Billige Burger und teurer Reis: Das globale Preisdilemma

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Ein Expertenbeitrag von Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland bei der UniCredit Bank

Die internationale Preisschere geht weiter auseinander. Vergangene Woche hatte China einen überraschend starken Anstieg der Verbraucherpreise gemeldet. Heute Nachmittag wurden jetzt Inflationsdaten für die USA veröffentlicht.

Die Kernrate ging weiter zurück. Mit einem Plus von lediglich noch 0,6 Prozent gegenüber Vorjahr sank der Anstieg der Verbraucherpreise (ohne Energie und Nahrungsmittel) sogar auf den tiefsten Stand seit Anfang der 1960er Jahre. 

Die ausgeprägte Divergenz der Teuerungsraten dürfte die Diskussion um QE2 weiter anheizen. Weitere Spannungen im Verhältnis zwischen den USA und China sind wahrscheinlich.

Auf der einen Seite stehen die Befürworter einer erneuten geldpolitischen Lockerung à la QE2, die sich jetzt wohl bestätigt fühlen dürften. Das unterdurchschnittliche Wachstum und die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in den USA üben einen starken Preisdruck nach unten aus.

Der Kurs der Federal Reserve erscheint alternativlos, um ein Abgleiten in die Deflation zu verhindern. Fraglich ist allerdings, inwieweit noch mehr Liquidität hierbei helfen kann. Das Beispiel Japans in den vergangenen zwanzig Jahren wirft zumindest einige Fragezeichen auf. 

Auf der anderen Seite der Interessensskala stehen die Chinesen. Das erneute Anwerfen der Notenbankpresse durch Ben Bernanke könnte zu weiteren Kapitalzuflüssen in die asiatischen Schwellenländer führen.

Immerhin sind sie dank eines robusten Wachstums zu einem unverändert attraktiven Investitionsziel für Anleger geworden. Die Geldschwemme kommt gerade für China zur Unzeit. Zwar wurde der jüngste Anstieg der chinesischen Verbraucherpreise um knapp 4,5 Prozent primär durch teurere Nahrungsmittel verursacht.

Ohne diesen Faktor betrug die Inflation nur rund 1,5 Prozent. Die Gefahr von Zweitrundeneffekten ist allerdings beträchtlich gestiegen. Zuletzt betrug das Geldmengenwachstum in China noch mehr als 19 Prozent.

Dauerhaft hohe Inflationsraten sind deshalb zu einer ernsthaften Bedrohung geworden. Zudem gefährdet der jüngste Preisanstieg die Ausbalancierung der chinesischen Wirtschaft weg von Export und Investitionen hin zu privaten Konsumausgaben. Immerhin machen Nahrungsmittel rund ein Drittel am Warenkorb aus.

Steigen die Preise, sinkt die Kaufkraft der privaten Haushalte, und es verbleibt deutlich weniger Geld für andere Güter und Dienstleistungen. Zu guter Letzt besteht das Risiko einer übermäßigen geldpolitischen Straffung in China. So wurden in diesem Jahr etwa die Mindestreservesätze bereits vier Mal angehoben.

Wird zu stark an der Zinsschraube gedreht, könnte das Wachstum darunter leiden. Im schlimmsten Fall würde China als globale Wachstumslokomotive ins Stottern geraten – mit gravierenden Folgen gerade für so exportorientierte Länder wie Deutschland.  

Wie nervös die chinesische Politik mittlerweile geworden ist, verdeutlichen die heute angekündigten Maßnahmen des Staatsrates. Um den Preisanstieg zu begrenzen, sollen staatliche Nahrungsmittelreserven freigegeben werden.

Zudem sind Preiskontrollen in Erwägung gezogen worden. Mindestlöhne und Zuschüsse für Geringverdiener werden angehoben, um die Kaufkraft zu stabilisieren. 

Gibt es einen Ausweg aus dem globalen Preisdilemma? Zuletzt hatten die Notierungen für Nahrungsmittelpreise wieder etwas nach unten gezeigt und eine gewisse Entspannung signalisiert. Ob dies allerdings von Dauer ist, bleibt abzuwarten.

China könnte statt administrativer Preiskontrollen seinen Wechselkurs graduell aufwerten lassen, um die Teuerung unter Kontrolle zu halten. Die ökonomisch wohl "schlagkräftigste" Lösung wäre aber eine baldige – und deutliche – Zunahme der Beschäftigung in den USA.

Sie würde das Deflationsgespenst vertreiben helfen und den Einstieg in den geldpolitischen Ausstieg durch die Federal Reserve erheblich beschleunigen. Im Augenblick ist dies allerdings kaum mehr als Wunschdenken.

Zwar rechnen wir in den nächsten Monaten mit soliden Zuwächsen bei der Beschäftigung in den USA. Der Tiefpunkt liegt hinter uns. Für viel mehr als für eine Stabilisierung der Arbeitslosenquote auf dem derzeit hohen Niveau von rund 9,5 Prozent wird es allerdings im nächsten Jahr nicht reichen.

Der Grund: Die stille Reserve drängt zurück an den Arbeitsmarkt und sucht einen Job. Die starke Divergenz der Inflationsraten zwischen den USA und China wird deshalb in den nächsten Monaten anhalten und weiterhin für Spannungen im internationalen Währungssystem sorgen.

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