Frau Albers, können Sie bei Ihren Kunden feststellen, dass mit der Einführung einer bKV Fehlzeiten in relevantem Umfang reduziert werden?
Albers: Was wir beobachten, ist, dass die AU-Tage seit zwei Jahren im Durchschnitt zwar steigen, die Gesamtdauer der durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit jedoch kürzer wird Als Gesellschaft geraten wir immer stärker in eine Überlastungssituation mit unseren Belegschaften, weil uns Arbeitskräfte fehlen. Eine direkte Herleitung zwischen der Installierung einer bKV und den Fehlzeiten kann letztlich aber nur der Arbeitgeber vornehmen. Wir unterstützen gezielt mit verschiedenen Services wie telemedizinischen Angeboten (Symptomcheck und Online-Arzt) oder einem ärztlichen Zweitmeinungsservice. So helfen wir den Mitarbeitenden möglichst schnell und barrierefrei bei ihrer Genesung und fördern somit die Rückkehr an den Arbeitsplatz.
Ein häufiges Argument in der Vertriebsansprache der bKV ist die Mitarbeiterbindung. Stellen Sie auch einen Nutzen in Form einer geringeren Fluktuation in den Unternehmen fest?
Grosse: Die bKV kann neben der Firmenkultur und vielen anderen Themen ein Instrument sein, das die Fluktuation reduziert. Ich würde den Bereich der Mitarbeitergewinnung aber nicht außer Acht lassen. Die Aufgabe von Vermittlern ist es, in den Gesprächen zu analysieren, wie die Firma strukturiert ist, wie die Mitarbeiterverteilung aussieht, welche Arten von Tätigkeiten ausgeübt werden und welche individuellen Zielstellungen es gibt. Das wirkt sich auf die Tarifauswahl und die Frage aus, welcher Service eine Rolle spielt. Auch hier unterstützen wir als Allianz aktiv den Vermittler und den Firmenkunden, um den höchstmöglichen Nutzen einer bKV zu erzielen.
Besteht nicht die Gefahr, dass Arbeitgeber mit der Einführung einer bKV glauben, ihre Gesamtverantwortung für die Mitarbeiter erfüllt zu haben?
Azizi: Man kann die Verantwortung nicht einfach abgeben, indem man etwas einkauft. Als Arbeitgeber sollte man immer auch die Verantwortung übernehmen, diese Dinge entsprechend zu kommunizieren
und zu bewerben. Dazu zählen nicht nur das reine Produkt, sondern auch die zusätzlichen Dienstleistungen. Telemedizin, Facharztterminierung und insbesondere psychologische Unterstützung
oder Stressbewältigung werden stark nachgefragt. Es reicht nicht aus, einfach nur die Plattform bereitzustellen und zu sagen: Da habt ihr die App, macht mal! Es bedarf eines begleitenden Prozesses, auch durch den Arbeitgeber selbst.
Grosse: Das zentrale Thema ist, wie es uns gelingt, die Wahrnehmungsbreite zu optimieren. Unser Ansatz ist es, relevante Serviceleistungen wie Facharzttermin-Services oder Pflege-Assistance nicht nur auf die Mitarbeitenden selbst zu fokussieren. Vielmehr soll diese Leistung auch von deren Familienmitgliedern genutzt werden können, also von Ehepartnern, Kindern, Schwiegereltern und sogar Großeltern.
Frau Albers, kommen wir zum Thema Produktinnovation. Wo sehen Sie noch Entwicklungspotenzial?
Albers: In der bKV sind wir natürlich in großen Teilen an die Leistungen der GKV gekoppelt, was auf unsere Innovationsmöglichkeiten auf der Produktseite regulierend wirkt. Aber wir gehen dennoch innovative und zeitgemäße Wege: zum Beispiel mit unserem Kooperationspartner Wellabe, mit dem Arbeitgeber Vorsorgeuntersuchungen direkt vor Ort im Unternehmen anbieten können. Ein weiteres herausragendes Angebot ist unser Pflege-Assistance-Baustein. Er bietet für die Mitarbeitenden wie auch deren Angehörige Unterstützung und Entlastung rund um das Thema Pflege an. Eine weitere Möglichkeit, sich vom Wettbewerb abzugrenzen, sehe ich auch insbesondere in den Prozessen – sowohl in Richtung Vertrieb als auch vom Arbeitgeber zum Versicherungsunternehmen.
Grosse: Dem kann ich nur zustimmen. Servicequalität und Prozessexzellenz sind entscheidend. Ein Produkt, das schöne Versprechungen macht, aber im Ernstfall nicht liefert, wirkt kontraproduktiv. Die
perfekte Abbildung aller Schnittstellen bei Gruppenvertragslösungen wird künftig ein großer Differenzierungsfaktor sein.
Wie bewerten Sie den Status quo der Prozesse bei der Gothaer, Herr Azizi? Gibt es etwas, das Sie jetzt schon besser können als andere?
