Langsam, auf beiden Seiten gestützt, betritt Warren Buffett das CHI Health Center in Omaha. Der 95-Jährige nimmt nicht auf der Bühne Platz, sondern in der ersten Reihe des Publikums, dort, wo die übrigen Mitglieder des Verwaltungsrates sitzen. Es ist der 2. Mai 2026, und zum ersten Mal seit sechs Jahrzehnten gehört die Bühne nicht ihm. Vorne, am Podium, steht Greg Abel.
397 Milliarden US-Dollar. So viel Bargeld und kurzfristige US-Staatsanleihen hat Berkshire Hathaway zum 31. März 2026 angehäuft – mehr als je zuvor in der Geschichte des Konzerns, mehr als die gesamte Marktkapitalisierung von SAP, Siemens und Allianz zusammen. Diese Zahl ist einerseits ein Rekord. Sie ist aber auch eine offene Frage.
Berkshire Hathaway ist im Frühjahr 2026 so liquide wie nie. Das Konglomerat aus Nebraska – Eisenbahnen, Versicherungen, Chemiewerke, Süßigkeitenfabriken, ein Aktienportfolio von rund 274 Milliarden Dollar – erzielte im ersten Quartal 2026 einen operativen Gewinn von 11,35 Milliarden Dollar, 18 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig stand die Aktie der Klasse B zuletzt knapp 40 Prozentpunkte hinter dem S&P 500 – die schlechteste Einjahresbilanz seit dem Jahr 2000. Der Marktwert des Konzerns ist in zwölf Monaten um rund 140 Milliarden Dollar gesunken.
Warren Buffett hat Greg Abel kein fertiges Imperium übergeben. Er hat ihm ein 400-Milliarden-Dollar-Problem hinterlassen.
Das Gewicht der Kasse
Wer den Kassenstand von Berkshire Hathaway über die vergangenen vier Jahre verfolgt hat, liest darin die Geschichte einer zunehmenden Überzeugung: Der Markt ist zu teuer. Ende 2022 lagen Cash und kurzfristige US-Staatsanleihen bei 128,6 Milliarden Dollar. Dann begann ein Aufbau, der sich 2024 dramatisch beschleunigte. Allein im zweiten Quartal 2024 stieg die Kriegskasse um knapp 90 Milliarden Dollar – von 189 auf 277 Milliarden –, getrieben durch den massiven Abbau der Apple-Beteiligung. Zum Jahresende 2024 stand der Bestand bei 334 Milliarden Dollar, ein Jahr später bei 373 Milliarden, und am 31. März 2026 erreichte er mit 397,4 Milliarden seinen bisherigen Höhepunkt.
Das ist kein passiver Vorgang. Berkshire war im ersten Quartal 2026 zum vierzehnten Mal in Folge Netto-Verkäufer von Aktien: Verkäufe über 24 Milliarden Dollar, denen Käufe von 16 Milliarden gegenüberstanden. Die kurzfristigen US-Staatsanleihen allein beliefen sich auf 339 Milliarden Dollar – und generierten bei Zinssätzen über fünf Prozent Erträge, die das Warten ökonomisch erträglich machten.
Berkshires Kasse ist längst kein Beleg von Unsicherheit mehr, sondern Ausdruck einer radikal disziplinierten Bewertungsskepsis. Buffett formulierte es am Rande der Hauptversammlung bei CNBC: „Die Menschen waren noch nie in einer derart ausgeprägten Zockerlaune wie heute. Das führt dazu, dass die Preise für eine ganze Reihe von Vermögenswerten ziemlich absurd erscheinen."
Greg Abel trägt diese Diagnose weiter. Die Frage ist, wie lange er es kann, bevor die Aktionäre ungeduldig werden.
