Passive Fonds sorgen laut einer aktuellen Berenberg-Studie für abgefederte Kurseinbrüche, können künftig aber auch Kursstürze begünstigen. Seit 2024 übersteigt der Anteil passiver Fonds den Anteil aktiver Fonds im weltweit größten Kapitalmarkt knapp. Im März 2026 halten ETFs einen Anteil von 37 Prozent am gesamten US-amerikanischen Kapitalmarkt – ein Rekordhoch, wie das Nachrichtenportal The Kobeissi Letter mitgeteilt hat.
Besonders bei privaten Anlegern gewinnen ETFs an Beliebtheit. Im zweiten Quartal 2025 machen sie im Vergleich zu offenen Publikumsfonds einen Anteil von 88 Prozent aus, wie aus Zahlen des Fondsverbands BVI und des Verwahrers Clearstream hervorgeht.
V-förmige Erholungen nach starken Rücksetzern
Ulrich Urbahn, Leiter Portfoliomanagement Multi Assets bei Berenberg, hat die Effekte passiver Anlagestrategien auf den Kapitalmarkt untersucht. Dabei verhalten sich die Kurse ihm zufolge seit 2020 anders. „Ein auffälliges Phänomen der letzten Jahre sind schnelle V-förmige Erholungen nach starken Rücksetzern“, sagt Urbahn.
Nach externen Schocks wie dem Liberation Day verkaufen aktive Anleger Titel auf Basis der Fundamentalwerte. Doch große Sparpläne in ETFs laufen weiter, wodurch die Kurse „nach oben schnappen“. Bei steigenden Kursen steigen auch systematische Käufer wieder ein.
ETFs bei jungen Anlegern verbreitet
„Besonders Millennials und Gen-Z-Anleger nutzen ETFs in ihren Depots und Altersvorsorgekonten überdurchschnittlich häufig“, sagt Urbahn. Laut dem deutschen Aktieninstitut sparen über die Hälfte (54 Prozent) aller Menschen bis 35 für ihre Altersvorsorge. 55 Prozent der Generation Z investieren in ETFs, wie aus einer Commerzbank-Studie hervorgeht.
Die BNP Paribas kommt zu dem Schluss, dass die Generationen vor den Millennials weniger häufig in ETFs investieren. Der Unterschied liegt bei 10 Prozentpunkten bei der Generation X und bei 20 Prozentpunkten bei den Boomern. Die älteren Generationen legen dafür jedoch monatlich einen höheren Geldbetrag an.
Asset-Meltdown-Hypothese
Durch den Renteneintritt beginnt der Abverkauf der ETF-Positionen. Dadurch könnten die Kurse von Aktien fallen, die in US-Indizes am stärksten gewichtet sind. „Schließlich sind die älteren Generationen tendenziell deutlich vermögender als die jüngeren, sodass im Aggregat ETFs verkauft werden dürften“, sagt Urbahn.
Zudem werden die jungen Generationen aufgrund der Inflation und der wirtschaftlichen Lage nicht an das Vermögen der Eltern heranreichen. Das Erbe der Babyboomer wird nicht am Kapitalmarkt angelegt, sondern in Immobilien und Konsumgüter investiert. Der Great Wealth Transfer hält diese Entwicklung aus seiner Sicht nicht auf.
„Die seit den 2000ern bekannte Asset-Meltdown-Hypothese (AMH) hat sich bislang – auch in den USA – noch nicht bestätigt“, sagt Olaf Stotz gegenüber dem private banking magazin. Er ist Professor für Asset Management an der Frankfurt School of Finance & Management. „Ich bin skeptisch, ob die AMH die zukünftigen Aktienmärkte erklären kann“, so Stotz. Die These gehe zu wenig auf potenzielle Käufer ein. So würden global agierende institutionelle Käufer nicht ausreichend berücksichtigt.
Passive Anlage verzögert Kurskorrekturen
Michael Green, Hari Krishnan und Stephan Sturm fanden in ihrer Studie vom März ein weiteres Argument für einen möglichen Kursrutsch auf Basis passiver Anlagestrategien. Passive Anleger investieren unabhängig von Krisen und Unternehmensbewertungen. Dadurch fehlt der Korrekturmechanismus im Markt. Kursstürze werden stärker, da die regelmäßige Rückkehr zum Mittelwert (Mean Reversion) ausbleibt.
Laut Sturm steigt die Volatilität innerhalb eines Jahrzehnts bei einem Anteil passiver Anlagestrategien von 65 Prozent stark an. „Bei einem passiven Anteil von 77 Prozent hätte der Markt eine positive theoretische Wahrscheinlichkeit, auf 0 zu fallen, bevor er sich wieder erholt“, so Sturm.
Aktuell beträgt der Anteil passiver Fonds am Beispielmarkt USA rund 55 Prozent. Sollte sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzen, könnten Sturms Warnschwellen innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte erreicht werden.
Da ETFs überproportional in die größten Indexmitglieder investieren, sind Nebenwerte unterbewertet. Schnellere Kurserholungen erfordern ein zeitigeres Nachhandeln bei Kursrücksetzern. Langfristig spielt eine schrittweise Umschichtung aus Indexschwergewichten eine Rolle – wenn vermögende Generationen entsparen, geraten diese überproportional unter Druck.