Azizi: Mit unserer Gesundheits-App haben wir ein eigenes Ökosystem geschaffen, das von den Nutzern sehr positiv angenommen wird. Die wichtigste Funktion für Arbeitnehmer ist weiterhin die Möglichkeit, Rechnungen einzureichen. Schon jetzt werden zwischen 40 und 50 Prozent der Rechnungen im Haus
dunkel verarbeitet, Der Versicherte hat in diesen Fällen in der Regel bereits am nächsten Tag das Geld auf seinem Konto. Seit einiger Zeit sind wir bei Xempus angeschlossen. Gerade große Konzerne wünschen sich im Sinne der Prozess und Servicequalität solch professionelle Plattformen, die durch Zugänge für alle Bereiche eine einfache interne Kommunikation ermöglichen.
Gerade Budgettarife mit geringen Beträgen haben Konjunktur. Woran liegt das?
Trautner: Der größere Mehrwert für den Arbeitgeber liegt heutzutage in den Servicedienstleistungen.
Und diese kauft man auch schon mit einem 300-Euro-Budgettarif ein. Jeder Tag, an dem ein Mitarbeiter
aufgrund von Wartezeiten beim Psychologen oder Radiologen ausfällt, kostet den Arbeitgeber 500 bis 700 Euro. Diese belastbaren Zahlen existieren. Zu bedenken ist auch die Finanzierung im Rahmen des steuerfreien Sachbezugs bis 50 Euro. Wenn ein Arbeitgeber bereits 30 Euro für einen Tankgutschein für die gesamte Belegschaft ausgibt und dabei keine zusätzlichen Lohnzusatzkosten erzeugen möchte, bleiben nur noch 20 Euro im Sachbezug für eine bKV übrig. Ich sollte diesen kleinen Einstiegsbeitrag mit einem 300-Euro-Budget nutzen, um den Fuß in die Tür zu bekommen. Leider machen wir überraschend viele negative Erfahrungen mit Steuerberatern größerer Firmen. Sie haben oft keine Berührungspunkte mit der bKV. Wenn ein Steuerberater nur den Paragrafen 8 des Einkommensteuergesetzes kennt, dann kann es bei Überschreiten der 50-Euro-Grenze schnell passieren, dass das Geschäft scheitert. Die Qualifizierung der Vermittler ist auch deshalb so wichtig, um den Einwänden der Steuerberater
entgegentreten zu können.
Frau Albers, welche Vorteile sehen Sie in den geringen Budgetstufen, auch unter dem Aspekt Verhandlungsspielraum bei Lohnerhöhungen?
Albers: Grundsätzlich sehen wir am Markt, dass die bKV Einzug in verschiedene Tarifverträge gehalten hat. Das bedeutet, dass sie zu einem faktischen Lohnbestandteil geworden ist. Wenn man bei einem
300-Euro-Budget feststellt, dass es gut angenommen wird und die Mitarbeiter den Nutzen spüren, kann man immer noch nach oben skalieren oder von Anfang an für bestimmte Gruppen eine höhere Summe festlegen. Für manche Arbeitgeber kann es in der Tat eine Alternative zu einer Lohnerhöhung sein.
Zum Schluss möchte ich Sie alle um eine Prognose bitten. Wie viele bKV-Versicherte werden wir im Jahr 2030 haben?
Albers: Ich gehe davon aus, dass wir keine großen Sondereffekte haben, wie die IG-BCE-Lösung, die auf einen Schlag fast 500.000 Versicherte gebracht hat., Dann sehe ich den bKV-Markt 2030 bei cirka fünf bis sechs Millionen Versicherten.
Grosse: Wir sehen von 2020 bis 2023 ungefähr eine Verdopplung. Diese Verdopplungseffekte werden aus meiner Sicht bei der heutigen geringen Marktdurchdringung auch weiterhin bestehen bleiben. Da wäre ich bei acht Millionen. Die Produktlösungen werden sich weiter optimieren. Analog zur bAV heute wird künftig die bKV eine von den Arbeitnehmern erwartete erlebbare Zusatzleistung sein, die nicht mehr wegzudenken ist.
Azizi: Ich sehe das Ganze noch optimistischer, wenn man sich die Entwicklung der vergangenen jahre anschaut, die demografische Entwicklung und den Fachkräftemangel. Ich behaupte, dass wir 2030 im
niedrigen zweistelligen Millionenbereich sein werden.
Trautner: Nach der nächsten Bundestagswahl könnte es zu einer anderen Besetzung des Gesundheitsministeriums kommen. Dies könnte dazu führen, dass die letzte soziale Säule – die Gesundheit – auch tarifrechtliche Ansprüche umfasst. Wenn das passiert, gehe ich davon aus, dass wir bis 2030 zehn Millionen Versicherte in der bKV schaffen.
Über die Interviewten:
Elisa Albers begann als Beraterin. Nach Stationen bei Axa, Allianz und DKV ist sie seit 2024 wieder bei der Axa und verantwortet das Produktmanagement der betrieblichen Krankenversicherung.
Kabil Azizi ist Sales-Experte für die private Krankenversicherung im B2B-Geschäft. Seit 2018 arbeitet er als
Vertriebskoordinator Gesundheit bei der Gothaer Allgemeine.
Sven Grosse verantwortet seit 2015 die Leitung des Maklervertriebs der Allianz Private Krankenversicherungs-AG. Seine vorherigen Stationen: Signal Iduna und Deutscher Ring.
Andreas Trautner arbeitet seit dem Jahr 2000 in der Versicherungsbranche. Neben seiner Tätigkeit als Makler ist er Sachverständiger und tritt als Autor, Dozent, Speaker und Trainer auf.
