40.000 Haushalte ohne Strom, mitten in Berlin, tagelang. Zum zweiten Mal in sechs Monaten. Eine brennende Kabelbrücke am Teltowkanal hat gereicht, um einen ganzen Stadtteil lahmzulegen. Fünf Tage Dunkelheit in einer der größten Metropol-Regionen Europas – weil das Netz den gleichzeitigen Ausfall zweier Stromkreise nicht verkraftet hat. Experten nennen das einen N-1-Fall. Ich nenne es einen Realitätscheck. Denn während in Zehlendorf die Leute ihre Gefriertruhen ausräumten, wurde an den Finanzmärkten über Infrastruktur als „defensive Anlageklasse“ geredet. Stabile Cashflows, vorhersehbare Renditen, und vermeintlich aus der Mode gekommene Geschäftsmodelle die lange Zeit das Rückgrat stabiler Portfolios bildeten. Die Berliner würden das vermutlich anders formulieren.
Die Ereignisse der letzten Tage zeigen: Infrastruktur ist längst nicht mehr langweilig. Sie ist verletzlich – und wir stehen erst am Anfang einer tiefgreifenden Entwicklung. Genau das macht sie spannend. Die teils unbeholfenen und uninformierten Reaktionen aus der Politik unterstreichen: Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Denn, was in Berlin passiert ist, passiert überall. Siehe im letzten Jahr in Spanien oder kurz vor Jahresende in San Francisco. Nicht unbedingt durch Sabotage – obwohl die sogenannten Vulkangruppen seit Jahren immer wieder zuschlagen. Sondern weil die kritische Infrastruktur für eine Welt gebaut wurde, die es nicht mehr gibt. Eine Welt ohne Extremwetter alle paar Monate. Ohne geopolitische Spannungen, die den Fokus auf strategisch relevante Industrien lenken. Ohne Cyberangriffe auf Energieinfrastrukturen und ohne den rasanten technischen Fortschritt der Digitalisierung.
Jahrzehntelang lautete die Devise: Effizienz maximieren, Überkapazitäten vermeiden und bloß wenig investieren Das war rational, solange die Welt planbar war. Heute ist sie es nicht mehr. Und plötzlich stellt sich die Frage: Was ist eigentlich ein robustes Asset und welchen Stellenwert haben diese in einem wachsenden Wettlauf um den Wohlstand der Zukunft?
Die DNA eines robusten Assets
Ein Rechenzentrum mit einer Notstromversorgung? Oder eines mit drei unabhängigen Stromquellen und der Fähigkeit, eine Woche autark zu laufen? Ein Windpark mit Standardwartung? Oder einer mit vorgelagerten Ersatzteillagern und lokalem Reparaturteam, das nach einem Sturm nicht wochenlang auf Komponenten aus Asien warten muss? Ein Stromnetz, das den Ausfall eines Elements verkraftet? Oder eines, das auch dann funktioniert, wenn eine ganze Trasse ausfällt?
Die Antwort klingt banal: Das zweite ist besser. Aber sie hat Konsequenzen. Denn Resilienz kostet Geld. Redundante Systeme sind teurer als schlanke. Backup-Kapazitäten senken die Auslastung. Lokale Ersatzteillager binden Kapital. In einer Welt, in der jeder Basispunkt Rendite zählt, ist das ein Problem.
Oder eben eine Chance. Denn die Rechnung ändert sich gerade fundamental.
KI treibt die Transformation
Nehmen Sie die Energiewende. Wir bauen derzeit global die größte Infrastruktur-Transformation seit der Industrialisierung. Dezentrale Erzeugung, volatile Einspeisung aus Wind und Sonne, Elektrifizierung des Verkehrs oder des Heizens. Das erfordert nicht nur mehr Netzkapazität, sondern fundamental andere Architekturen. Intelligente Netze, die sich lokal stabilisieren können. Speicher, die Schwankungen abfedern. Systeme, die nicht kollabieren, wenn an einer Stelle etwas schiefgeht und die Frage: Wie bekomme ich den günstigen Solar-Strom aus Südfrankreich dorthin, wo er gebraucht wird?
Oder schauen Sie auf Rechenzentren. KI-Anwendungen treiben den Strombedarf in Dimensionen, die noch vor kurzem noch absurd geklungen hätten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Verfügbarkeit und Resilienz. Ein Rechenzentrum, das auch nur für Stunden ausfällt, verliert nicht nur Kunden – es riskiert existenzielle Schäden. Resilienz wird hier vom Nice-to-have zum Geschäftsmodell. Fragen Sie hier einmal bei den großen Hyperscalern nach.
