Es war die teuerste Personalmeldung des deutschen Biotech-Sektors seit Jahren: Ugur Sahin und Özlem Türeci geben ihre Führungsposten bei Biontech Ende 2026 ab. Die Aktie reagierte am 10. März mit einem Kurssturz von rund 17 Prozent; der Börsenwert schrumpfte um 3,5 Milliarden US-Dollar. Zwei Forscher verlassen ein Unternehmen – und der Markt straft so, als hätte er nie an das Unternehmen geglaubt, sondern immer nur an die zwei.
„Beiden waren Herz und Gehirn des Unternehmens“, sagte Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, dem „Handelsblatt“. Das ist kein üblicher Fondsmanagerkommentar, sondern eine Bilanz – und sie wirft sofort die entscheidende Folgefrage auf: Was bleibt, wenn Herz und Gehirn gehen?
Biontech gab die Nachricht zusammen mit den Geschäftszahlen für 2025 bekannt – ein Timing, das die Reaktion an den Märkten kaum schönreden konnte. Der Umsatz stieg zwar auf 2,87 Milliarden Euro, gestützt durch Einnahmen aus der Partnerschaft mit Bristol Myers Squibb. Der Nettoverlust weitete sich dennoch auf 1,1 Milliarden Euro aus. Analysten hatten mehr erwartet. Sie bekamen weniger – und obendrein den Abgang der Gründer.
Absturz eines Börsenlieblings
Die Zahlen für 2026 verschlimmern das Bild. Biontech erwartet einen Umsatzrückgang auf 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro, während die Forschungs- und Entwicklungskosten mit 2,2 bis 2,5 Milliarden Euro abermals darüber liegen dürften. Das Unternehmen verbrennt planmäßig Geld – das ist bei Biotech-Firmen vor dem Markteintritt keine Anomalie, aber es verengt den Spielraum für Fehler. Immerhin verfügt Biontech über liquide Mittel von mehr als 17 Milliarden Euro.
Von der Garage zum Konzern
Um den Abgang einzuordnen, muss man die Gründerbiografie kennen. Sahin und Türeci sind promovierte Mediziner, die nie aufgehört haben, Wissenschaftler zu sein. Bereits 2001 gründeten sie Ganymed Pharmaceuticals, ein auf Immuntherapien gegen Krebs spezialisiertes Unternehmen, das sie 2016 für mehr als 400 Millionen Euro an den japanischen Konzern Astellas verkauften. 2008 folgte Biontech – mit demselben Antrieb, aber größerem Horizont: personalisierte Krebstherapien auf Basis der mRNA-Technologie, jenem Mechanismus, bei dem der Körper per molekularem Bauplan angewiesen wird, selbst gegen Krankheiten vorzugehen.
Was damals nach Grundlagenforschung klang, wurde Ende 2020 zur wichtigsten medizinischen Infrastruktur seit Jahrzehnten: der Covid-19-Impfstoff, entwickelt in Kooperation mit Pfizer, zugelassen in weniger als einem Jahr. Biontech war der erste Anbieter am Markt und verdiente in den Folgejahren Milliardensummen. Sahin und Türeci erhielten 2021 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Das Unternehmen wuchs rasant – und genau darin liegt der Kern des Problems.
„In den vergangenen 18 Jahren haben wir Biontech von einem Start-up zu einem globalen biopharmazeutischen Unternehmen mit einer starken und diversifizierten Pipeline aufgebaut“, bilanzierte Sahin. Die Kurve stimmt. Die Frage ist, wer sie von hier weiterführt.
Wissenschaftler, keine Manager
Hinter dem Abgang steckt mehr als der Wunsch nach einem neuen Forschungsabenteuer. In Unternehmenskreisen heißt es, Biontech habe nach wie vor die Strukturen eines Start-ups – trotz seiner Größe. Es gebe intern Chaos, Mitarbeiter bangten um ihre Stellen.
Das Unternehmen, das in Rekordzeit einen Impfstoff entwickelt hat, tut sich schwer damit, sich selbst in einen effizienten Pharmakonzern zu verwandeln. „Biontech war 2008 ein supersvisionäres Unternehmen. Da war Ugur Sahin genau der Richtige, er ist Mediziner durch und durch“, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person dem Handelsblatt. „Er hat aber nie gelernt, ein großes Unternehmen zu führen oder Produkte zu vermarkten.“
Biontech steht vor aufwendigen Zulassungsverfahren in den USA und Europa, muss Vermarktungsstrukturen aufbauen und sich im wettbewerbsintensiven Pharmageschehen gegen etablierte Konzerne behaupten. Das sind Aufgaben, die andere Fähigkeiten verlangen als die Entwicklung neuartiger Moleküle.
