Ende vergangener Woche ist mit dem Tod von Ruth Bader Ginsburg ein großes neues Thema in den Fokus des US-Wahlkampfs gerückt Foto: imago images / UPI Photo

Bergos-Berenberg-Experte

„US-Wahlen und Covid-19 bewirken volatile Seitwärtsmärkte"

Der US-Aktienmarkt signalisiert mit seinem V-förmigen Verlauf in den vergangenen Monaten die Erwartung einer raschen wirtschaftlichen Erholung. Tatsächlich bessern sich die Makrodaten bereits wieder. Die US-Wirtschaftsleistung wird 2020 voraussichtlich nur noch um knapp vier Prozent schrumpfen, damit sind die Experten weniger skeptisch als noch im Frühjahr. In den USA könnte in ein bis anderthalb Jahren der Einbruch schon wieder aufgeholt sein, in Europa sehen wir dies zurzeit nicht. Hier erfolgt die Erholung langsamer. Das spiegelt auch der Aktienmarkt wider: Die europäischen Aktienindizes sind noch weit vom Vorkrisenstand entfernt.

US-Einzelhandel bereits wieder auf Vorkrisenniveau

Ein wichtiger Indikator, nicht nur für die amerikanische, sondern auch für die globale Wirtschaft, bleibt der US-Konsument. Die monatlichen Einzelhandelsumsätze sind zwar zu Beginn der ‚Great Covid Recession‘ kurzfristig stark eingebrochen, lagen im August aber schon wieder leicht über den Februar-Werten, was auch den schnellen staatlichen Corona-Hilfen für private Haushalte zu verdanken ist. Die V-förmige Erholung dauerte nur fünf Monate. In der globalen Finanzkrise 2008/09 war das Vorkrisenniveau erst nach 40 Monaten wieder erreicht. Die aktuelle Erholung erfolgt nicht in allen Handelsbereichen gleichmäßig. Profitiert haben der Online-Handel, Nahrungsmittel & Getränke und Baustoffe. Bars & Restaurants, Tankstellen und der Textilbereich zählen zu den Verlierern.

Covid-19 und vor allem mögliche weitere politische Maßnahmen zur Eindämmung bleiben das Hauptrisiko für Aktien. Erneute harte Eingriffe deuten sich besonders in Europa an und lösen bereits jetzt Sorgen an den Aktienmärkten aus. Für die nächsten Wochen, bis mindestens in den November hinein, ist daher mit einer volatilen Seitwärtsbewegung am globalen Aktienmarkt zu rechnen. Die Aussicht auf unruhige Märkte ist ebenfalls dem derzeit wichtigsten Event geschuldet: den anstehenden US-Präsidentschaftswahlen am 3. November.

US-Wahlen: Enges Präsidentschaftsrennen, Repräsentantenhaus geht an Demokraten

In landesweiten Umfragen liegt der demokratische Kandidat Joe Biden derzeit mit 49 Prozent vor dem republikanischen Amtsinhaber Donald Trump mit 43 Prozent. „Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Für die Wahl sind nicht die meisten Wählerstimmen ausschlaggebend, sondern die Stimmen der Wahlmänner aus den einzelnen Bundesstaaten. Für die ‚Umrechnung‘ nennt Budelmann eine Daumenregel: Biden braucht etwa einen Vorsprung von drei Prozentpunkten bei den Wählerstimmen, um letztlich einen Gleichstand zu erzielen. Hinzu kommt die übliche Fehlerspanne bei Umfragen. Wir haben für Präsidentschaftswahlen seit 1980 den Schnitt der Umfragen am Vorabend der Wahl und die tatsächlichen Ergebnisse verglichen. Die Fehlerquote lag im Mittel bei zwei bis drei Prozentpunkten. Insgesamt liegen die Aussichten für beide Kandidaten zurzeit sehr eng beieinander. Sicher hingegen ist seiner Ansicht nach jetzt schon, dass das Repräsentantenhaus in demokratischer Hand bleibt.

Handelsstreit mit China wird nicht beigelegt

Dies bedeutet, dass ein wiedergewählter Trump zunächst keine weiteren Steuersenkungen veranlassen könnte. Den Handelsstreit mit China dürfte er in bekannter Manier fortsetzen und eventuell sogar auf Europa ausweiten. Das wäre für die internationalen Aktienmärkte eine Belastung. Ein Präsident Joe Biden hingegen würde den Handelsstreit mit China wohl nicht beilegen, aber sachlicher und in einem gemäßigteren Ton führen, was eine geringere Belastung für die Aktienmärkte wäre – im Gegensatz zu seinen Steuerplänen. Sollten die Demokraten das Repräsentantenhaus und den Senat gewinnen, könnte Biden Trumps Steuerreform zum Teil rückgängig machen. Der Unternehmenssteuersatz, der im Schnitt von 39 Prozent unter Trump auf 26 Prozent gefallen ist, könnte dann wieder auf etwa 33 Prozent steigen. Dies würde die Nachsteuergewinne der Unternehmen belasten und sich damit auch auf die Börsenkurse auswirken.

Tod von Ruth Bader Ginsburg

Ende vergangener Woche ist mit dem Tod von Ruth Bader Ginsburg ein großes neues Thema in den Fokus des Wahlkampfs gerückt, das tendenziell eher den Republikanern in die Karten spielen dürfte. Die liberale Ikone Ginsburg war Richterin am Supreme Court, an dem jetzt noch drei liberale und fünf konservative Richter tätig sind. Trump hat bereits angekündigt, umgehend eine Nachbesetzung vorzuschlagen, die dann vom Senat bestätigt werden muss. Vor vier Jahren gab es eine ähnliche Situation. Im Februar 2016 starb der konservative Supreme-Court-Richter Antonin Scalia. Der vom damaligen demokratischen Präsidenten Barack Obama vorgeschlagene Nachfolger wurde vom republikanisch dominierten Senat vor den Wahlen nicht mehr bestätigt.

Das kam Trump zugute und dürfte ihm die entscheidenden Stimmen gebracht haben. Republikanische Wähler, die 2016 mit Trump zwar fremdelten, stimmten dennoch für ihn, da er zumindest konservative Richter nominieren würde. Auch jetzt haben die Republikaner eine knappe Mehrheit im Senat und die Chancen stehen nicht schlecht, dass Trumps Vorschlag noch vor den Wahlen abgesegnet wird.

Besetzung des Supreme Courts wird Mega-Thema

Der Supreme Court hat eine große Bedeutung in den USA, die sich selbst im Zusammenhang mit Präsidentschaftswahlen manifestieren kann. So landete der umstrittene Wahlausgang 2000 letztlich vor dem Obersten Gerichtshof, in dem die konservativen Richter eine Mehrheit von fünf zu vier hatten. Eine der wichtigen Entscheidungen in dem Prozess wurde entsprechend dieser Verteilung getroffen und der Republikaner George W. Bush wurde schließlich als Präsident bestätigt. Der Supreme Court tritt nun als Megathema neben die Coronakrise, die damit stark verbundene wirtschaftliche Entwicklung und die innere Sicherheit.

Mehr zum Thema
Wachstums- versus Value-AktienUS-Wahl verunsichert – und bietet Chancen Bild des TagesUSA haben fast 200.000 Covid-Tote US-VerbraucherumfrageNur einer von zehn US-Amerikanern plant einen Urlaub