Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Co-Investmentchef Marcel Oldenkott
Bitcoin-Rücksetzer: Warum es sich nicht um eine strukturelle Trendumkehr handelt
Marcel Oldenkott ist Geschäftsführer und Co-CIO von Bit Capital. Bildquelle: Bit Capital / Canva
Was bedeuten die Marktbewegungen bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen? Marcel Oldenkott geht in seinem Beitrag dieser Frage nach und schätzt die Zukunftsaussichten ein.
Bitcoin hat sich zu einem festen Bestandteil der globalen Kapitalmärkte entwickelt. Als zunehmend „mainstreamfähiges“ Makro-Asset unterliegt er daher immer stärker auch makroökonomischen Einflüssen. Gleichzeitig befindet sich das gesamte Krypto-Ökosystem in einer Phase struktureller Reifung: Institutionelle Kapitalströme überlagern zunehmend kurzfristig orientierte Retail-Nachfrage, regulatorische Leitplanken werden klarer und neue Geschäftsmodelle entlang der Wertschöpfungskette gewinnen an Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich eine nähere Betrachtung der aktuellen Marktbewegungen – und darauf, warum die jüngsten Rücksetzer eher eine gesunde Marktbereinigung als eine fundamentale Trendumkehr darstellen.
US-Liquidität unter Druck
Ein genauerer Blick, beispielsweise auf die kurzfristigen Liquiditätsbedingungen in den USA zeigt, warum das Marktumfeld zuletzt unter Druck geraten ist. Denn kurzfristig ist die Liquidität in den USA angespannt. Ursachen sind ein erhöhtes Treasury General Account, das operative Zentralkonto des US-Finanzministeriums bei der Federal Reserve, über das der Staat kurzfristige Zahlungsströme steuert und damit unmittelbar Liquidität aus dem Finanzsystem entzieht. Hinzu kommt ein Finanzierungspfad, der sich durch den im November inzwischen beendeten Government Shutdown zusätzlich verengt hatte. Gleichzeitig bewertet der Markt die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Dezember zunehmend niedriger.
Auf globaler Ebene bleibt die Liquidität jedoch robust, gestützt vor allem durch die anhaltend expansiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen in China und Japan. Dennoch haben Bitcoin und der breitere Krypto-Markt auf die schwächeren US-Makrodaten mit Kursrückgängen reagiert.
Struktureller Wandel überlagert Vierjahreszyklus
Diese Entwicklung fällt zeitlich zusammen mit der traditionellen Vierjahresdynamik des Bitcoin-Zyklus. Das veranlasst einige Marktteilnehmer, ein erneutes Krypto-Winter-Szenario zu erwarten. Wir halten dieses Muster jedoch aus mehreren Gründen für überholt:
- Der Start der Bitcoin-ETFs Anfang 2024 markierte einen zentralen Wendepunkt, gewissermaßen den „IPO-Moment“ von Bitcoin. Der Markt durchläuft daher derzeit einen grundlegenden Strukturwandel: Frühe Investoren realisieren Gewinne, während neue Anleger – insbesondere über die ETFs – erstmals einfachen Zugang zu Bitcoin erhalten.
- Kurz darauf folgten weitere Impulse durch die Unterstützung der US-Regierung, etwa mit dem Vorschlag einer strategischen Bitcoin-Reserve und einer Reihe regulatorischer Anpassungen, die den Marktzugang für Investoren nochmals deutlich erweitert haben wie zum Beispiel die Zulassung von Krypto Assets für Rentenpläne.
- Ein entscheidender Unterschied zum Ende des letzten Bullenmarkts im Jahr 2021 besteht darin, dass die US-Notenbank damals eine Phase aggressiver geldpolitischer Straffung einleitete. Heute hingegen befinden wir uns in der frühen Phase eines Lockerungszyklus.
- Die US-Regierung wird ein starkes Wirtschaftswachstum bis zu den Kongresswahlen 2026 anstreben. US-Präsident Trump wird zudem im Mai 2026 einen neuen Fed-Vorsitzenden ernennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser deutlich stärker auf monetäre Unterstützung und Wachstumsimpulse setzt, ist hoch. Eine solchermaßen ausgerichtete Fed würde tendenziell niedrigere Zinsen tolerieren und damit ein insgesamt liquideres Marktumfeld schaffen. Dieser geldpolitische Kurswechsel würde das Umfeld für Risiko-Assets – einschließlich Bitcoin – deutlich stützen.
- Bitcoin verzeichnete in der Vergangenheit regelmäßig Rücksetzer von 30 Prozent und mehr, auch innerhalb intakter Bullenmärkte.
