbot von Kinder- oder Zwangsarbeit in der Zulieferkette. Drittens schauen wir, wie groß die Risiken und Chancen für die jeweiligen Unternehmen sind, die sich aus dem Klimawandel ergeben. Gerade in manchen dividendenstarken Sektoren sind es meist Risiken. Viertens vergleichen wir Unternehmen nach dem Best-in-Class-Ansatz mit anderen Unternehmen des gleichen Sektors und gleicher Region. Wir investieren nicht in Firmen, die hier im untersten Viertel liegen. Nimmt man alle vier Bereiche zusammen, entfällt für uns etwa ein Drittel des Anlageuniversums.

Bedeutet diese Einschränkung Einschnitte bei der Ausschüttung und der Gesamt-Performance?

Berberich: Auf die Fondsperformance hat es bislang keinen negativen Einfluss gehabt. Im Gegenteil, die Performance sieht im Vergleich zu anderen Dividendenfonds gut aus. Bei der Dividendenrendite müssen wir durch den ESG-Ansatz jedoch Abstriche machen. Viele Titel, die traditionell gute Dividendenzahler sind, entfallen für uns, etwa in den Bereichen Energie oder Tabak. Bei unserem Flaggschifffonds DWS Top Dividende, der keinen ESG-Einschränkungen unterliegt, beträgt die Dividendenrendite derzeit rund 3,7 Prozent, im DWS Invest ESG Equity Income sind es 2,9 Prozent. Das ist aber immer noch höher als im breiten globalen Aktienmarkt. Zudem ist beim ESG-Fonds das Dividendenwachstum insgesamt höher, denn ich gehe das Thema Nachhaltigkeit positiv an. Das sind oft Bereiche mit hohem Wachstum und steigender Dividende.

Zum Beispiel?

Berberich: Ein wichtiges Thema sind erneuerbare Energien. Wir haben zum Beispiel Versorger mit Investitionsschwerpunkt bei Offshore-Windanlagen oder Solarparks im Portfolio. Ein anderer Bereich sind nachhaltige Verpackungen, weg von Plastik hin zu Papier und Kartonage. Oder Zulieferer von Körperpflegeherstellern, die nicht auf Rohölbasis, sondern mit natürlichen Inhaltsstoffen arbeiten. Auch im Lebensmittelbereich gibt es einen Trend zu natürlichen Geschmackstoffen. Ebenfalls interessant ist der Bereich Energieeffizienz, beispielsweise Gebäudetechnik-Unternehmen, die es ermöglichen, beim Kühlen und Erwärmen von Immobilien, Energie zu sparen.

>>Zur Vergleichsgruppe des DWS Invest ESG Equity Income (Kategorie: Aktienfonds All Cap Welt)

Zahlen diese Unternehmen denn schon jetzt eine gute Dividende, oder setzen Sie hier voll auf Dividendenwachstum?

Berberich: Jedes Unternehmen im Portfolio hat mindestens eine Dividendenrendite von 1 Prozent. Einige haben 5 oder 6 Prozent, andere nur 2 Prozent. Bei 7 Prozent Dividendenrendite und mehr sind wir vorsichtig. Das signalisiert hohe Risiken beim Unternehmen, und wir fahren wie der Top Dividende eine defensive Strategie. In starken Aufwärtsphasen läuft der Fonds meist nicht voll mit, dafür verlieren wir bei Kurseinbrüchen deutlich weniger. Das konnten wir bereits im vierten Quartal 2018 und während des coronabedingten Markteinbruchs im Februar und März vergangenen Jahres beweisen.

Was sind die Hauptunterschiede zum DWS Top Dividende, abgesehen von der Dividendenrendite?

Berberich: Es gibt sowohl Unterschiede auf Sektorebene als auch innerhalb der Sektoren. So sind beispielsweise beide Fonds etwa zu 9 bis 10 Prozent in Versorger investiert, die Überlappung bei den einzelnen Werten ist aber gering, da der ESG Equity Income stärker im Bereich der erneuerbaren Energien unterwegs ist. Der Top Dividende ist etwas value-lastiger, weil er auch in eher wachstumsschwache Unternehmen wie Tabakfirmen, klassische Versorger und Ölkonzerne investiert ist. Stattdessen ist der ESG Equity Income etwas wachstumsorientierter aufgestellt, aber er ist immer noch weniger wachstumsorientiert als der breite Aktienmarkt. Die bekannten großen US-Internet-Unternehmen stehen nicht auf unserer Einkaufsliste, da sie keine Dividende zahlen.

>>Fondsvergleich von DWS Invest ESG Equity und DWS Top Dividende

Der Fonds ist als Artikel-8-Fonds eingestuft. Waren damit Änderungen verbunden?

Berberich: Der Fonds wurde als nachhaltiger Fonds aufgelegt, und unsere Kriterien sind bereits deutlich restriktiver, als es der Regulator mit Artikel 8 vorschreibt. Die Regulatorik ist immer noch sehr schwammig. Artikel 8 sagt, dass allgemeine ESG-Aspekte zu berücksichtigen sind, in Wertpapiere mit Nachhaltigkeitsmerkmalen investiert werden muss. Es wird aber nicht konkretisiert, was das genau bedeutet.

Für einen Artikel 9 Fonds reicht Ihr Ansatz nicht?

Berberich: Nein, bei Artikel 9 kommt es auf die Nachhaltigkeitswirkung an. Es wird vom Fonds gefordert, dass er einen klaren Impact erzeugt, ein klares Nachhaltigkeitsziel hat. Ein Beispiel wäre, dass alle Unternehmen im Portfolio einen Beitrag zu den UN-Zielen zur nachhaltigen Entwicklung liefern.

Wäre ein globaler Dividendenfonds als Artikel-9-Fonds denkbar?

Berberich: Ich würde es nicht ausschließen, es würde aber mit Sicherheit eine weitere Einschränkung im Universum bedeuten. Wir haben uns derzeit noch keine Gedanken darüber gemacht, den Fonds umzustellen und die Auswirkungen bislang nicht genau geprüft. 

Der Fonds ist 2017 gestartet. Hat sich seitdem in der Unternehmenslandschaft hinsichtlich ESG etwas getan, das sich auch auf Ihr Anlageuniversum auswirkt?

Berberich: Die Bereitschaft der Unternehmen, auf ihre ESG-Qualität zu achten, ist wesentlich größer geworden. Das hat auch damit tun, dass immer mehr Asset Manager und Investoren Unternehmen auf Nachhaltigkeit ansprechen und drängen, sich hier zu verbessern und gegebenenfalls das Geschäftsmodell anzupassen. Zudem findet ein allgemeiner gesellschaftlicher Bewusstseinswandel statt. Nachhaltigkeit rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Auch wenn sich in den vergangenen drei Jahren hier sehr viel getan hat, ist unser Investmentuniversum nicht unbedingt größer geworden. Über unseren Best-in-class-Ansatz haben wir einen relativen Blick. Wenn sich die Unternehmen allgemein verbessern, steigen auch die Ansprüche.


Über den Interviewten:
Martin Berberich ist Fondsmanager bei der DWS und verantwortlich für den DWS Invest ESG Equity Income (ISIN: LU1616932940).

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