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Technologiepark Adlershof im Südosten der Hauptstadt Foto: IMAGO / Jürgen Held
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Start-up-Szene in Deutschland

„Berlin ist der beste Ort der Welt, um zu gründen“

Regelmäßig veranstaltet Blackrock Webcasts, stets werden illustre Gäste eingeladen. Unter der Moderation von Verena Heming, ETF Vertrieb Digitale Kunden bei Blackrock, gaben Rainer Märkle, General Partner bei HV Capital (vormals Holtzbrinck Ventures), und Erik Podzuweit, Mitgründer und Geschäftsführer des Brokers und digitalen Vermögensverwalters Scalable Capital, Einblick in die Gründerszene Deutschlands.

Hätten Sie es gewusst? Inzwischen wetteifern mehr als 900 Fintechs in Deutschland um einen Platz am Markt. In den vergangenen Jahren hat sich zwischen München und Berlin viel getan. Fiel Start-ups vor zehn Jahren das Fundraising noch schwer und wurden erfolgreiche Finanzierungsrunden, die 10 Millionen Euro einbrachten, deutschlandweit gefeiert, sind heute insgesamt 70 Milliarden Euro am deutschen Start-up-Markt im Spiel. „Deutschlands Start-up-Szene hat einen Lauf“, fasste Märkle zusammen. „Bei der Anzahl von Finanzierungen über 100 Millionen Euro gibt es mittlerweile fast jeden Monat Neuigkeiten. Start-ups mit einer Marktkapitalisierung von 1 Milliarde Euro sind in Deutschland keine Seltenheit mehr.“

Auch Erik Podzuweit, Mitgründer und Geschäftsführer von Scalable Capital, zeigte sich erfreut über die stark veränderte Fintech-Landschaft, deren Entwicklung sich in Wellen abspiele: „Vor zehn Jahren waren wir Zeuge einer ersten Entwicklung von Fintechs in den USA im Credit- und Lending-Bereich, anschließend kam diese Welle nach Europa. Das neue Marktsegment verlor allerdings bald an Schwung; die nachfolgenden Unternehmen im Payment-Bereich waren deutlich erfolgreicher.“ Podzuweit nannte einen namhaften niederländischen Bezahldienstleister als Beispiel. „Adyen ist heute 65 Milliarden Euro schwer. In Europa gibt es genau besehen keine einzige Bank, die über eine solche Marktkapitalisierung verfügt. Ein anfangs noch belächelter Marktbereich hat binnen weniger Jahre Unternehmen mit riesigen Marktwerten hervorgebracht.“

Ist heute eine gute Zeit zum Gründen?

Woran liegt es, dass Start-ups heute nicht selten von kleinen Anfängen zu großen Höhenflügen ansetzen können? Podzuweit nannte ein deutlich verbessertes Umfeld. „Es gibt leichteren Zugang zu Kapital. Aber auch die Hürden für fähige Mitarbeiter aus aller Welt sind deutlich niedriger geworden: Hoch qualifizierte junge Menschen aus den USA, Indien, Israel, Australien oder Russland haben keine Schwierigkeiten mehr, um für ein Start-up in Deutschland zu arbeiten. Und der im Zuge der Corona-Krise befürchtete ,nukleare Winter‘ für die Branche trat glücklicherweise nicht ein. Der Founding-Markt blieb offen. Der Zugang zu den für Start-ups notwendigen Ressourcen ist weiterhin gewährleistet.“

Märkle pflichtete bei und verwies auf riesige Kapitalströme im Markt, die nicht zuletzt mit den in vielen Anlageklassen niedrigen Kapitalrenditen zusammenhingen: „Spezialisierte Investoren fördern Start-ups und auch finanzkräftigen Privatinvestoren kommt das Verdienst zu, dass Deutschland zu einem gründerfreundlichen Land geworden ist.“

Wie funktioniert das Investieren mit Risikokapital?

Zum eigentlichen Vorgehen beim Investieren in Start-ups wollte die Moderatorin Genaueres wissen. „Wir setzen Fonds auf, die Venture Capital einsammeln“, gab Märkle einen Einblick in seine Strategie. „HV setzt auf junge Unternehmen, geht Risiken ein, investiert meist sehr früh, und hat vor diesem Hintergrund natürlich auch entsprechend hohe Ausfallraten, das gehört zum Geschäft.“ Mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre habe sich ein Aspekt ganz entscheidend verändert, so Märkle: „Früher kamen die Start-ups zu den Geldgebern. Heute ist der Sektor von Hypothesen und großen Erwartungen getrieben, die sich aus der Rückschau auf inzwischen global erfolgreiche Unternehmen ergeben, die klein angefangen haben.“ Daher sprechen Venture Capital-Gesellschaften die Unternehmensgründer direkt an. „Wir haben eine Datenbank, mit deren Hilfe wir möglicherweise interessante Gründerpersönlichkeiten bei LinkedIn tracken. Wir sind absolut proaktiv unterwegs“, betonte Märkle und ergänzte: „Der Wettbewerbsdruck ist groß.“

