„Beim Ölpreis sind bis zu 120 US-Dollar möglich“

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Die trüben Aussichten für Amerikas Konjunktur hinterlassen nicht nur an den Aktienmärkten ihre Spuren. Der US-Dollar erreicht heute ein neues Rekordtief: Ein Euro kostet erstmals mehr als 1,50 Dollar. Ein Rekordhoch verzeichnet dagegen der Preis pro Barrel der Rohölsorte WTI (etwa 101 US-Dollar). Und der Goldpreis ist nur noch 4 Prozent von der 1.000-Dollar-Marke entfernt. Wie es an den Rohstoffmärkten weiter geht, fragte DAS INVESTMENT.com Nik Bienkowski, Chefanalyst der ETF Securities. Das Londoner Unternehmen hat sich auf börsengehandelte Wertpapiere spezialisiert, die Rohstoffindizes abbilden.

DAS INVESTMENT: Welche Entwicklung erwarten Sie beim Ölpreis in diesem Jahr?

Bienkowski: Der Preis pro Barrel WTI dürfte sich zwischen 80 und 120 US-Dollar bewegen. Denn die Länder des Anbieterkartells Opec werden in diesem Jahr wohl versuchen, die Menge des gehandelten Rohöls knapp zu halten. So will die Opec ein hohes Preisniveau beibehalten. Die genaue Preisentwicklung ist aber von einzelnen Ereignissen abhängig. Dazu zählen Hurricanes in der Karibik, aber auch die politischen Spannungen in Förderländern wie Venezuela oder den Nahost-Staaten.

DAS INVESTMENT: Wie würde eine US-Rezession den Ölpreis beeinflussen?

Bienkowski: Die USA machen ein Viertel der globalen Nachfrage nach Öl aus. Damit spielen die Amerikaner eine wichtige Rolle für den Preis. Doch trotz schwachem Wirtschaftswachstum dürfte sich an ihrem Energieverbrauch für den Verkehr oder in der Industrie kaum etwas ändern.

DAS INVESTMENT: Welche weiteren Faktoren sind einzubeziehen?

Bienkowski: Bestimmend für den hohen Ölpreis ist die weltweit robuste Nachfrage. Nicht nur die USA kommen nicht ohne Öl aus, auch Schwellenländer wie zum Beispiel China brauchen immer mehr Kraftstoffe. Sie können einen Nachfragerückgang in Amerika daher auffangen. Anders als in den USA wächst dort die Volkswirtschaft in diesem Jahr mit rund acht Prozent. Das ist viermal so schnell wie in den entwickelten Ländern.

DAS INVESTMENT: Gilt diese Erklärung auch für den hohen Goldpreis?

Bienkowski: Ja, zum Teil. Die steigende Nachfrage kommt einerseits aus Asien und den Nahost-Staaten. Gold wird aber andererseits auch immer noch von vielen Anlegern als sicherer Hafen angesehen. Daher steigt die Nachfrage in Zeiten nervöser Aktienmärkte und steigender Inflation. Außerdem profitiert Gold von einem niedrigen Außenwert des US-Dollars.

DAS INVESTMENT: Von der aktuellen Dollarschwäche profitieren aber auch die amerikanischen Exporte. Das stützt den Dollar. Welche Effekte sind für den Goldpreis zu erwarten?

Bienkowski: Nicht nur die Handelsbilanz sondern auch die Zinsunterschiede beeinflussen den Wechselkurs. Da die amerikanischen Zinsen langfristig niedrig bleiben und sich das Wirtschaftswachstum verlangsamen dürfte, erwarte ich keine hohen Kapitalflüsse in Richtung USA. Daher rechne ich mit einem weiterhin schwachen Dollar in diesem Jahr. Das stützt den Goldpreis. Am Jahresende sind bis zu 1.000 US-Dollar pro Feinunze möglich.

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