Türeci formulierte den Schritt im „Handelsblatt“-Interview ohne Umschweife: „Biontech geht in die nächste Lebensphase und bereitet sich auf ein industrielles Pharmamodell vor. Das ist notwendig und sinnvoll – aber nicht das, wofür unser Herz schlägt.“
Das neue Unternehmen, dessen Name noch nicht feststeht, soll sich auf die frühe Entwicklung der nächsten mRNA-Generation konzentrieren, gestützt durch künstliche Intelligenz – präziser, potenter und personalisierter als bisherige Ansätze. Sahin beschrieb die Logik klar: „Disruptive Innovationen bedürfen sehr fokussierter Teams, die nichts anderes machen, als daran zu forschen.“
Der Bruch ist kein vollständiger. Sahin und Türeci halten gemeinsam rund 15 Prozent der Biontech-Anteile. Biontech plant seinerseits, eine Minderheitsbeteiligung am neuen Unternehmen zu erwerben und im Gegenzug mRNA-Technologien und entsprechende Rechte einzubringen. Verbindliche Vereinbarungen werden bis Mitte 2026 erwartet. Die laufenden Projekte – darunter die Krebsmedikamenten-Pipeline und das Covid-Geschäft mit Pfizer – bleiben unberührt.
Fonds und ETFs unter Druck
Der 17-Prozent-Rutsch traf nicht nur Direktanleger. Wer Biontech im Portfolio hält, sitzt in einer größeren Gesellschaft. Der First Trust NYSE Arca Biotechnology ETF (ISIN: IE00BL0L0H60) hält Biontech mit einem Anteil von 3,77 Prozent, der Wisdomtree Biorevolution ETF (ISIN: IE000O8KMPM1) mit 2,56 Prozent. Für ETF-Anleger, die auf das Biotech-Segment setzen, war der Dienstag somit ein schmerzhafter Reminder: Sektorwetten tragen konzentrierte Verlustrisiken, auch wenn sie breit gestreut scheinen.
Tiefer im Feuer stecken aktiv gemanagte Fonds, die Biontech bewusst als Wette auf genau jene Gründerpersönlichkeiten gehalten haben, die nun gehen. Der Monega-Fonds Compound Interest (ISIN: DE000A0RAAZ9) hält Biontech mit 5,32 Prozent als eine seiner gewichtigsten Einzelpositionen. Der Profitlich Schmidlin UI (ISIN: DE000A1W9A28) ist mit 4,67 Prozent exponiert – eine nennenswerte Position in einem Moment, da die Nachfolge ungeklärt ist und der Markt Vertrauensverlust einpreist.
Auch die Acatis-Fondsfamilie ist betroffen: Der Acatis Datini Valueflex Fonds (ISIN: DE000A0RKXJ4) hält Biontech mit 3,30 Prozent, die verschiedenen Tranchen des Acatis Aktien Global Fonds (ISIN: DE0009781740) mit je 2,68 Prozent, der Squad Praemium Opportunities (ISIN: DE000A3D58K5) mit 2,61 Prozent. Für alle diese Manager stellt sich dieselbe Frage: Ist der Kurseinbruch eine Kaufgelegenheit – oder ist Biontech ohne seine Gründer ein strukturell anderes Unternehmen?





Biontech ohne seine Seele
Was bleibt, ist ein Unternehmen mit beeindruckender Pipeline und ungeklärter Identität. Biontech plant, bis Ende 2026 bis zu 15 Krebsmedikamente in die entscheidende Phase-3-Studie zu bringen. Zu den hoffnungsvollsten Kandidaten zählt Pumitamig, ein bispezifischer Antikörper gegen Lungenkrebs, entwickelt gemeinsam mit Bristol Myers Squibb. Ebenfalls weit vorangeschritten ist ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat gegen Gebärmutterkrebs. Das Ziel: bis 2030 mehrere Präparate zur Marktreife zu bringen.





Ende vergangenen Jahres hatte Biontech zudem den langjährigen Konkurrenten Curevac übernommen – zwei Unternehmen, die jahrelang in direktem Wettbewerb standen, zunächst bei Covid-Impfstoffen, später bei Krebstherapien. Die Integration dieser Übernahme in eine Phase des Führungswechsels zu stemmen ist kein triviales Unterfangen.
Aufsichtsratsvorsitzender Helmut Jeggle betonte, Biontech werde mehrere Produktkandidaten in der späten Entwicklungsphase zur Marktreife bringen – und unterstütze gleichzeitig Sahin und Türeci dabei, ihre Stärken auf das neue Unternehmen zu richten. Die Nachfolgesuche läuft. Der Ton ist professionell. Nur der Kurs glaubt das noch nicht ganz.
Für Investoren, die die Aktie oder die betroffenen Fonds halten, ist die Lage vielschichtig. Die 17 Milliarden Euro Liquidität sind ein echter Puffer. Die Pipeline ist real und fortgeschritten. Doch der Gründerbonus – jener schwer quantifizierbare Vertrauensvorschuss, den Märkte Visionären gewähren – ist mit dem 10. März verbraucht. Biontech muss sich fortan als Institution beweisen, nicht als Gründerprojekt.
Damit der Übergang gelingt, braucht der Aufsichtsrat zwei Dinge gleichzeitig: eine Führungsperson mit echtem Pharma-Kommerzialisierungstrack und die Fähigkeit, Biontechs Wissenschaftskultur nicht in der ersten Managementrunde zu zerstören. Beides zusammen ist selten. Und selten teuer.

