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Bill Gross: Kredit-Supernova

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Bei diesem Konzept, das Minsky vor nahezu einem halben Jahrhundert kurz nach der explosiven Entkopplung des Dollars vom Gold im Jahr 1971 entwickelte, handelte es sich in erster Linie um ein zyklisches, geschlossenes Modell, bei dem es mittels Rezession zu einem Neubeginn des Kreislaufs kam, sobald die Verschuldung des Systems in ausreichendem Maße reduziert war.

So war es damals. Vielleicht überstieg die hyperbolische und nicht lineare langfristige Steigerung der Kreditschöpfung, die in den USA seither zu beobachten war, seine Vorstellungskraft. (In anderen Industrieländern ging diese Entwicklung ähnlich vonstatten.) Und obwohl es zyklische Phasen des Schuldenabbaus gab, waren diese nie sehr ausgeprägt – nicht einmal während der Ära Paul Volcker von 1979 bis 1981. Als Minsky seine Theorie in den frühen 70er-Jahren formulierte, beliefen sich die ausstehenden Kredite in den USA auf insgesamt 3 Billionen US-Dollar.† Inzwischen ist diese Summe auf monströse 56 Billionen US-Dollar angewachsen, Tendenz steigend, und erfordert immer mehr Brennstoff – ein Supernova-Stern, der sich kontinuierlich ausdehnt, sich im Zuge dessen allerdings zunehmend selbst verschlingt.

Jeder zusätzliche Dollar an Krediten scheint immer weniger Hitze zu erzeugen. In den 1980er-Jahren waren vier Dollar an neuen Schulden nötig, um ein reales BIP-Wachstum von einem Dollar zu erreichen. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts waren es 10 Dollar, und seit 2006 sind 20 Dollar nötig, um zu demselben Ergebnis zu gelangen.

Im Stadium 2013 fließt die Ponzi-Finanzierung von Minsky zunehmend an die Kreditgeber und Marktspekulanten und immer weniger in die Realwirtschaft. Diese „Neue Normalität der Kredite“ ist ebenso von Entropie geprägt wie das physische Universum, und die „Hitze“ beziehungsweise das reale Wachstum, das heutzutage durch eine weitere Kreditaufnahme entsteht, wird von Jahr zu Jahr geringer: Derzeit liegt es bei 2%, verglichen mit einem historischen Wert von 3,5% während der vergangenen 50 Jahre, und dürfte kümftig sogar noch weiter schrumpfen. Erosion des realen Wachstums

Doch die Gläubiger schaffen nicht nur immer weitere anämische Kredite, während ihre „Sixteen Tons“ auf zweiunddreißig und schließlich auf vierundsechzig anwachsen. Zur gleichen Zeit lähmen die heutigen Niedrigzinsen die Sparer und die Geschäftsmodelle, die auf Basis der ehemals positiven Realrenditen und höheren Margen bei der Kreditvergabe entwickelt wurden. Denn die Nettozinsmargen der Banken schrumpfen, die Verbindlichkeiten der Versicherungsunternehmen bedrohen ihr Eigenkapital, und die unterfinanzierten Pensionspläne erfordern höhere Beiträge der Betriebe, sofern die Regulierungsbehörden nicht einschreiten.

Dies hat eine allmähliche Erosion des realen Wachstums zur Folge, da Personalabbau, Schließungen von Bankfilialen und Unternehmenskonsolidierungen mit einem geringeren Bedarf an Arbeitskräften und weiteren Betriebsanlagen einhergehen. Die ursprüngliche Magie der Kreditschöpfung verliert an Kraft, wirkt in einigen Fällen sogar destruktiv und beginnt, die Kreditmärkte sowie einzelne Bereiche der Realwirtschaft, die mit ihrer Hilfe geschaffen wurden, zu verschlingen.
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