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Taucherin mit Flussdelphinen: In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Bestände von im Süßwasser lebenden Arten um 83 Prozent verringert. | © imago images / imagebroker Foto: imago images / imagebroker

Biodiversität

Ein Plan gegen die vergessene Krise

Lassen Sie sich einmal auf das folgende Gedankenexperiment ein: Die globalen Aktienmärkte verlieren innerhalb kürzester Zeit vier Fünftel an Wert. Würden die Regierungen tatenlos zusehen und nichts unternehmen, um diesen Absturz umzukehren?

In einer Zeit, in der sich globale Notlagen verschärfen, ist dies eine höchst relevante Frage, vor allem, da die Menschheit im Jahr 2020 vielleicht zum letzten Mal die Chance hat, das Ruder noch herumzureißen. Doch trotz des gravierenden Ausmaßes der Klimakrise und der Bedrohung der Artenvielfalt gibt es einige positive Entwicklungen. Die Klimaproteste von beispielweise Fridays for Future, Extinction Rebellion und Befürwortern von Anti-Plastik-Kampagnen regen breite Bevölkerungsteile zum Nachdenken an. Auch die EU erkennt die existenzielle Bedrohung für Europa und die Welt und verpflichtet sich zu einer nachhaltigen EU-Wirtschaft – dem Green Deal.

Bedrohung der Artenvielfalt

Doch eines der größten Umweltprobleme hat bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit erlangt: Die immense Zerstörung der Süßwasser-Artenvielfalt und -Ökosysteme, die unsere Lebensgrundlage bilden. Dem Living Planet Index (LPI) der Umweltschutzorganisation WWF zufolge haben sich in den vergangenen 50 Jahren die Bestände von im Süßwasser lebenden Arten um beunruhigende 83 Prozent verringert. Der LPI ähnelt einem Aktienindex – der sich allerdings auf Wildtierbestände und nicht auf Kursbewegungen bezieht.

Sein Rückgang ist alarmierend: Bei Süßwasserarten wie Flussdelphine, Biber, Krokodile und Stör sind rund 88 Prozent der Tiere verschwunden. Nach jetzigem Stand könnte mehr als ein Viertel aller im Süßwasser lebenden Arten, darunter ein Drittel aller Süßwasserfische, aussterben.

In den vergangenen 50 Jahren wurden etwa 30 Prozent der verbliebenen Süßwasser-Ökosysteme zerstört – Ökosysteme, die lange Zeit ignoriert wurden, die uns jedoch Wasser und Nahrung liefern, den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft in der Region stützen und Schutz vor Überschwemmungen, Dürren und Stürmen bieten. Die beunruhigende Entwicklung der Süßwasserarten und -Lebensräume begann bereits vor Jahrhunderten. Allerdings wurden die Versuche, Alarm zu schlagen, sowohl im Bereich des Naturschutzes als auch im Wassermanagement weitgehend ignoriert. Initiativen auf lokaler Ebene erzielten nur minimale Erfolge; sie können am globalen Trend nur wenig ändern. Es bleibt kaum noch Zeit, um die bedrohliche Entwicklung umzukehren und dafür zu sorgen, dass sich die Bestände der Süßwasserarten wieder erholen.

Lebensgrundlage auch für den Menschen

Ohne Süßwasser-Ökosysteme wie Flüsse und Feuchtgebiete wird die Menschheit nicht ausreichend mit Trinkwasser und Nahrung versorgt. Millionen von Menschen, insbesondere in ärmeren Ländern, müssten auf lebenswichtige Nährstoffe aus dem Fischfang verzichten. In Zeiten der sich verschärfenden Klimakrise können naturbelassene Flüsse und Feuchtgebiete – wie Moore, Mangrovenwälder, Sümpfe und Torflandschaften – die Auswirkungen von Extremwetterereignissen abschwächen. Sie tragen dazu bei, extreme Überflutungen aufzufangen und zu verlangsamen, sie dienen als Wasserreserve für Dürrezeiten und als Puffer zwischen Städten und dem steigenden Meeresspiegel.

Der Plan, der die Menschheit retten könnte?

Angesichts des Ausmaßes und der Dringlichkeit der sich abzeichnenden Krise sind drastische Maßnahmen notwendig. Zusammen mit den besten Wissenschaftlern und Politikexperten der Welt haben wir den „Emergency Recovery Plan“ ausgearbeitet, einen Notfallplan für die Süßwasser-Biodiversität. Das sechs Punkte umfassende Strategiepapier, jüngst in der Fachzeitschrift „BioScience“ veröffentlicht, basiert auf Maßnahmen, die bereits einer ganzen Reihe von Flüssen, Seen und Feuchtgebieten zugutegekommen sind.

Es handelt sich um einen umfassenden Plan, der eine Abkehr von der gegenwärtigen Politik der kurzfristigen Erfolge im Naturschutz darstellt und sich einem strategischeren Vorgehen zuwendet. Es müssen rasch Lösungen entwickelt werden, die zur Umkehr der Zerstörung der Biodiversität beitragen können. Beispielweise müssen Flüsse stärker ihrem natürlichen Verlauf folgen können, müssen neue Naturschutzgebiete ausgewiesen und die Verschmutzung drastisch verringert werden. Der Plan sieht vor, dass die Ausbreitung invasiver im Wasser lebender Arten einzudämmen ist. Zugleich sollen Überfischung sowie der nicht-nachhaltige Sandabbau gestoppt werden. Im November 2020 werden zahlreiche Regierungen auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (CBD) diesen Plan unterzeichnen.

Ein Umdenken ist erforderlich

Wenn wir die Gesundheit von Süßwasser-Lebensräumen weiter vernachlässigen, wird die Entwicklungskurve der Artenvielfalt weiter sinken und unsere Lebensgrundlage dürfte schwinden – mit jedem kanalisierten Fluss, jedem verschmutzten See und jedem trockengelegten Feuchtgebiet.

Oder wir können jetzt einen anderen Weg einschlagen. Wir können auf die Wissenschaft hören, uns für den Emergency Recovery Plan engagieren und Süßwasserarten und -Ökosysteme retten, bevor es zu spät ist. Dies könnte die letzte Chance auf eine neue Zukunft sein – eine Zukunft, in der Feuchtgebiete wieder Orte des Wachstums, des Reichtums und der Artenvielfalt sind. Es gibt nur einen Weg, den wir einschlagen können: Wir müssen unsere Süßwassersysteme wieder auf Erholungskurs bringen.

Zurück zu unserem anfänglichen Gedankenexperiment. Sie können Ihr letztes Hemd darauf verwetten, dass die Regierungen nichts unversucht lassen würden, um einen plötzlichen und dauerhaften Einbruch des Dow-Jones-Index oder des FTSE 100 umzukehren. Auch Wirtschaftsführer, Kapitalgeber, Bürgermeister und Gemeinden würden dafür ihr ganzes Gewicht in die Waagschale werfen. Damit unser Emergency Recovery Plan für die globale Süßwasser-Biodiversität Erfolg hat, ist er auf eine ähnlich breite Unterstützung durch all diese Akteure, vor allem jedoch durch die Politik, angewiesen.

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