Bitcoin ist der Traum von einer unabhängigen Währung. Doch dieser Traum ist nicht Realität geworden, meint Hartmut Giesen. Im Gegenteil zeige sich gerade die Abhängigkeit.
Die Ursprünge des Bitcoin liegen in der Anarchie: dem Traum von einer vollkommen unabhängigen Währung, basierend auf einer neuen und dezentralen Technologie, die Werte digitalisiert. Der Bitcoin sollte frei von politischer Einflussnahme sein, kontrolliert nur von Algorithmen und verfasst in einer basisdemokratischen Struktur.
Wenn Bitcoin der Traum einer von der Politik völlig unabhängigen Währung war, frei von staatlicher Einflussnahme und losgelöst von den Mechanismen klassischer Finanzpolitik, dann ist er zumindest teilweise gescheitert. Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass der Kurs des Bitcoins mehr von Politik getrieben wird als von allen anderen Preisfaktoren.
Zuletzt bewiesen das die US Crypto Week und die Ankündigung der Börsenaufsicht SEC, die Regulierung von Kryptowerten grundlegend neu aufzustellen. Dabei geht es offiziell nicht um Bitcoin selbst, und doch sprang der Kurs sofort an. Neue Allzeithochs wurden erreicht, andere Kryptowährungen profitierten genauso.
Bitcoin-Technologie und Marktpreis folgen eigenen Logiken
Es zeigt sich: Auch wenn die Blockchain-Technologie politisch unabhängig ist, ist der Bitcoin dies noch lange nicht.
Der Grund liegt in der Struktur des Bitcoin-Marktes. Der Bitcoin hat keinen inhärenten Wert. Der praktische Nutzen des Bitcoin als Bezahltechnologie geht gegen Null, weshalb er sich nicht als Währung durchgesetzt hat. Nur aus seiner inzwischen großen Bedeutung als etablierte Anlageklasse wird ihm ein Wert zugebillgt, der sich in einem Preis ausdrückt, der sich allein durch Angebot und Nachfrage bildet.
Dabei ist das Angebot durch die deflationären Gründungsalgorithmen vorgegeben: Über Jahre werden zwar immer neue Bitcoins durch Mining geschaffen. Doch dieser Prozess des Minings wird immer aufwändiger, es dauert länger, einen neuen Bitcoin zu schaffen, und es kostet mehr: mehr Energie, mehr Infrastruktur, mehr Rechenleistung. Das maximale Angebot an Bitcoin ist auf 21 Millionen limitiert. Bei einem begrenzten Angebot bestimmt die Nachfrage den Bitcoin-Wert.
Diese Nachfrage wiederum speist sich aus Vertrauen. Ein Teil davon ist ein technisches Vertrauen: Die Blockchain ist fälschungssicher, dezentral organisiert und zuverlässig. Niemand zweifelt noch an ihrer grundsätzlichen Eignung, Werte zu digitalisieren.
Politische Legitimation als Werttreiber
Doch der entscheidende Treiber für das wertbildende Vertrauen liegt außerhalb des Codes: in der politischen Legitimation. Positive Regulierung schafft Akzeptanz und zieht institutionelle und private Anleger an, negative Regulierung schreckt sie ab – und lässt Nachfrage damit steigen oder die Preise sinken. Denn auch wenn der Bitcoin anarchisch angelegt ist, Grenzen überwindend funktioniert und weder an Sprache noch an Orte gebunden ist: seine Interaktion mit der Welt außerhalb seiner selbst ist an Regeln gebunden. An Regeln, die von Regierungen gemacht werden.
Regierungen, vor allem die der großen Wirtschaftsnationen, verfügen damit über einen indirekten, aber starken Hebel, um den Bitcoin und andere Kryptowährungen zu beinflussen. Sie müssen die Blockchain nicht manipulieren, um den Kurs zu beeinflussen. Allein die Androhung strenger Regeln oder die Aussicht auf eine behutsame Integration in das Finanzsystem lassen den Bitcoin fallen oder steigen. Dabei sind die Preisreaktionen in der Regel nicht Ziel, sondern Nebenwirkung politischer Entscheidungen.
Diese politische Beeinflussbarkeit hat Grenzen. Ob kleine Staaten den Bitcoin fördern oder verbieten, spielt für seinen Preis keine Rolle. Sein Kurs wird in New York, London und Hongkong gemacht, nicht in Valletta oder Tallinn. Für die großen Wirtschaftsnationen hingegen gilt: Wollten sie gezielt auf den Preis einwirken, könnten sie es – sei es durch regulatorische Eingriffe, durch den Aufbau von staatlichen Krypto-Reserven oder deren Abbau.
Der Bitcoin ist also ein technologisch unabhängiges, aber politisch nicht entkoppeltes Asset. Sein Kurs hängt am Vertrauen der Anleger – und dieses Vertrauen wird mehr von den Finanzministerien und Aufsichtsbehörden der Welt geprägt als von den Minern im Netz.
Das unterscheidet das digitale Gold Bitcoin auch grundsätzlich vom physischen Gold: Der Preis physischen Goldes lässt sich durch Politik weit weniger stark beeinflussen als der von Kryptowährungen. Zumal es quasi einen physischen Grenzwert aufweist, der sich aus der Materialnachfrage unabhängig von Finanzmarktnachfrage ergibt. Zeit also, aus Bitcoin Schmuck zu machen.