Mindestens 30 Prozent Rendite jährlich

„Natürlich müssen dem Maximalrisiko, das hier in der riskantesten Anlageklasse eingegangen wird, die Returns standhalten. Daher fahren VCs wie HV Capital Renditen von durchschnittlich mindestens 30 Prozent jährlich ein“, verriet Märkle. An einem bestimmten Punkt in der Entwicklung eines Unternehmens käme dann aber auch die Zeit zum Ausstieg: Meist werde das Unternehmen nach einem IPO verkauft. „Normalerweise stößt HV die Assets in der Zeit nach dem IPO ab, nicht zuletzt, weil unsere Investoren zurecht sagen, sie könnten börsennotierte Firmen selber handeln – ganz ohne Managementgebühren, die für unsere Scout-Dienstleistungen anfallen.“

Wie sehen die Trends von morgen aus?

Gefragt nach dem nächsten großen Thema am Markt, gab Podzuweit zur Antwort: „Vor Jahren war Blockchain das Thema, über das alle redeten. Heute sehen wir den Trend zur starken und tiefen Vertikalisierung von Start-ups: Sie starten mit einem speziellen Thema und überschaubarem Team – und skalieren mit zunehmendem Erfolg immer weiter. Somit können immer mehr Teile einer Dienstleistungskette ins Unternehmen geholt werden, womit letztlich die Gewinnmargen steigen.“ Für eine erfolgreiche Skalierung seien neben einer zündenden Idee sehr viel Kapital und weitere Ressourcen nötig. „Jeff Bezos gründete einen Online-Buchshop – und aus kleinen Anfängen wurde ein Riesenkonzern“, erinnerte Podzuweit und verdeutlichte den Aufstieg am Beispiel: „Jedes dritte beförderte Paket in den USA ist heute in einem Amazon-Truck unterwegs.“

Auf die Frage der Moderatorin, ob der deutsche Markt bereits gesättigt sei, erwiderte Märkle: „Die digitale Transformation verläuft sehr dynamisch. Immer wieder kommen neue Ideen um die Ecke. Private aber auch institutionelle Anleger überschätzen oft Themen, vor allem aber unterschätzen sie auch viele richtig große Ideen und deren vielfältige Implikationen. Der digitale Wandel wird weiterhin mit enormer Geschwindigkeit voranschreiten.“

Große Unternehmen in Deutschland hätten derweil Probleme, bei den großen Änderungen Schritt zu halten. Frühe Zukäufe von Start-ups könnten laut Märkle helfen. Doch hier herrsche große Zurückhaltung: „Bei Preisen für Start-ups von nicht selten 300 bis 500 Millionen Euro haben viele mögliche Käufer natürlich die Überlegung, ob man die gefragten Lösungen nicht mit Bordmitteln auch selber bauen kann. In vielen Fällen wäre es aber konsequenter auf smarte, aggressive Zukäufe auch in diesen Größenordnungen zu setzen.“

Berlin ist bester Start-up-Standort in Europa

Auf die letzte Frage der Moderatorin, ob Deutschland noch in gewisser Hinsicht gegenüber dem Silicon Valley mithalten könne, gab es eine Überraschung: „Wir können nicht aufschließen“, gab Podzuweit zu Protokoll. „Von 20 Faktoren, die für eine Gründerkultur wichtig sind, wie Geld, Zugang zu Topleuten und wohlwollende Regulierung, weisen die USA 19 Faktoren auf. Die USA sind Nutznießer des größten homogenen Marktes der Welt – eine Sprache, eine Kultur, ein Steuersystem.“ Auf Platz 2 stehe China. „Doch Berlin ist der beste Standort in Europa, und der beste Standort außerhalb der USA und China. Der Zustrom an Software-Entwicklern nach Berlin ist über die Jahre so stark geworden. dass inzwischen die entsprechende Creme de la Creme dort lebt. Berlin ist daher der beste Ort der Welt, um zu gründen.“

Wirklicher Gründungserfolg bleibt selten

Zum Schluss des Webcasts gingen Märkle und Podzuweit auf Fragen aus dem Publikum ein. „Gibt es eine Quote für den Erfolg von Unternehmensgründungen?“, war eine davon. „Die Rate von Misserfolg ist hoch“, schilderte Märkle seine Beobachtungen. „Von den jährlich 2.000 Businessplänen, die wir auf dem Tisch haben, tätigt HV am Ende ungefähr 15 Investments. Davon wird ein einziges Start-up richtig erfolgreich, weiteren zwei bis vier ist ein guter Erfolg mit soliden Returns beschieden.“

„Überragende Erfolgsstorys sind rar“, ergänzte Podzuweit. „Wirklich erfolgreiche Unternehmen wie Zalando sind selten.“

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