BIP-Vergleich mit Deutschland Warum Österreich auf der Überholspur unterwegs ist

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Der Termin lässt sich ziemlich genau bestimmen. Es war Mittwoch, der 29. Juni 2016. An diesem Tag drehte sich der Wind. Für Österreich begann ein Höhenflug, den kaum einer – nicht einmal in Österreich selbst – für möglich gehalten hätte. So ein Umschwung kommt in modernen Industriestaaten selten vor. Dass es ihn gibt, ist aber ein gutes Zeichen. Es lohnt sich daher, genauer hinzusehen.

Begonnen hat die Sache am Aktienmarkt. Im Juni 2016 ist der Wiener Aktienindex ATX, nach sechs Jahren mehr oder weniger Stagnation, mit einem Mal geradezu explodiert. Er stieg 19 Monate lang fast ununterbrochen. Das brachte den Anlegern ein Kursplus von insgesamt über 80 Prozent (!). Seitdem sind die Kurse aber nicht abgestürzt, wie man hätte vermuten können. Der ATX entwickelte sich auch heute noch besser als der Dax (Kursindex). Er ist jetzt in die Liga der Indizes aufgestiegen, denen auch internationale Anleger stärker Aufmerksamkeit schenken.

Österreich auf der Überholspur

Reales Wachstum in Prozent ggü. VorjahrQuelle: IWF, eigene Schätzung; Grafik: Assenagon

Das war keine Blase, die durch irgendwelche Sonderfaktoren bedingt war. Sie war fundamental begründet. Das reale Wirtschaftswachstum schoss 2016/2017 geradezu nach oben, von 1,5 auf 2,6 Prozent. Österreich hat mit dieser Rate den großen Bruder und ewigen Rivalen Deutschland hinter sich gelassen (siehe Grafik). 2018 setzte sich das Wachstum fort, obwohl der Rest Europas von einer Wachstumsschwäche befallen wurde. Erst 2019 wird es eine Normalisierung geben. Von einer solchen Entwicklung können andere nur träumen.

Die österreichischen Investitionen zogen schon 2016 preisbereinigt um über 10 Prozent an. Die Beschäftigung erhöhte sich um 1 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ging um über einen halben Prozentpunkt zurück. Bei all dem stiegen die Preise kaum schneller als im Euroraum insgesamt. Die Entwicklung ging 2018 so weiter.

Ungewöhnlicher Wachstumsschub

Martin Hüfner, Assenagon Asset Management

Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Wachstumsschub? Eine Reihe ganz unterschiedlicher Faktoren spielte hier eine Rolle. Auslöser war die Steuerreform, die zum 1. Januar 2016 in Kraft trat. Sie entlastete vor allem die kleinen und mittleren Einkommen um insgesamt 4 Milliarden Euro. Das entspricht rund 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das hilft natürlich der Konjunktur. Es geschah aber weniger über das übliche Deficit Spending, das mit Steuersenkungen normalerweise verbunden ist. Das Defizit der öffentlichen Hand hat sich nur kurzfristig etwas ausgeweitet. 2017 ist es schon wieder deutlich zurückgegangen.

Entscheidend war der Incentive, der von den niedrigeren Steuern auf die Stimmung der Konsumenten und Investoren ausging. Er führte zu höherer Nachfrage, mehr Beschäftigung, mehr Einkommen und damit wieder höherer Nachfrage. Gleichzeitig nahmen mehr Frauen und mehr Ältere Beschäftigung auf.

Es war ein klassischer, sich selbst gegenseitig ansteckender Aufschwung. Er zeigt, dass bei den gegebenen hohen Steuersätzen in den modernen Industriestaaten Steuersenkungen zu einer Freisetzung von marktwirtschaftlichen Kräften führen können. Das macht sie zu einem so wichtigen wirtschaftspolitischen Instrument. Die USA haben damit in diesem Jahr ähnlich gute Erfahrungen gemacht. Deutschland traut sich noch nicht. Wien plant für 2020 eine erneute Steuersenkung.