Der Unterschied zwischen Bewertungen und Kursen wird oft missverstanden. Der Kurs ist der Preis, den jemand zu zahlen bereit ist. Die Bewertung lässt sich aber nur mit Analysen erkennen. Man muss die Gewinn- und Wachstumserwartungen betrachten (und das Risiko, dass sie verfehlt werden). Letztlich hängt die langfristige Kursentwicklung von Gewinnen und Cashflows ab. Enttäuschen sie, enttäuschen auch die künftigen Erträge.
Außerdem muss man wissen, dass ein niedriger Kurs nicht unbedingt für eine Unterbewertung steht, ebenso wie eine Aktie mit einem hohen Kurs nicht teuer sein muss. Ob die Bewertung fair ist, hängt letztlich davon ab, was nach der Anlage geschieht: Passt der Kurs zum inneren Wert? Langfristige Investoren achten daher auf Bewertungen – um zu wissen, ob sie gemessen am Gewinnpotenzial eines Unternehmens einen fairen oder einen zu niedrigen Preis bezahlen. Ganz anders verhalten sich Händler. Sie achten nur auf die Kurse. Für sie zählen vor allem kurzfristige Schwankungen, ausgelöst durch Stimmungsänderungen, Momentum oder die Markttechnik.
Wann die Bewertungen am wichtigsten sind
Gerade in extremen Marktphasen werden die Bewertungen sehr wichtig, in Haussen wie in Baissen. Weil Menschen sind, wie sie sind, erleben wir immer wieder Euphorie und Panik. Auch Modelle und Algorithmen können solche Extreme nicht verhindern. Die Stimmung kann heftig schwanken, aber der innere Wert einer Aktie bleibt sehr viel stabiler. Für disziplinierte Anleger ist das eine Chance.
Klassische Bewertungsmodelle mögen unterschiedliche Ansätze verfolgen, verschieden eingesetzt werden und sich auf unterschiedliche Branchen und Unternehmen konzentrieren. Stets sind sie aber äußerst hilfreich, um den Wert eines Unternehmens zu erkennen. Außerdem helfen sie Investoren bei der Beurteilung von Risikoprämien an konzentrierten Märkten und verhindern, dass man zu sehr der Herde folgt.
Bei neuen, extrem wachstumsstarken Unternehmen sind die klassischen Bewertungsmaße aber mitunter weniger aussagekräftig, hängen sie doch stark von Annahmen über weit in der Zukunft anfallende Gewinne ab. Hier muss man stärker seiner Intuition vertrauen. Je weiter die Prognosen in die Zukunft reichen, desto größer ist das Risiko, dass man das Wachstum überschätzt und Herausforderungen unterschätzt. Wenn viel von Glauben und Glück abhängt, ist die Fehlerquote oft hoch.
Die Markttreiber und Risiken von heute: Vorsichtig sein
Zuletzt waren die Mehrerträge von Zyklikern und Technologiewerten ein großes Thema, ausgelöst etwa durch KI-Investitionen, eine lockerere Geldpolitik und eine expansivere Fiskalpolitik. Wir raten daher zur Vorsicht. Das aktuelle Marktumfeld mit seiner expansiven Geldpolitik, technologischen Quantensprüngen und einem ungewöhnlich hohen Anteil von Privatanlegern spricht durchaus für eine Preisblase.
Die Aktieninvestitionen privater Haushalte sind meist stark mit den Bewertungen korreliert (Grafik 1). Heute entfallen fast 45 Prozent des amerikanischen Haushaltsvermögens auf Aktien, so viel wie noch nie. Das hat die Kurs-Gewinn-Verhältnisse steigen lassen. Nur kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase in den frühen 2000ern war das Shiller-KGV höher als heute.
Grafik 1: Enge Korrelation zwischen Bewertungen und Aktienbesitz von Haushalten - und beides fast auf Rekordniveau
Für Aktieninvestoren sind die Bewertungen zurzeit das wichtigste Thema. Dank der guten Anlegerstimmung (Sentiment), der reichlich vorhandenen Liquidität und neuer Entwicklungen, vor allem im Zusammenhang mit KI, stiegen sie in den USA auf Rekordhochs. Viele Anleger fragen sich, wie aussagekräftig die klassischen Bewertungsmaße heute noch sind.
Nicht selten brachen die Kurse ein, wenn Bewertungen lange Zeit nicht ernst genommen wurden. Dass ein Zyniker von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennt, wusste schon Oscar Wilde. Als langfristige Investoren müssen wir sorgfältig auf die Fundamentaldaten achten, denn sie bestimmen die Erträge. Bewertung ist also nicht nur wichtig – sie ist entscheidend.
Preisblasen platzen aber nicht einfach nur deshalb, weil sie in die Jahre kommen. Sie enden, wenn die Umsätze aufgrund eines schwächeren Wirtschaftswachstums enttäuschen oder die Zinsen steigen (Grafik 2). Beides bringt hoch verschuldete Unternehmen in Bedrängnis. Die schlechtesten Kredite wurden in den besten Zeiten aufgenommen, heißt es. Heute gibt es aber keine Anzeichen für steigende Zinsen in den USA. Vielmehr wird für das neue Jahr mit weiteren Leitzinssenkungen gerechnet, und auch die Fiskalpolitik bleibt expansiv. Allerdings könnte ein überraschender Inflationsschock zu Zinserhöhungen führen, und Rückschläge bei der KI könnten die Marktdynamik bremsen.
Grafik 2: Preisblasen platzen oft bei steigenden Zinsen