Ein Portfolio im Umbau
Das Aktienportfolio, das Abel übernommen hat, ist das Ergebnis von drei Jahren konsequenter Konzentration und Disziplin. Apple war das definierende Ereignis: Von einem Höchststand von rund 915 Millionen Aktien, die Berkshire zu Beginn des Jahres 2024 hielt, sind bis Ende 2025 nur noch 227,9 Millionen übrig. Insgesamt verkaufte Berkshire rund 688 Millionen Aktien für mehr als 130 Milliarden Dollar; die realisierten Gewinne werden auf über 95 Milliarden Dollar geschätzt. Apple ist dennoch die größte Einzelposition, mit einem Marktwert von rund 62 Milliarden Dollar zum Jahresende 2025. Buffett selbst zog in Omaha Bilanz: „Wir haben 35 Milliarden Dollar investiert. Und mit Dividenden, realisierten und unrealisierten Gewinnen haben wir daraus 185 Milliarden Dollar gemacht.“
Parallel dazu wurde Bank of America um rund 40 Prozent vom Höchststand abgebaut; Ende 2025 standen noch 517 Millionen Aktien im Wert von 29 Milliarden Dollar in den Büchern. Mehrere Analysten erwarten unter Abel den vollständigen Ausstieg. Komplett liquidiert wurden BYD – nach 17 Jahren eine der ertragreichsten Berkshire-Positionen überhaupt –, TSMC, Paramount, Citigroup und Nu Holdings.
Aufgestockt hingegen wurden Chevron auf 130 Millionen Aktien, Chubb auf mittlerweile 34 Millionen Aktien sowie die fünf japanischen Handelshäuser Mitsubishi, Mitsui, Itochu, Sumitomo und Marubeni – ihr Gesamtwert wuchs bis April 2026 auf rund 41 Milliarden Dollar.
Symbolisch aufgeladen war der Einstieg bei Alphabet im dritten Quartal 2025. Buffett und sein langjähriger Partner Charlie Munger hatten den Verzicht auf Google über Jahre öffentlich als Fehler bezeichnet. Die neue Position umfasst 17,85 Millionen Aktien im Wert von rund 5,6 Milliarden Dollar – klein gemessen an Apple oder American Express, aber ein Signal, dass Berkshire auch ohne seinen Gründer lernfähig bleibt.
Bahn, Versicherung, Chemie
Berkshire ist kein Aktienportfolio mit angeschlossenem Konzern. Die operativen Töchter – Eisenbahn, Versicherung, Energie, Konsummarken – erwirtschaften den Cashflow, aus dem die Kriegskasse befüllt wird. Und genau hier tragen sich die härtesten Aufgaben Greg Abels ab.
BNSF, die Eisenbahnsparte, liegt im Branchenvergleich auf Platz fünf von sechs. Die Operating Ratio – je niedriger, desto effizienter – betrug 2025 bei BNSF 65,5 Prozent; Konkurrent Union Pacific erreichte 59,8 Prozent. Abel hat die Lücke von 5,7 Prozentpunkten in seinem ersten Aktionärsbrief explizit benannt und vorgerechnet: Jeder Prozentpunkt Verbesserung der operativen Marge generiere rund 230 Millionen Dollar zusätzlichen Cashflow jährlich. Das klingt nüchtern – für einen Konzernchef ist die öffentliche Selbstverpflichtung auf eine konkrete Kennzahl ein Stilbruch gegenüber Buffetts erzählerischer Brieftradition. Den Druck verstärkt die Wiedereinreichung des Fusionsantrags von Union Pacific und Norfolk Southern beim Surface Transportation Board, die am 30. April 2026 erfolgte. BNSF-Chefin Katie Farmer, die erstmals auf der Bühne der Hauptversammlung stand, konterte: „Das begann nicht damit, dass ein Kunde eine UP-NS-Fusion forderte. Es wird von der Wall Street angetrieben.“
Schwieriger ist die Lage bei Geico. Der Versicherungsgewinn brach im ersten Quartal 2026 um 35 Prozent ein; steigende Werbeausgaben und höhere Schadensquoten drücken auf die Ergebnisse, während der Wettbewerber Progressive schneller lernt, Daten für Underwriting und Preissetzung zu nutzen. Abel hat den KI-Einsatz als Priorität benannt, jedoch zugleich davor gewarnt, Technologie „um der KI willen“ einzuführen. Bei Geico könnte diese Zurückhaltung zum Wettbewerbsnachteil werden.
Die erste große Übernahme der Ära Abel war Oxychem. Berkshire erwarb die Chemiesparte von Occidental Petroleum am 2. Januar 2026 – einen Tag nach Amtsantritt – für 9,7 Milliarden Dollar in bar. Oxychem produziert PVC und Chlor-Alkali-Produkte für Wasseraufbereitung, Pharmazie und Bauwesen; das Geschäft läuft als eigenständige Tochter neben Lubrizol. Angesichts einer Kasse von fast 400 Milliarden ist 9,7 Milliarden ein überschaubarer Schritt. Aber er zeigt die Richtung: operative Kontrolle über Infrastrukturgüter mit stabilen Cashflows.