Das Interessante: Die Märkte fangen gerade erst an, das einzupreisen. Wir sehen es in unseren Gesprächen mit Investoren und Unternehmen. Vor drei Jahren wurde über Verfügbarkeit und Resilienz geredet, wenn es ums gute Gefühl ging. Heute geht es um mehr. Wie viel ist ein Asset mehr wert, das auch unter Stress funktioniert? Wie bewertet man die Fähigkeit zur schnellen Wiederherstellung? Welchen Diskont rechtfertigt mangelnde Redundanz? Und welche Kosten hat es, wenn wir nichts tun, auf der einen Seite für die langfristigen Wachstumschancen in 10 oder 20 Jahren oder wie wir in Berlin sehen auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das tägliche Leben?
Das sind keine theoretischen Fragen mehr. Sie haben unmittelbare finanzielle Konsequenzen. Ein Rechenzentrum welches Jahrelang auf den Netzanschluss warten muss - egal wie schnell man es baut - ist keine gute Investition. Ein Mobilfunknetz ohne Backup-Stromversorgung wird mit jedem Blackout weniger attraktiv.
Die Politik reagiert langsam, aber sie reagiert. Globale Vorschriften werden granularer, Genehmigungsverfahren schneller und regulatorische Renditen werden nach jahrelangem Stillstand weltweit signifikant erhöht. Ein echter „Gamechanger“ für den Sektor und die zukünftigen Investitionen Das Thema Cyber-Sicherheit ist längst auf der Agenda. Und nach jedem größeren Ausfall – sei es Berlin oder in Texas im Winter 2021– wird die Diskussion lauter: Müssen Infrastrukturunternehmen auch für den Worst Case planen, nicht nur für den Regelfall?
Deutschland muss sein Stromnetz aufgrund dieser multiplen Krise und Entwicklungen massiv ausbauen und modernisieren. Doch das gelingt nicht im Alleingang – es braucht eine deutlich bessere europäische Koordination bei Infrastrukturinvestitionen und viel privates Kapital. Gleichzeitig treibt die Digitalisierung den Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten in atemberaubender Geschwindigkeit in schwindelerregende Höhen. Und all das nicht nur größer, sondern auch robuster. Schätzungen gehen allein für Europa von Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe aus.
Die neue Normalität erfordert neues Denken
Für Investoren ist das eine einmalige strukturelle Chance. Es geht nicht mehr nur um Core-Infrastruktur mit maximal hohenAusschüttungen. Es geht um Assets, die auch in der nächsten Krise funktionieren. Um Systeme, die sich anpassen können. Um Infrastruktur, die nicht nur heute Geld verdient, sondern auch morgen noch relevant ist und in Wachstum investiert.
Die Ironie: Ausgerechnet der Berliner Stromausfall zeigt, dass wir umdenken müssen. Fünf Tage Dunkelheit, weil eine Kabelbrücke brennt. Das ist kein Ausnahmefall mehr. Das ist die neue Normalität. Wer daraus keine Konsequenzen zieht – als Netzbetreiber, als Regulierer, als Investor –, macht einen Fehler.










Infrastruktur war lange die Anlageklasse für alle, die Ruhe wollten. Sie wird gerade zur Anlageklasse für alle, die Veränderung verstehen und davon profitieren wollen. Der Unterschied ist nicht klein. Und er wird sich vermutlich in den kommenden Jahren auch in der Struktur vieler Vermögensallokationen zeigen
Und vielleicht ist das der eigentliche Weckruf dieses Winters: Infrastruktur fällt erst auf, wenn sie versagt. Dann ist es für viele schon zu spät.
Über Sascha Hasterok
Sascha Hasterok ist Portfolio Advisor bei Wellington Management und teil des globalen Portfolio Advisor Teams und agiert an der Schnittstelle zwischen den globalen Investmentteams und Kunden: In Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement, den Makrostrategen und den Research-Teams berät er Kunden in den Bereichen Aktien, festverzinsliche und alternative Anlagen. Zuvor war Hasterok knapp zehn Jahre Portfoliomanager und verantwortlich für verschiedene Mulit-Asset Strategien

