Das neue Altersvorsorgedepot lohnt sich hauptsächlich für junge Sparer? Versicherungsexperte Robert Bahnsen widerspricht. Warum er – im Gegenteil – ein Mindestalter ansetzt.
Für wen lohnt sich das neue Altersvorsorgedepot? Das hängt von verschiedenen Faktoren ab.| Bildquelle: KI-generiert
Die naheliegende Annahme lautet: Wer jung anfängt, profitiert am meisten vom Zinseszinseffekt – also lohnt sich das neue geförderte Altersvorsorgedepot (AVD) besonders für junge Sparer. Der Aktuar Robert Bahnsen, der Versicherer berät und digitale Finanzplanungstools entwickelt, sieht das anders. Statt einem Höchstalter für Einsteiger spricht er von einem Mindestalter, ab dem sich das AVD – im Vergleich zum freien ETF-Sparplan – überhaupt erst lohnt.
Einmalige Förderung gegen laufende Kosten
Robert Bahnsen ist Aktuar (DAV) und CERA, Geschäftsführer der Vermögenslotse RB UG und stellvertretender Vorsitzender des DAV-Ausschusses Rechnungslegung und Regulierung.
Bildquelle: Robert Bahnsen/ Vermögenslotse
„Der Grund ist eine simple Asymmetrie“, so Bahnsen. Die staatliche Förderung – Zulage oder Steuervorteil aus dem Sonderausgabenabzug – wirke als einmaliger Hebel auf jeden eingezahlten Euro. Wie hoch diese Förderung ausfällt, ergibt sich entweder aus der Differenz zwischen dem Grenzsteuersatz in der Erwerbsphase und dem Steuersatz in der Rente – oder aus den Zulagen. In keinem der beiden Fälle spiele die Laufzeit eine Rolle, meint Bahnsen.
Der Kostennachteil des geförderten Vertrags dagegen wirke in jedem Jahr neu und summiere sich über die Zeit. Der gesetzliche Deckel von 1,0 Prozent gilt dabei nur für das sogenannte Standarddepot, für andere Varianten gibt es keine Grenze. „Wer lange spart, zahlt die Kostendifferenz oft. Den Förderhebel bekommt er trotzdem nur einmal je Euro“, sagt Bahnsen. Anders gesagt: Je länger ein Euro im Vertrag bleibt, desto mehr Jahre hat dieser Kostennachteil, um den einmaligen Fördervorteil aufzuzehren.
Bahnsen meint mit Hebel das Vertragskapital je Euro Netto-Aufwand. Ein Beispiel: Die höchste Zulage beträgt bei jährlich 1.800 Euro Eigenbetrag 540 Euro – insgesamt spart der Anleger damit 2.340 Euro. Für jeden eingezahlten Euro bekommen Sparer damit 1,30 Euro Vertragskapital. Dieser Hebel von 1,3 kommt bei kürzeren Laufzeiten stärker zum Tragen. In anderen Worten: Je kürzer die Restlaufzeit, desto stärker schlägt sich die Förderung in der jährlichen Rendite nieder – einfach, weil sich derselbe einmalige Bonus auf weniger Jahre verteilt. Bei fünf Jahren Restlaufzeit macht die Förderung rechnerisch 5,4 Prozent Rendite pro Jahr aus, bei 45 Jahren nur noch 0,6 Prozent.
Das bedeute aber nicht, dass sich lange Laufzeiten nicht lohnen, stellt Bahnsen klar: Absolut sammele sich über 45 Jahre selbstverständlich mehr Förderung an als über fünf. Nur eben verdünnt sich der einmalige Vorteil pro eingezahltem Euro mit jedem zusätzlichen Jahr im Vertrag – während der Kostennachteil des Produkts genau umgekehrt wirke und mit der Zeit wachse.
Ab welchem Alter sich das AVD rechnet
Auf der Basis typischer Steuerprofile hat Bahnsen ausgerechnet, ab welchem Abschlussalter das AVD den freien ETF-Sparplan schlägt. Für das AVD geht er dabei von Kosten von 1 Prozent aus, für letzteren setzt er 0,2 Prozent an. Bahnsen arbeitet in seiner Simulation mit Brutto-Aktienrenditen von 7,9 Prozent pro Jahr, bei Anleihen nimmt er jährlich 3,0 Prozent an. Die Berechnungen sind nominal, also ohne Inflationsbereinigung.
Entscheidend sei: Wer in der Rente einen Steuersatz zahle, der über dem der Erwerbsphase liegt, für den lohne sich das AVD auch bei kurzem Zeithorizont nicht. Insgesamt wachse der Vorteil mit höheren Einstiegsalter zudem nicht unbegrenzt: Das Maximum sei bei etwa elf Beitragsjahren erreicht, also einem Abschlussalter um 56, und flache darunter wieder leicht ab.