Greg Abel - Drei Rollen, ein Mann
Der strukturelle Kern von Abels Herausforderung ist nicht die Kasse. Es ist die Frage, ob ein Mensch das, was Berkshire von ihm verlangt, überhaupt leisten kann. Greggory Warren, Analyst bei Morningstar, hat das präzise formuliert: „Abel wird an einem grundlegend anderen Maßstab gemessen werden als Buffett – vor allem, weil er sowohl als Operator als auch als Investor agiert.“ Buffett konzentrierte sich auf Kapitalallokation und ließ die Töchter dezentral laufen. Abel muss beides.
Hinzu kommt: Abel verwaltet das Portfolio weitgehend allein. Todd Combs, einer der drei Investmentmanager, hat Berkshire Ende 2025 verlassen und wechselte zu J.P. Morgan Chase. Von den drei Portfolio-Managern ist nur noch Ted Weschler übrig, der rund sechs Prozent des Aktienportfolios verantwortet. Abel selbst steuert die restlichen 90 Prozent.
Steve Check von Check Capital formulierte die Skepsis offen: „Warum wurde entschieden, dass Greg mehr als 90 Prozent der Investments verwaltet und gleichzeitig die operativen Unternehmen beaufsichtigt?“ Das Ausscheiden von Combs ist bisher nicht ersetzt worden; Barron's berichtet, Abel baue mehrere der kleineren Combs-Positionen ab.










Abel signalisiert Alignment. Er hat persönlich rund 15 Millionen Dollar in Berkshire-Aktien investiert und sich verpflichtet, sein gesamtes Nettogehalt jährlich in BRK-Papiere anzulegen. Die Aktienrückkäufe im ersten Quartal 2026 – 234 Millionen Dollar, erstmals seit Mai 2024 – sind kein Aktivismus, aber ein Signal: Unterhalb des inneren Wertes kauft Berkshire sich selbst. UBS-Analyst Brian Meredith schätzt das Rückkaufvolumen für das Gesamtjahr 2026 auf rund 1,7 Milliarden Dollar.
Geduld als Geschäftsmodell
Geduld war immer das eigentliche Produkt, das Berkshire verkaufte. Und Geduld war nie billig zu haben. Die Aktie der Klasse B liegt laut Bloomberg-Berechnungen knapp 40 Prozentpunkte hinter dem S&P 500, gemessen über die zwölf Monate seit Buffetts Rücktrittsankündigung im Mai 2025 – die schlechteste Einjahresbilanz seit dem Jahr 2000. Morningstar, KBW und UBS sehen die Aktie mit sieben bis acht Prozent Abschlag zum inneren Wert.
Buffett ließ in Omaha keinen Zweifel an seiner Bewertung des Nachfolgers. „Greg macht all die Dinge, die ich auch getan habe, und noch mehr“, sagte er bei CNBC. „Wir hätten keine bessere Entscheidung treffen können.“ Er verwies auf die Übergabe bei Apple von Steve Jobs an Tim Cook – der kaum bekannt war, als er übernahm, und doch ein überaus erfolgreicher CEO wurde. Cook selbst saß wieder im Publikum; im September wird er den Posten als Apple-Chef abgeben.
Der nächste Prüfstein für Greg Abel und Berkshire Hathaway ist nüchtern und konkret: Das 13F für das erste Quartal 2026 wird Mitte Mai 2026 eingereicht. Es zeigt, ob Abel die kleineren Positionen aus dem Combs-Erbe weiter abbaut, ob der Alphabet-Einstieg der Auftakt zu einem aktiveren Investmentstil ist – oder ein Einzelfall bleibt.
Berkshire ist so liquide wie nie, operativ solide, und wartet. Was das unter Abel bedeutet, wird sich nicht in einem Quartal entscheiden. Damit Berkshire die nächsten Jahrzehnte prägt statt von ihnen geprägt wird, muss Abel zeigen, dass er nicht nur Hüter einer Erbschaft ist, sondern ihr erster eigenständiger Architekt.


