Flossbach von StorchAktualisiert am 27.03.2020 - 11:29 UhrLesedauer: 9 Minuten
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Bert Flossbach im Interview Herr Flossbach, sind die Märkte infiziert?

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Einige Unternehmen dürften also anfälliger sein und damit stärker vom Virus getroffen werden als andere. In den vergangenen Tagen wurden an der Börse aber auch Qualitätsunternehmen und zeitweise sogar Gold abgestraft. Warum?

Flossbach: Wir bevorzugen Geschäftsmodelle, die robust sind. Wir fokussieren uns auf Unternehmen mit starken Bilanzen und meiden vor allem Firmen mit einer hohen Verschuldung. Denn diese kann in solchen Phasen zum Problem werden, vor allem, wenn eine starke Konjunkturabhängigkeit dazukommt. Während der jüngsten Marktturbulenzen sind aber auch Aktien von erstklassigen Unternehmen gefallen, die sogar von der aktuellen Situation profitieren könnten. In sehr turbulenten Phasen brauchen viele Marktteilnehmer Liquidität und verkaufen, was noch stabil erscheint (darunter auch Gold). Auch wer einen Indexfonds beziehungsweise „Exchange Traded Fund“ (ETF) verkauft, unterscheidet nicht zwischen Qualität und Schrott. Solche Phasen gehen aber schnell vorbei. Der Markt unterscheidet wieder zwischen Unternehmen, die nachhaltig erfolgreich wirtschaften und denen, deren Gewinnperspektive komplett infrage zu stellen ist. Zuletzt waren Qualitätstitel wieder gefragt, wovon auch unserer Fonds profitierten konnte. Und wir haben antizyklisch agiert und einige Chancen ergriffen.

Es ist demnach sinnvoll, wieder zu kaufen?

Flossbach: Wenn andere das Kind mit dem Bade ausschütten, dann fangen wir es auf. Manche Qualitätsunternehmen sind jetzt wieder deutlich attraktiver bewertet. Doch um von fallenden Kurs-Gewinn-Verhältnissen zu profitieren, dürfen die Gewinne von den Auswirkungen der Corona-Krise nicht übermäßig in die Tiefe gezogen werden. Auch profitieren nicht alle Aktien vom Zinsumfeld, Zykliker mit höheren Risikoprämien naturgemäß deutlich weniger. Unterm Strich rechnen wir erst einmal mit schwächerem Wachstum. In Quartal eins und zwei kann es sogar eine Rezession geben. „Billig“ sind nach dem Kursrutsch aus unserer Sicht nur die Aktien von soliden Unternehmen, deren Bilanzen und Geschäftsmodelle voraussichtlich nicht nachhaltig beschädigt werden.

Zuletzt haben wir unseren zwanzigprozentigen Kassenbestand deutlich reduziert und in Qualitätsaktien investiert, die mit dem Markt nach unten gerauscht sind. Während der Turbulenzen hatten wir Teile unseres Aktienbestandes bereits am Anfang der ersten Verlustwoche abgesichert, so dass unsere Netto-Aktienquote im Tief zwischenzeitlich von 65 auf rund 50 Prozent gesunken war. Dabei ist etwa ein Drittel der Aktien in unserem Depot defensiv ausgerichtet, worunter beispielsweise Titel aus dem Konsum- und Pharmabereich fallen. Etwa ein Drittel ist sehr moderat zyklisch ausgerichtet. Aber auch diese Unternehmen sind solide aufgestellt und haben unserer Einschätzung nach Antworten auf die kommenden Herausforderungen.

Warum ist der Goldpreis zwischenzeitlich gesunken?

Flossbach: Gold ist vorher stark gestiegen. Es war eine extreme Bewegung, bei der eine Gegenbewegung typisch ist, gerade in Zeiten, in denen Liquidität gefragt ist. Beim zehnprozentigen Goldanteil im Portfolio nehmen wir die positive Entwicklung gerne mit, hoffen aber auch, dass es nicht weiter hinauf geht. Denn Gold ist wie eine Feuerversicherung im Depot, die gegen Krisen im Finanzsystem schützen soll. Sie ist also wie eine Police, von der jeder hofft, dass er sie nie braucht.

Wir versuchen einmal, unsere kurzfristigen taktischen Maßnahmen zusammenfassen: Vor dem Corona-Rücksetzer war die Aktienquote auch wegen der gestiegenen Bewertungen vergleichsweise niedrig. Die Goldposition hat sich gut entwickelt, ein echter Puffer. Grundsätzlich bevorzugen wir Unternehmen mit soliden Bilanzen und attraktiven Geschäftsmodellen. In der Woche, als die Kurse runterrauschten, haben wir mit Short-Positionen abgesichert. Der Reflex nachzukaufen, setzte erst nach den Turbulenzen ein, als der Markt begann, zu differenzieren.

Flossbach: Besser kann man das nicht zusammenfassen. Wir sichern zwar ab, aber wir führen das Portfolio mit ruhiger Hand und nach unseren Investment-Leitlinien, zusammengefasst in unserem Pentagramm, das auch schon vor dem Rücksetzer galt. Schon seit dem Ausbruch des Coronavirus sind wir ständig mit unserer Kollegin in Shanghai im Gespräch. Wir haben diese Auswirkungen dennoch nicht vorhergesehen – wenn die folgende Reaktion der Börse überhaupt vorhersehbar war. Wir haben schon länger mit einer Korrektur gerechnet, nach der langen, sehr positiven Börsenentwicklung war die allmählich fällig. Unsere Aktienquote, die noch im Dezember 2018 bei mehr als 80 Prozent lag, war daher bei weitem nicht mehr ausgereizt. Eine Netto-Quote von rund 50 Prozent, wie beim Tiefststand in der ersten Woche der Markt-Turbulenzen, ist für unseren Flaggschiff-Fonds schon ziemlich defensiv.

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