Bellevue Marktkommentar Angst vor Veränderung schafft Anlagechancen

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Das eigentliche Problem

Natürlich sollte „Obamacare“ nicht grundsätzlich verdammt werden. Dank dieses Gesetzes sind heute deutlich mehr US-Amerikaner krankenversichert und einige Ungerechtigkeiten des früheren Systems wie beispielsweise die Verweigerung des Versicherungsschutzes bei Vorerkrankungen wurden abgeschafft.

Damit ist die Reform aber noch nicht am Ziel. In der Bevölkerung ist sie nach wie vor äußerst unbeliebt, und es besteht immer noch die Möglichkeit, dass der Kongress durch die Streichung von Bundesmitteln den Geldhahn zudreht. Auch dies wäre selbstverständlich keine Lösung. Die Analyse der von Clinton und Trump vertretenen Positionen zur Gesundheitsreform offenbart allerdings wenig substanzielle Lösungsansätze für das eigentliche Problem: Die immer weiter in die Höhe schießenden Gesundheitskosten.

Bei der Eindämmung der Kosten für die staatliche Gesundheitsversorgung (Medicaid) machen drei Bundesstaaten von sich reden: Kalifornien, New York und Massachusetts. Ihre Maßnahmen könnten einen gangbaren Weg für eine landesweite Reform in den kommenden Jahren aufzeigen.

Vorreiter Massachusetts

Über Kontakte zu Krankenhäusern erhält das Healthcare-Team von Massachusetts intensive Einblicke in die praktische Umsetzung gesundheitspolitischer Maßnahmen. Massachusetts hatte als erster Bundesstaat überhaupt eine Versicherungspflicht für seine Bürger eingeführt. Mittlerweile sind 96 Prozent der Bevölkerung krankenversichert. Unglücklicherweise kam damit eine gigantische Kostenlawine ins Rollen: Mittlerweile müssen 40 Prozent des Haushaltsbudgets für die Gesundheitsversorgung und zugehörige Dienstleistungen aufgewendet werden.

Um sich hier wieder Luft zu verschaffen, startete Massachusetts vor drei Jahren ein fünfjähriges Pilotprogramm, das die Ausgaben eindämmen und die Versorgungsqualität erhöhen soll. Das Programm war so erfolgreich, dass es nach nur drei Jahren abgeschlossen werden konnte. Im vergangenen Januar wurden schließlich Gesetze verabschiedet, mit denen das neue System im Haushaltsjahr 2017 flächendeckend eingeführt wird. Das konkrete Ziel lautet, „die inflationäre Entwicklung der Gesundheitskosten in den kommenden drei Jahren um jährlich 200 Basispunkte zu verringern“.

Da der Healthcare-Markt in Massachusetts im vergangenen Jahrzehnt eine Phase der Konsolidierung durchlaufen hat, sind die dortigen Anbieter bestens positioniert, um diese Ziele konstruktiv zu unterstützen. So umfasst eine typische Klinikgruppe in dem Bundesstaat ein oder mehrere Kliniken, Post-Akut-Kliniken sowie Notfall- und Spezialkliniken mit den jeweils dort Beschäftigten – den Ärzten und dem Pflegepersonal. Kliniken, die nicht in der Lage sind, den gesetzlichen Anforderungen zu genügen und ihre Funktionsweise anzupassen, werden mit Geldbußen belegt und letztlich gezwungen, mit Gruppen zu fusionieren, die den Wandel erfolgreich vollzogen haben.

Eine neue Kultur

Diese neue Kultur des Healthcare-Managements ist der Schlüssel für die Bekämpfung der Kosten und Ineffizienzen, unter denen das Gesundheitswesen leidet. Ein Arzt, der die Anpassung seiner Klinikgruppe an die neuen Gegebenheiten leitet, formuliert es folgendermaßen: „An unseren Hochschulen werden Ärzte dafür ausgebildet, Erkrankungen zu diagnostizieren und zu behandeln. Nur sehr wenige werden darin geschult, wie sich Erkrankungen vermeiden lassen. Wenn wir unsere Unabhängigkeit bewahren wollen, müssen wir dies ändern.“

Anstelle einer rein kurativen Medizin muss viel mehr Wert auf Prävention gelegt werden. In enger Zusammenarbeit mit Versicherungsunternehmen schaffen die Kliniken finanzielle Anreize, um die Versicherten zu einem konstruktiven Verhalten anzuregen. Dass das Rauchen in den USA quasi zum Tabu wurde, dürfte auch daran liegen, dass Raucher mit höheren Versicherungsbeiträgen belegt werden als Nichtraucher. Ein anderes Beispiel sind extremes Übergewicht und Typ-2-Diabetes, zwei Krankheitsbilder, die bekanntermaßen direkt miteinander verknüpft sind. Eine geringere Häufigkeit dieser Erkrankungen könnte zu weniger Herzinfarkten und zu niedrigeren Kosten führen, sofern das System die richtigen Anreize setzt und die Betroffenen über gesundheitliche Risiken aufklärt. Genau dieser Ansatz wird in einigen Bundesstaaten verfolgt. Er wird das Problem nicht von heute auf morgen lösen, aber er ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.