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ESG-Spezialistinnen im Interview „Die Hälfte des globalen BIP ist mit einer intakten Biodiversität verquickt“

Obstbauern bei der künstlichen Bestäubung von Birnbäumen
Obstbauern bei der künstlichen Bestäubung von Birnbäumen: „Mit Blick auf die Biodiversität sollte sich rasch vieles zum Besseren wenden“, sagen Alix Chosson, ESG-Analystin, und Marie Niemczyk, Leiterin ESG Client Portfolio Management Team, beide bei Candriam. | Foto: Imago Images / Xinhua

DAS INVESTMENT: Frau Chosson, zur Einordnung, was bedeutet Biodiversität für Sie?

Alix Chosson, Candriam

Alix Chosson: Es geht um biologische Vielfalt. Und dabei nicht um die genaue Anzahl von Bienen, Giraffen oder Pflanzen, sondern die Diversität auf allen Ebenen in der Natur. Es geht vorrangig um die Interaktion in der Natur, um intakte Ökosysteme.

Von Biodiversität hängt alles ab: Lebensmittel, aber auch viele Medizinprodukte sind ohne funktionierende Ökosysteme undenkbar. Schätzungen zufolge ist die Hälfte des globalen BIP mit einer intakten Biodiversität verquickt. Geht biologische Vielfalt verloren, leidet die Wirtschaftskraft. Um das zu verdeutlichen: 75 Prozent der globalen Lebensmittelerzeugung hängt von der Bestäubung der Pflanzen durch Bienen ab. Wird das Überleben für Bienen immer schwieriger, geht automatisch die Nahrungsmittelproduktion zurück – und das bei einer rasch wachsenden Weltbevölkerung, die vor einigen Monaten die Marke von 8 Milliarden Menschen übersprungen hat. In Obstanbaugebieten der Provinz Sichuan in China ist es unlängst wegen fehlender Bienen zu ernsthaften Problemen gekommen: Hier mussten Scharen von menschlichen Arbeitern mit Pollen im Gepäck ausschwärmen und die Apfel- und Birnenblüten per Hand bestäuben.

Viele Anlegerinnen und Anleger wollen mit ihrem Kapital sinnvoll wirtschaften. Frau Niemczyk, was sind die Herausforderungen bei der Einbeziehung der biologischen Vielfalt der Welt in Investitionen?

Marie Niemczyk, Candriam

Marie Niemczyk: Die Herausforderungen liegen in der Komplexität des Themas selbst, in der starken Verquickung von Ökosystemen mit dem menschlichen Leben. Wir sehen drei besonders wichtige Hürden: Die erste und wichtigste ist das bisherige Fehlen von Regulierung. Mit Blick auf die Biodiversität ist ein klarer Handlungsrahmen, ähnlich wie das Pariser Abkommen, unabdingbar. Es braucht Anreize für Unternehmen, um der Bewahrung der biologischen Vielfalt mehr Beachtung zu schenken. Die Regierungen müssen – und wollen – hier verstärkt tätig werden. Aber wie gesagt, die Komplexität der Ökosysteme macht die Sache nicht einfach: So hängt die ausreichende Versorgung mit Süßwasser sehr eng mit den gegebenen Klimaverhältnissen zusammen, die sich aufgrund der globalen Erwärmung bekanntlich rasch ändern. Die Aufstellung von bestimmten Standards fällt nicht vom Himmel, es bedarf kluger Überlegungen – gerade auch angesichts einer bislang nur rudimentären Datenlage.

 

Es muss folglich klare Standards für den Umgang mit Biodiversität geben, wenn es heißt: Eine Firma XY will eine Kupfermine in einem bestimmten Gebiet errichten. Nur so haben Anleger die Möglichkeit, den Impact ihrer Investitionen einzuschätzen.

Gibt es Mut machende Beispiele für eine verbesserte Berücksichtigung der biologischen Vielfalt?

Chosson: Es gibt weltweit immer konkretere Bestrebungen, die Entwicklung der Wirtschaft in Richtung einer naturpositiven Entwicklung zu fördern. Beim UN-Biodiversitätsgipfel in Montreal im Dezember 2022 handelten Vertreter von 188 Regierungen in langen und teils kontroversen Diskussionen einen Rahmenvertrag aus, der den weiteren Rückgang der Biodiversität verhindern soll. Um die Artenvielfalt zu erhalten, sollen unter anderem 30 Prozent der Erdoberfläche bis zum Jahr 2030 unter Schutz gestellt, naturschädliche Subventionen abgebaut und die Lebensmittelverschwendung halbiert werden. So soll der Netto-Verlust von Biodiversität gestoppt und eine naturpositive Lebens- und Wirtschaftsweise erreicht werden.

Mit Blick auf den Klimaschutz setzen Unternehmen rund um die Welt viel daran, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern. Wie sieht es beim Vorankommen im Bereich der Biodiversität aus?

Niemczyk: Unternehmen entwickeln großes Interesse an den damit zusammenhängenden Regulierungsmaßnahmen. Der nachhaltige unternehmerische Erfolg und die Biodiversität sind eng miteinander verknüpft. Daher ergreifen Unternehmen zunehmend die Chancen, die sich – beispielsweise in der Landwirtschaft – durch weniger Wasserverbrauch und weniger Chemikalieneinsatz bieten.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Global Biodiversity Score (GBS): Mit diesem Tool können sich Unternehmen einen Überblick darüber verschaffen, welche Auswirkungen verschiedene Geschäftsbereiche und Lieferketten auf die Artenvielfalt und Naturräume haben. Ein großer französischer Luxusgüterkonzern nutzt – wie immer mehr Unternehmen weltweit – den GBS und hat angekündigt, bis 2030 für alle Lieferketten das Prädikat „Null Wüstenbildung und Entwaldung“ erreichen zu wollen. Konkret setzt sich das global agierende Unternehmen dafür ein, bis 2030 auf die Verwendung von Rohstoffen aus Regionen zu verzichten, in denen das Entwaldungs- oder Wüstenbildungsrisiko besonders hoch ist.

Wie hilft Candriam bei der Berücksichtigung der biologischen Vielfalt?

Chosson: In unserem ESG-Ansatz spielt Biodiversität bereits eine große Rolle. Aufgrund der bislang unzureichenden Datenlage gibt es bisher noch keine konkreten Investitionsmöglichkeiten, um den Netto-Verlust von Biodiversität direkt stoppen zu können. Sobald von der Politik Rahmenwerke aufgesetzt werden, die den Verlust – oder den Zugewinn – an Biodiversität messbar machen, folgen entsprechende Produkte von Finanzinstituten. Zunächst braucht die Wirtschaft klare Vorgaben. Solange es lukrativer ist, einen Wald zu besitzen, um die Bäume zu fällen und durch deren Verkauf Gewinn zu erzielen, wird eine nachhaltige Forstwirtschaft interessanter sein, als den Wald sich selbst zu überlassen. Ökosysteme müssen als Mittel zur Wertschöpfung verstanden und somit auch bepreist werden – damit sie mit so geringen menschlichen Eingriffen wie nur irgend möglich erhalten bleiben.

Kurz gesagt, wir stehen also bislang noch am Anfang der zukünftigen Entwicklung?

Niemczyk: Mit Blick auf den Klimaschutz hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Auch mit Blick auf die Biodiversität sollte sich rasch vieles zum Besseren wenden. Hier wird es neue, positive Entwicklungen geben – und es dürfte schneller gehen als viele denken. 

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