Der Grund: Beim ETF-Depot wird nur der Kursgewinn versteuert, nicht die Rückzahlung des eingesetzten Kapitals. Bei kurzen Laufzeiten ist der Kursgewinn naturgemäß klein – entsprechend gering fällt auch die Steuerlast bei der Entnahme aus. Das verschafft dem ETF-Depot gerade bei sehr kurzen Laufzeiten einen kleinen zusätzlichen Vorteil, der dem AVD-Vorsprung leicht entgegenwirkt. „Je älter, desto besser gilt also bis Mitte fünfzig, nicht darüber hinaus“, so Bahnsen. Bei sehr spätem Abschluss könne das Kapital zudem einmalig als sogenannte Kleinbetragsrente ausgezahlt werden – das ist vorgesehen, wenn der monatlich ausgezahlte Beitrag unter 59 Euro liegen würde.
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Allerdings basieren die von Bahnsen errechneten Schwellen auf Produktkosten von 1,0 Prozent pro Jahr – also dem gesetzlich zulässigen Höchstwert für das Standarddepot. Bei einem günstigeren Depot verschiebt sich die Grenze deutlich. Unter den Anbietern, die Kunden über Jahrzehnte an sich binden wollen, hat der Preiskampf bereits begonnen. Scalable will das Standarddepot kostenlos anbieten, Verbraucher müssten dann lediglich die Fondsgebühr zahlen. Deka hat eine Standardvariante für 0,1 Prozent angekündigt. Heißt: Für viele Sparer dürfte sich das AVD – aufgrund vergleichbarer Kosten zu einem freien ETF-Depot – dennoch lohnen.
Produktkosten sind der entscheidende Faktor
Das sieht auch der Versicherungsexperte so: „Kommt das so und wird es zertifiziert, verschwindet der Kostennachteil nicht nur – er kehrt sich gegenüber einem selbst gebauten ETF-Depot um.“ Für seine Berechnung gelte: Unterhalb von jährlichen Kosten von 0,75 Prozent gebe es in keinem der geprüften Profile mehr ein Mindestalter, dann bleibe allein die Steuersatzfrage. „Die vermeintliche Altersgrenze ist in Wahrheit eine Kostengrenze“, sagt Bahnsen. Ein Viertelprozentpunkt Kostenunterschied entscheide darüber, ob ein Produkt für praktisch niemanden oder für fast alle sinnvoll sei.
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Grundsätzlich weist Bahnsen darauf hin, dass die Berechnungen einen festen Steuersatz in der Erwerbsphase unterstellen – das könne für einen Fünfzigjährigen realistisch sein, für eine Berufseinsteigerin mit steigender Einkommenskurve eher nicht. Der Fördervorteil werde aber jedes Jahr neu zum dann geltenden Satz realisiert. Wer jung ist und später mehr verdient, bekomme einen Großteil seiner Förderung zu höheren Sätzen – eine Rechnung mit dem heutigen, niedrigeren Satz unterschätze den Vorteil deshalb.
Bahnsens Simulation über einen vollständigen 42-jährigen Sparverlauf zeigt allerdings: Der Effekt ist klein. Rechnerisch optimal wäre es in dem angenommenen Fall, die ersten Jahre ins freie ETF-Depot zu sparen und erst mit 29 auf das AVD umzusteigen – der Unterschied zum sofortigen Umstieg liegt aber bei nur 0,3 Prozent bei der jährlichen Nettoentnahme. „Diese Feinsteuerung ist die Mühe nicht wert“, so Bahnsen. Wer sofort starte, mache praktisch nichts falsch.
Wie sich die Rendite auswirkt
Neben den Kosten kommt es bei der Rentabilität für verschiedene Altersgruppen auch auf die Rendite an. Die Berechnung über drei Szenarien zeigt: Ein Prozentpunkt Renditeunterschied verschiebt die Grenze beim Mindestalter teils deutlich. Bei den Profilen mit großem Steuersatzabstand ändert sich dagegen nichts.
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Auf den ersten Blick überraschend: Weniger Rendite hilft tendenziell dem freien ETF-Depot. Das liege daran, dass der Vorteil des Altersvorsorgedepots im Steueraufschub bestehe, erklärt Bahnsen. Konkret: Im ETF-Depot fällt Steuer nicht erst bei der Entnahme an, sondern schon während der Ansparphase über die jährliche Vorabpauschale auf unrealisierte Wertsteigerungen, bei jeder Umschichtung – die steuerlich als Verkauf zählt – und schließlich bei der Entnahme selbst. Das AVD verschiebt dagegen diese Belastungen bis zum Auszahlungszeitpunkt. Je weniger es davon überhaupt gibt – wie bei niedrigerer Rendite – desto kleiner wird folglich der Aufschub-Vorteil.