Regulatorischer Rückenwind und neue Monetarisierungschancen
Ein wesentlicher Treiber für eine stabile und positive Entwicklung am Krypto-Markt ist das sich grundlegend verbesserte regulatorische Umfeld in den USA. Es beschleunigt nicht nur die institutionelle Adoption, sondern eröffnet zugleich eine Vielzahl neuer Monetarisierungsmodelle im Ökosystem.
Ein Beispiel dafür ist der jüngst aktivierte Fee Switch bei Uniswap, der die Plattform in die Lage versetzt, direkte Einnahmen zu generieren, indem ein Teil der auf dem Protokoll anfallenden Handelsgebühren erstmals an die Protokoll-Treasury abgeführt wird. Dies hätte unter der Biden-Regierung zu einem äußerst hohen regulatorischen Risiko für das Uniswap Team geführt.
Zusätzlichen Rückenwind erhält das Ökosystem durch den in diesem Jahr verabschiedeten „Genius Act“ – ein US-Gesetzespaket zur Förderung digitaler Finanzinnovationen und zur Schaffung klarerer regulatorischer Leitplanken für Blockchain-basierte Zahlungs- und Finanzinfrastrukturen. Der Genius Act hat bei institutionellen Investoren einen spürbaren Denkprozess ausgelöst: Man erkennt zunehmend, dass Blockchain-Technologie weit über digitale Währungen hinausreicht und insbesondere im Zahlungsverkehr effizientere, automatisierte Abwicklungsprozesse ermöglicht.
Ein weiteres wichtiges Signal setzte die US-Regierung im Sommer 2025 mit der Entscheidung des Arbeitsministeriums, Krypto-Assets erstmals in 401(k)-Rentenplänen zuzulassen. Damit öffnete sich einer der größten institutionellen Anlagekanäle der Welt – mit dem Potenzial, dem Sektor langfristig stabilere und stetigere Kapitalzuflüsse zu verschaffen.
Parallel dazu kündigte der SEC-Vorsitzende Paul Atkins die Gründung von „Project Krypto“ an – einer Initiative, die darauf abzielt, Aktien, Anleihen und andere Finanzinstrumente künftig direkt on-chain zu emittieren und zu handeln. Diese Maßnahme markiert einen Paradigmenwechsel in der Kapitalmarktarchitektur und deutet auf eine zunehmende Konvergenz zwischen traditioneller Finanzmarktinfrastruktur und Blockchain-Technologie hin.
Dieser Vorstoß der SEC fügt sich in einen breiteren Tokenisierungstrend ein, der weit über Stablecoins hinausreicht. Dabei wird das starke Wachstum von Stablecoins – als tokenisierte Form des US-Dollars – lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen. Die eigentliche strukturelle Dynamik liegt in der umfassenden Tokenisierung realer Vermögenswerte auf der Blockchain, die in den kommenden Jahren zu den wichtigsten Wachstumstreibern des gesamten Ökosystems zählen dürfte.
Chancen im Altcoin-Segment – ein Blick über Bitcoin hinaus
Mehrere Indikatoren sprechen aus unserer Sicht dafür, dass eine Altcoin-Season bevorstehen könnte, also eine Marktphase, in der ausgewählte Altcoins eine deutliche Outperformance gegenüber Bitcoin erzielen. Dazu zählen die rückläufige Bitcoin-Dominanz, der Beginn einer geldpolitischen Lockerung sowie eine sich erholende US-Konjunktur.
Wir betrachten Krypto-Assets grundsätzlich als Technologie-Investments – als Plattformen, auf denen verschiedene Anwendungen entstehen können. Krypto-Währungen sind dabei nur ein möglicher Anwendungsfall. Die zugrunde liegende Blockchain-Technologie kann weitaus breiter eingesetzt werden: beispielsweise für Smart-Contract-Plattformen, Defi-Anwendungen oder andere dezentrale Applikationen.
Diese Anwendungsfelder sind naturgemäß komplexer als reine Zahlungs- oder Wertspeicherfunktionen, weshalb sich die Lernkurve dort noch in einer früheren Phase befindet. Während Institutionen Bitcoin inzwischen als „digitales Gold“ akzeptiert und in Multi-Asset-Portfolios integriert haben, stellt sich nun zunehmend die Frage, wie sie die übrigen Krypto-Assets bewerten und nutzen sollten.
Entsprechend sehen wir inzwischen ein breites Interesse großer Technologie- und Finanzinstitute – von Google, Shopify und Cloudflare bis hin zu J.P. Morgan, Visa, Fiserv und Paypal –, die ihre Zahlungsverkehrsprozesse zunehmend auf Blockchain-basierten Infrastrukturen aufbauen. Damit wird der Nutzen dezentraler Finanzarchitekturen immer deutlicher sichtbarer.
