Exklusiv: Bert Flossbach im Interview „Weglassen können ist das Allerwichtigste“

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Vor einigen Wochen gab es einen Schwenk am Markt von Wachstums- hin zu Substanzwerten, also von Growth zu Value. Ist das das Comeback von Value?

Flossbach: Wie definieren Sie denn Value?

Kurs-Buchwert-Verhältnis unter 1, Kurs-Gewinn-Verhältnis unter 10, gemessen am Gewinn fürs kommende Jahr.

Flossbach: Es ist problematisch, bei einem echten Zykliker auf den Gewinn des kommenden Jahres zu setzen. Der ist so flüchtig, dass Sie ihn nicht greifen können.

Dann nehmen wir den aktuellen Gewinn.

Flossbach: Es ist der Sinn von Value, dass man mehr bekommt als man bezahlt. Das kann aus dem Status quo kommen oder aus der Zukunft. Wenn die aber nicht gut ist, dann hilft Ihnen die Gegenwart auch nicht. Man kauft also am Ende immer die Zukunft. Man sagt ja immer, dass Value-Aktien besonders günstig sind und es deshalb schon reicht, wenn der Gewinn über die Jahre gleichbleibt. Und Growth-Aktien sind teuer, sodass sie Wachstum mitbringen müssen. Doch da stellt sich die Frage, wie sicher das Wachstum ist, das ich heute schon bezahle. Es kann derart gut abschätzbar sein, dass die Aktie heute eben doch ein Schnäppchen ist.

Und alle springen auf und erzeugen Momentum.

Flossbach: In der Tat kommt in solche Werte normalerweise irgendwann Fantasie rein. Immer mehr Zukunft wird gehandelt, die Bewertung steigt. Dann entsteht Euphorie, und quantitative Momentum-Investoren und passive Indexprodukte springen auf und treiben das noch weiter.

Foto: Jochen Rolfes

Haben Sie eigentlich noch Anleihen?

Flossbach: Ja, aber nur Anleihen mit deutlich positiven Renditen und ordentlicher Bonität, wobei wir immer unser eigenes Rating erstellen.

Was passt Ihnen an offiziellen Ratings nicht?

Flossbach: Es ist nicht so, dass uns daran etwas nicht passt. Aber es kann nicht unser Anspruch sein, ein Dreifach-B zu nehmen uns zu sagen: schon in Ordnung.

Damit würden Sie aber Aufwand sparen und die Rating-Agenturen die Arbeit machen lassen.

Flossbach: Die ist ja nicht immer gut. Es kann interessanter sein, sich ein gutes BB+ herauszusuchen, das aufsteigen kann, als ein BBB-, das nach unten fällt. Im Grunde machen wir uns darüber Gedanken, ob der Emittent das Papier bei Fälligkeit zurückzahlen kann. Bei Nachranganleihen hat man das nicht, dafür aber ein Call-Datum, auf das wir uns ausrichten können. Die Unternehmen haben große Anreize, Call-Termine zu nutzen, was sie praktisch zu Fälligkeiten macht. Und selbst wenn nicht, dann macht der laufende Kupon die Sache interessant. Das ist nichts zum Handeln, sondern zum Liegenlassen.

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