Es war einmal ein Fonds, der über 1,7 Milliarden Euro verwaltete. Matthias Born, damals gefeierter Investmentchef der Hamburger Privatbank Berenberg, hatte ihn zur Speerspitze einer ambitionierten Wachstumsoffensive gemacht. Der Berenberg European Focus Fund (ISIN: LU1637618155) galt als Beweis, dass aktives Stockpicking an der Elbe funktionieren kann. Heute, im April 2026, verwaltet er noch rund 155 Millionen Euro. Am 27. Mai soll er aufhören zu existieren.
Rund 90 Prozent des Vermögens verschwunden, der Manager weg, der Fonds abgewickelt: Was klingt wie eine Katastrophe, nennt Berenberg „strategische Neuausrichtung“. Doch hinter der hanseatisch unterkühlten Formulierung steckt eine der tiefgreifendsten Konsolidierungen der jüngeren Berenberg-Geschichte.
Aufräumen nach dem Sturm
Die Mitteilung an die Anteilseigner klingt nüchtern: Der European Focus Fund wird auf den European Small Cap (ISIN: LU1637619120) übertragen, der International Micro Cap (ISIN: LU2347482627) geht im European Micro Cap (ISIN: LU1637618742) auf. Zwei Vehikel, zwei Fusionen, ein Datum.
Dahinter steckt indes eine nachvollziehbare Kalkulation. Der European Focus Fund lieferte über drei Jahre -1,1 Prozent pro Jahr; der aufnehmende Small-Cap-Fonds schaffte im gleichen Zeitraum knapp 3 Prozent jahresdurchschnittlich. Der International Micro Cap, 2021 aufgelegt und nie wirklich skalierbar, schrumpfte auf 36,6 Millionen Euro – ein klassischer Orphan Fund, bei dem die laufenden Kosten in keinem vernünftigen Verhältnis zum verwalteten Vermögen stehen.
Berenberg begründet die Schritte Medienberichten zufolge mit dem Fokus auf „die Segmente mit dem größten Potenzial für unsere Anleger“. Und weiter: „Dies sind insbesondere europäische Nebenwerte.“ Die aufnehmenden Fonds – European Small Cap mit rund 523 Millionen Euro und European Micro Cap mit rund 246 Millionen Euro – sind tatsächlich die robusten Geschwister: besser kapitalisiert, stärker in der mittelfristigen Performance, und nun durch das zugeführte Kapital noch konkurrenzfähiger. Die Logik ist klar. Das Ergebnis für die betroffenen Anleger übrigens auch: Die Fusion läuft steuerneutral ab, die Anleger wechseln in verwandte, aber nicht identische Strategien. Besonders beim International Micro Cap ändert sich der regionale Zuschnitt deutlich.
Was weniger klar klingt, ist der Zeitpunkt. Berenberg stellt die Maßnahmen als Ergebnis einer „strategischen Analyse“ und routinemäßige Überprüfung des Sortiments dar. Doch wer die jüngste Geschichte des Hauses kennt, weiß: Hinter dem aufgeräumten Kommuniqué liegen turbulente achtzehn Monate.
Der Abgang der Stars
Es begann im September 2025 mit dem Weggang von Matthias Born. Der Investmentchef hatte das Wealth und Asset Management über acht Jahre mitgeprägt und war zum Gesicht einer Wachstumsoffensive geworden, die Berenberg zwischen 2017 und 2021 zu einem der sichtbarsten aktiven Asset Manager im deutschsprachigen Raum machte. Born ging nach eigenen Angaben „auf eigenen Wunsch“.
Ein paar Wochen später folgte Bernd Meyer, langjähriger Chefstratege und Leiter Multi Asset, dessen Abgang nach nur wenigen Wochen in einer neu geschaffenen Rolle besonders beredt war. Im selben Herbst verließ Rupini Deepa Sobottka, Leiterin des ESG-Office, das Haus.
Dann, im Dezember 2025, der große organisatorische Schnitt: Berenberg reduzierte seine Zentralbereiche von drei auf zwei. Das Wealth und Asset Management wurde mit der Unternehmensbank zusammengefasst; Klaus Naeve, der langjährige Leiter des Bereichs, nahm ebenfalls seinen Hut. Er wechselt zum 1. September als Deutschland-Chef zu Julius Bär. Die Investmentbank bleibt als eigenständiger Bereich unter Laura Janssens.