Jedoch erwarten wir keine breite, undifferenzierte Outperformance der Altcoins, sondern eine selektive. Ethereum dürfte einer der Hauptprofiteure sein. In diesem Zusammenhang bezeichnen wir den Genius Act und den Boom rund um Stablecoins als eine Art „Chat GPT-Moment“ für Ethereum. So wie die Veröffentlichung von Chat GPT die Rolle von Nvidia als Schlüsseltechnologie für künstliche Intelligenz hervorgehoben hat, hat der Genius Act die Rolle von Ethereum als Kerninfrastruktur für dezentrale Finanzanwendungen und tokenisierte Assets gestärkt. Stablecoins sind dabei nur eine von vielen Anlageklassen, die auf dieser Infrastruktur abgebildet werden können.
Ebenso sehen wir Potenzial bei Projekten wie Hyperliquid, Ethena oder Ether Fi – Plattformen mit substanziellen Protokoll-Profiten.
Rechencenter-Kapazitäten für KI-Hyperscaler
Als aktiver Investor im gesamten Krypto-Ökosystem – sowohl in digitalen Assets als auch in börsennotierten Unternehmen entlang der Krypto-Wertschöpfungskette – sehen wir weiterhin ein ausgesprochen attraktives Risiko-Rendite-Profil im Segment der Bitcoin-Miner, insbesondere bei jenen, die ihr Geschäftsmodell strategisch in Richtung Infrastruktur für künstliche Intelligenz weiterentwickeln. Die jüngsten Kursrückgänge im Zuge von Befürchtungen über eine potenzielle „AI-Bubble“ eröffnen aus unserer Sicht eine hervorragende Gelegenheit, Engagements in unseren High-Conviction-Titeln weiter auszubauen.
Bitcoin-Mining-Unternehmen wie Iren, Cipher Mining, Hut 8, Terawulf und Core Scientific sollten heute weniger als reine Miner, sondern vielmehr als Anbieter hochperformanter Rechenzentrumsinfrastruktur (High Performance Computing, HPC) betrachtet werden. Das Mining selbst bildet dabei nur einen Anwendungsfall; ein weitaus dynamischeres Wachstumsfeld entsteht durch die Bereitstellung von Rechenkapazitäten und gesichertem Energiezugang für KI-Anwendungen. Der strukturelle Nachfrageanstieg nach energieeffizienten, GPU-optimierten Rechenzentren schafft für diese Unternehmen ein neues, skalierbares und margenstarkes Geschäftsmodell.
Insbesondere das Unternehmen Iren hat sich hervorragend positioniert, um seine Rechenzentrums- und Energiekapazitäten für externe KI-Anbieter bereitzustellen, die diese dringend benötigen. Entscheidend dafür sind skalierbarer Zugang zu günstigem Strom und eine starke Expertise in der technischen Infrastruktur zum Betreiben von GPU-Clustern. Genau auf diese Anforderungen ist Iren spezialisiert. Das Unternehmen verfügt nicht nur über die gesicherte Energieversorgung, sondern auch über langjährige operative Erfahrung im Management hochverdichteter Recheninfrastruktur. Zutaten, die Cloud-Hyperscaler dringend für ihre KI-Datencenter brauchen.
Ausblick: Starkes Umfeld für Krypto-Assets und Aktien
Wir befinden uns nach unserer Einschätzung erst am Beginn mehrerer struktureller Entwicklungen, die dem Krypto-Ökosystem anhaltenden Rückenwind verleihen dürften. Wir gehen davon aus, dass die politischen, regulatorischen sowie makroökonomischen Bedingungen im kommenden Jahr weiterhin positiv bleiben.
Wir sehen staatliche und fiskalpolitische Unterstützung, ein anziehendes Wachstum und steigendes verfügbares Einkommen. Diese Faktoren werden zusätzliche Kapitalflüsse in risikoreichere Anlageklassen begünstigen. Entsprechend könnte der attraktivste Teil des aktuellen Krypto-Liquiditätszyklus noch bevorstehen.
Parallel dazu reift der Krypto-Markt strukturell weiter aus. Während in der Vergangenheit häufig spekulative Narrative dominierten, rücken heute verstärkt Plattformen mit klarer, realer Wertschöpfung in den Fokus. Projekte wie Pump oder Hyperliquid demonstrieren bereits, dass sich belastbare Geschäftsmodelle mit signifikanten, bis zu milliardenschweren Gebühren- und Umsatzerlösen etablieren lassen.
Damit steht Krypto zunehmend weniger für Spekulation – und immer stärker für wirtschaftlich tragfähige, skalierbare Geschäftsmodelle. Vor diesem Hintergrund bleiben wir langfristig optimistisch für die gesamte Anlageklasse und sehen ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis – sowohl für Bitcoin selbst als auch für selektive Investments entlang der Crypto-Wertschöpfungskette.