Was Berater beachten sollten
Für Berater leitet Bahnsen aus seinen Berechnungen konkrete Tipps ab:
Erst die Steuersatzdifferenz, dann das Geburtsjahr: Bei zehn Punkten Abstand oder mehr zwischen dem Steuersatz in der Erwerbs- und in der Rentenphase sei die Sache klar – dann rechne sich das Altersvorsorgedepot. Bei weniger als fünf Punkten entscheide der Zeithorizont, dann lohne sich das Rechnen.
Die 1.800-Euro-Grenze beachten: Gefördert werden Eigenbeiträge bis 1.800 Euro, jeder Euro darüber werde zu höheren Produktkosten angelegt und sei im freien ETF-Depot besser aufgehoben.
Bei älteren Kunden genau hinschauen: Bei 42 Prozent Grenzsteuersatz in der Erwerbs- und 28 Prozent in der Rentenphase lohne sich das AV-Depot bei weniger als 29 Jahren Restlaufzeit immer – selbst bei Nullrendite. Bei 40 Jahren Laufzeit hänge das Ergebnis von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab. Die Schwelle sei immer steuerprofilabhängig: Bei 35 zu 28 Prozent rückt sie auf rund 14 Jahre vor.
Auszahloptionen prüfen: Sparer müssen nicht direkt bei Abschluss festlegen, wie das Kapital ausgezahlt werden soll – dafür ist Zeit bis zur Rente. Möglich sind eine lebenslange Leibrente, die Teilverrentung mit 80 Prozent Rente und 20 Prozent weiter auf Rechnung des Kunden angelegt oder ein Auszahlungsplan bis mindestens 85. Allerdings: Ein Vertrag muss nur eine dieser Formen vorsehen. Wichtig ist auch: Ein Depotanbieter kann keine lebenslange Rente zusagen, dafür braucht es einen Versicherer. Kunden können ihr Depot aber zu Auszahlungsbeginn auf einen anderen Anbieter übertragen – damit ist die Flexibilität gesichert. Bahnsen rät dennoch, vor Vertragsabschluss zu prüfen, welche Optionen ohne Wechsel möglich sind.
Was bei der Produktauswahl zählt
Berater und Kunden sollten – unabhängig vom Abschlussalter – zudem bei der Produktauswahl auf folgende Punkte achten, empfiehlt Bahnsen:
Die Effektivkosten. Bereits ein Viertelprozentpunkt entscheidet darüber, ob sich ein Vertrag für einen bestimmten Kunden rechnet. Der gesetzliche Deckel von 1,0 Prozent gilt nur für das Standarddepot. Wichtig ist deshalb, konkret zu erfragen, um welchen Vertragstyp es sich handelt.
Das Umschichten. Im freien ETF-Depot gilt jede Umschichtung zwischen Aktien und Anleihen steuerlich als Verkauf, selbst wenn das Geld nur von einem Aktien- in einen Anleihen-ETF wandert. Beim Altersvorsorgedepot soll das in der Ansparphase steuerfrei innerhalb des Mantels möglich sein. Allerdings muss das im Vertrag geregelt sein – im besten Fall ohne Zusatzkosten. Andernfalls wird dieser Vorteil verschenkt.
Das Auszahlungsprofil. Der Standardmechanismus beim Auszahlungsplan teilt das verbleibende Kapital durch die Restmonate – ohne die während der Auszahlungsphase weiter erzielten Kapitalmarkterträge einzurechnen. Diese Erträge werden dadurch nicht laufend mitausgezahlt, sondern wandern automatisch ans Ende der Laufzeit – die Rate beginnt entsprechend niedrig und steigt erst später an, was für die meisten Ruheständler die falsche Reihenfolge ist. Sieht der Vertrag stattdessen die gesonderte Auszahlung der laufenden Erträge vor, fließen diese direkt in die aktuelle Zahlung ein, die dann deutlich höher ausfällt. Da es sich um eine Kann-Vorschrift handelt, sollten Berater gezielt danach fragen, ob ein Anbieter diese Option vorsieht.
Der Rentenfaktor. Wer eine Versicherungsvariante mit Verrentungsoption in Betracht zieht, sollte sich zusätzlich den Rentenfaktor zeigen lassen – und zwar garantiert und aktuell. Marktüblich sind laut Bahnsen garantiert etwa 27 und aktuell 42. Wer nur den aktuellen Wert nennt, verkaufe eine Erwartung. Bei einem reinen Depotvertrag mit Auszahlungsplan stellt sich die Frage dagegen nicht: Dort gibt es keinen festen oder garantierten Rentenfaktor, weil sich erst zu Renteneintritt entscheidet, wie hoch die Auszahlung ausfällt.
Hannah Dudeck schreibt seit Oktober 2019 für DAS INVESTMENT und das private banking magazin. Zuvor arbeitete sie als Online- und Finanz-Redakteurin für unterschiedliche Medien.
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