Wer glaubte, damit sei der Umbau abgeschlossen, irrte. Im Januar 2026 folgte eine zweite Kündigungswelle: weitere 29 Stellen im Asset Management, nach 21 bereits im Dezember. Etwa die Hälfte davon entfiel auf das Portfoliomanagement. Für ein Haus, das sich „als aktiver Asset Manager mit hanseatischer Qualität“ positioniert, sind das keine marginalen Korrekturen, sondern ein struktureller Einschnitt.
Milliardenabflüsse setzen Berenberg unter Druck
Die eigentliche Ursache der Turbulenzen ist in den Zahlen der vergangenen drei Jahre ablesbar. Zwischen 2022 und April 2025 zogen Anleger rund 2,5 Milliarden Euro aus Berenberg-Publikumsfonds ab. Das bei Morningstar erfasste Gesamtvermögen des Hauses schrumpfte von gut 7,2 Milliarden Euro Ende 2021 auf heute rund 3 Milliarden Euro – ein Rückgang von mehr als 55 Prozent in weniger als vier Jahren. Allein der European Focus Fund verlor dabei über eine Milliarde Euro an verwaltetem Vermögen.
Die Gründe sind struktureller Natur und keineswegs auf Berenberg beschränkt. Das Jahr 2022 traf aktive Manager mit Wachstums- und Qualitätsausrichtung besonders hart; die gleichzeitige Zinskorrektur und Sektorrotation richteten in vielen Bottom-up-orientierten Nebenwerte-Portfolios erheblichen Schaden an.
Hinzu kam der säkulare Wettbewerb durch passive Vehikel: ETFs wachsen, die Geduld der Anleger mit aktiven Fonds wird kürzer. Der International Micro Cap etwa lieferte seit seiner Auflegung im November 2021 ein jahresdurchschnittliches Minus von 3,16 Prozent – ein Ergebnis, das kaum Argumente für den aktiven Aufpreis liefert.
Kleine Fonds werden unter diesen Bedingungen zur Kostenfalle. Die Total Expense Ratio belastet die Performance relativ stärker, während Portfoliomanager und Compliance-Infrastruktur Fixkosten erzeugen. Berenberg hatte das Problem erkannt: Bereits im November 2025 war ein Schwellenländeranleihen-Fonds auf eine Hochzinsanleihen-Strategie übertragen worden. Die aktuelle Maßnahme im Aktienbereich ist kein Sonderfall, sondern Fortsetzung einer bewussten Konsolidierungsstrategie.
Das neue Berenberg
Was bleibt, ist ein schlankeres, schärfer fokussiertes Asset Management. Berenberg setzt auf europäische Nebenwerte als Kernkompetenz – und das ist keine schlechte Wahl. Im Small- und Micro-Cap-Segment, wo Informationsineffizienzen größer sind und Indexfonds aus strukturellen Gründen benachteiligt sind, hat aktives Stockpicking nach wie vor eine Daseinsberechtigung. Der European Micro Cap lieferte seit Auflage 2017 ein jahresdurchschnittliches Plus von 5,11 Prozent – die beste Kennzahl der vier beteiligten Fonds. Das ist die Basis, auf der Berenberg aufbauen will.
Die Frage ist, ob die Konsolidierung allein reicht. „Die aktuellen Maßnahmen unterstreichen unseren Fokus auf Kernkompetenzen und die vielversprechendsten Anlagesegmente“, so die Bank. Das klingt richtig. Doch Vertrauen, einmal verlorengegangen, kehrt langsamer zurück als Vermögen. Der Weggang zentraler Persönlichkeiten – Born, Meyer, Naeve, Sobottka – hat Narben hinterlassen, und die Frage nach Kontinuität im Portfoliomanagement stellen sich Berater und institutionelle Investoren zu Recht.
Für Anleger, die in den betroffenen Fonds investiert sind, ist der Schritt per 27. Mai 2026 in der Summe akzeptabel: steuerneutral, strategisch sinnvoll, und die aufnehmenden Vehikel sind die stärkeren. Wer in europäische Nebenwerte investieren will und aktives Management für das Segment überzeugend findet, bekommt durch die Fusion sogar ein potenziell effizienteres Produkt.
Was Berenberg noch braucht, ist das, was sich nicht per Mitteilung an Anteilseigner kommunizieren lässt: Zeit, Stabilität und ein Track Record, der die neue Fokusgeschichte mit Zahlen erlöst.


