LinkedIn DAS INVESTMENT
Suche
in MärkteLesedauer: 8 Minuten

Bill Gross: Rationale Mäßigung

Seite 3 / 4



Denn in Anbetracht der Finanzinnovationen und vereinfachten Regelungen neigen institutionelle Käufer wie Banken, Versicherungen und Pensionsfonds dazu, der Masse an neu emittierten Papieren mit einem Überschwang zu begegnen, der sich ab einem bestimmten Punkt als irrational bezeichnen lässt. Steins abschließende Prognose besagt, dass seine Aufstellung der jüngsten Geschehnisse auf ein „recht bedeutsames Verhaltensmuster des Strebens nach Renditen anhand von Unternehmensanleihen“ hindeutet – was in Akademikerkreisen so viel heißt wie „Vorsicht“.

Ich gehe davon aus, dass die Leser von meiner Wenigkeit nun erwarten, die Rede / Überlegungen des Gouverneurs auseinanderzunehmen und eine eigene, überlegene These aufzustellen. Das habe ich jedoch nicht vor. In Anbetracht meiner zuvor ausgedrückten Reserviertheit gegenüber der Voraussicht der Fed – und auch jener aller anderen Akteure! – applaudiere ich Gouverneur Stein für sein Bemühen, die ursprüngliche Frage von 1996 zu beantworten. Zwar halte ich seine Rede für ein wenig eindimensional und zu modellhaft anstatt verhaltensbasiert. Trotz allem gefällt sie mir, und selbstverständlich stimme ich seinem Fazit zu.

Unternehmensanleihen und High-Yield-Papiere sind in gewisser Weise tatsächlich übermäßig und irrational bewertet. Was nicht heißen soll, dass sie aus den Portfolios zu verbannen sind. Es bedeutet vielmehr, dass sich die zuletzt zweistelligen Renditen voraussichtlich nicht replizieren lassen und das derzeitige Zinsniveau von 5 bis 6% für hochrentierliche Papiere im Zuge der Anpassung an künftige Zahlungsausfälle und Verwertungsquoten auf realisierte Renditen von 3 bis 4% zurückgehen dürfte.

Erst in der vergangenen Woche berichtete die Financial Times, dass die globalen Ausfallraten für Unternehmensanleihen einem Aufwärtstrend folgen, da bilanzschwache Unternehmen in großem Umfang Schuldtitel emittieren. Sagen Sie nicht, Gouverneur Stein hätte Sie nicht gewarnt.