Egon Wachtendorf

Egon Wachtendorf

Berliner Treppenwitze

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Für einen der erfolgreichsten Investmentfonds aller Zeiten tickt die Uhr: Ab dem 30. Juni nächsten Jahres ist der 1954 aufgelegte Templeton Growth (WKN: 971025) nicht mehr in Deutschland zum Vertrieb zugelassen. Seit 1982 konnten deutsche Anleger ihn kaufen, und für so manche von ihnen war es die erste und nachhaltigste Begegnung mit einem Aktienfonds.

Eine Begegnung, die sich trotz mancher Schwäche in jüngster Vergangenheit finanziell ausgezahlt hat: 70 Prozent Zuwachs über zehn Jahre, 340 Prozent über 20 Jahre, 975 Prozent über 30 Jahre. Die Begründung für den Rückzug mutet dabei an wie ein Treppenwitz. Nach neuesten behördlichen Bestimmungen darf ein US-Fonds wie der Templeton Growth nur dann noch in ein deutsches Depot, wenn er auch in den USA verwaltet wird. Dienstsitz von Fondsmanager Norman Boersma ist jedoch Nassau auf den Bahamas.

Franklin Templeton wird den erzwungenen Abgang verschmerzen, die deutschen Anleger werden es auch. Schließlich gibt es hierzulande mit dem Templeton Growth (Euro) längst eine bürokratenkonforme, wenn auch in der Verwaltung deutlich teurere Variante des Klassikers.

Letztlich zeigt die Posse aber einmal mehr, mit welch hanebüchenem Unsinn sich Fondsanbieter im regulatorischen Umfeld mitunter konfrontiert sehen. Was hätte zum Beispiel der Branchenverband BVI in den vergangenen Jahren alles für die Förderung des Aktienfondssparens in Deutschland tun können, wären seine Mitarbeiter nicht pausenlos mit Sonderwünschen der deutschen Aufseher bei der Umsetzung von EU-Vorgaben beschäftigt gewesen?

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